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Die Natur fasziniert nach wie vor – Teil V

Kanada

Der Wädenswiler Zimmermann Jerôme Flüeler lebt seit einem Jahr in Gibsons an der kanadischen «Sun-shine Coast». Unterdessen sind ihm manche kanadische Eigenheiten vertraut geworden, dennoch bleibt er der Schweiz verbunden. 

Text: Susanna Valentin, Bilder: zvg

Ein Jahr ist es her, seit sich der Wädenswiler Jerôme Flüeler für das Abenteuer Kanada entschieden hat. Damals reizte ihn die Ferne. Seine Ausbildung zum Zimmermann war abgeschlossen, er wollte neue Erfahrungen sammeln. Wie wird andernorts gebaut? Die Möglichkeit, das in Kanada auszuprobieren, lockte den jungen Mann. Am 3. April 2019 stand er schliesslich zum ersten Mal auf der anderen Seite des Atlantiks. «Bei der Ankunft in Vancouver war ich total beeindruckt von allem Neuen», erzählt der 22-Jährige. Bis dahin hatte er noch keine langen Reisen unternommen, der Plan, 18 Monate fern der Heimat zu sein, forderte ein bisschen Mut. 

Was ihm zuerst neu und un­gewohnt erschien, gehört heute zu seinem Leben dazu. «Mittlerweile bezahle auch ich meinen Kaffee für zwei Dollar mit Karte», sagt er und lacht, «so wie alle anderen Kanadier auch.» Er hat sich eingelebt und manche Gewohnheiten übernommen. «Natürlich gibt es auch Dinge, die für einen Schweizer auch nach einem Jahr ein bisschen exotisch sind», sagt er dazu, umso mehr schätze er dafür die Offenheit und die Gastfreundlichkeit, mit der ihm die Leute hier begegnen würden.  

«Ehy!»

Das Englisch war zu Beginn eine Herausforderung. Flüeler verliess sich darauf, schnell zu lernen. Mit Erfolg: «Mittlerweile fliesst das typische Kanadische «ehy» (übersetzt: «oder») ganz automatisch in meine Sätze ein», erzählt er, auch englische Fluchworte hätten sich in seinen Wortschatz geschlichen. Mit der Sprache sei auch der Zugang zum Land und den Menschen immer einfacher geworden. 

Bei der Arbeit spürt Flüeler die Unterschiede zur Schweiz am stärksten. «Diese Umstellung war am Anfang sehr schwierig für mich», erzählt er nachdenklich, in der Schweiz werde komplett anders gebaut. In Kanada stehe die Optik an erster Stelle, alles müsse gross und schön sein. «Dafür werden bei der Qualität Abstriche gemacht», gibt der junge Zimmermann zu bedenken. 

Per Boot und Quad zur Arbeit

Arbeit hatte Flüeler im vergangenen Jahr immer genug. Für die Kanadische Firma «West Coast Log Homes» packte er bei verschiedenen Bauprojekten mit an. Im Moment ist er bei einem Umbauprojekt in einem grossen Ressort eingespannt. Da es keine Zufahrtstrasse dorthin gibt, reist der Zimmermann per Boot an. Ein grosses Privileg, wie er findet. «Ausserdem ist die Lokalität so gross, dass wir uns mit Quads darauf bewegen», fügt er an. Für ihn ein Glücksfall. 

Nicht nur die Vielfältigkeit der Aufträge schätzt er an seiner Arbeitsstelle, auch sein Chef ist in der vergangenen Zeit zu einer wichtigen Person geworden. Er habe ihm bei allen Unsicherheiten geholfen und für Probleme Lösungen gesucht. «Das hat mir das Leben hier sehr vereinfacht», erklärt der Wädenswiler.

Begeisterung für die Natur bleibt

Trotz der abwechslungsreichen Arbeitssituation lässt er es sich bis heute nicht nehmen, besondere Momente zu geniessen. «Manchmal lege ich mitten im Tag kurz die Maschine nieder und bestaune die Natur um mich herum», erzählt er. Die Natur und die Tiere, die ihn an der kanadischen Sonnenscheinküste umgeben, faszinieren ihn auch nach einem Jahr in Nordamerika. 

Die Natur kann er nun noch rund sechs Monate geniessen, der Rückflug in die Schweiz ist im September geplant. «Das vergangene Jahr war wahnsinnig interessant und aufregend», sagt Jerôme Flüeler dazu, «aber langsam zieht es mich trotz der Schönheit hier wieder nach Wädenswil zurück.»

West Coast Log Homes

 

INTERVIEW

«Ich fühle mich hier in Kanada sicher»

Zwischen dem Artikel über den Zimmermann Jerôme Flüeler und diesem Interview liegen nur wenige Wochen. Wochen, in denen das Corona-Virus den gewohnten Alltag auf den Kopf gestellt hat. Was hat sich in dieser Zeit im Leben des jungen Wädenswilers in Kanada verändert? Der Wädenswiler Anzeiger hat nachgefragt. Das Gespräch fand am 11. April per Skype statt. 

Das Leben hier bei uns hat sich durch das Corona-Virus zur Ausnahmesituation entwickelt. Wie hat sich Dein Alltag in Kanada verändert?

Ich spüre die Einschränkungen vor allem beim Einkaufen. Die Anzahl Personen im Geschäft ist wie in der Schweiz limitiert, und viele sind mit Mundschutz und Handschuhen unterwegs. Wenn ich das sehe, wird mir bewusst, dass das Corona-Virus auch hier ist. 

Nimmst du das sonst nicht so wahr?

Dadurch, dass in Kanada bis jetzt vor allem grosse Städte wie Vancouver betroffen sind, scheint die Bedrohung hier im ländlicheren Teil kleiner. Hier ist das Land auch nicht so dicht besiedelt, viele wohnen sowieso kilometerweit voneinander entfernt. 

Wie sieht es mit deiner Arbeit aus? Dürft ihr noch bauen?

Ja, ich arbeite nach wie vor 100 Prozent. Da mein Arbeitgeber aktuell dabei ist, ein Ressort für einen Telefonanbieter mit Funkmasten zu bauen, sind unsere Arbeiten systemrelevant. 

Hier in der Schweiz werden immer wieder Hygieneverstösse auf Baustellen publik. Wie sieht das bei euch aus?

Unser Arbeitsort ist so abgeschottet, dass das völlig unproblematisch ist. Ich sehe in der Regel nur meinen Arbeitskollegen, der mich am Morgen mit dem Auto abholt. Dann setzen wir per Fähre zur Baustelle über. Auf der Insel, auf der das Ressort gebaut wird, sind wenig Leute vor Ort. Abstand halten ist also kein Problem, wir haben kaum Kontakt zueinander. Dadurch fühle ich mich dort auch sehr sicher. 

Bist du froh, nicht untätig zuhause sitzen zu müssen?

Freie Zeit zu haben gefällt mir natürlich auch. Dadurch, dass die Freizeitaktivitäten so eingeschränkt sind, bin ich aber froh um die Arbeitsroutine. Sie strukturiert meinen Alltag nach wie vor, das hilft darüber hinweg, dass ich meine Freunde nicht mehr treffen kann. Die Abende alleine zu verbringen, bleibt aber hin und wieder schon sehr trostlos. 

Was fehlt dir besonders, wenn du Freizeit hast?

Die Treffen in den Bars, der Austausch mit anderen. Ich bin ein geselliger Mensch, mir fehlt es, Leute zu treffen. Mittwochabends spiele ich zum Beispiel gewöhnlich mit Freunden Billard in einer Bar. Es sind solche Dinge, die jetzt als Abwechslung zur Arbeit fehlen. 

Andere Schweizer und Schweizerinnen im Ausland bevorzugten es, in der Corona-Krise heimzukehren. Hast du dir diese Frage nie gestellt?

Doch, sicher. Aber mir war ziemlich schnell klar, dass ich an meinem Plan festhalten möchte und die vollen 18 Monate wie geplant hier bleiben will. Ausserdem fühle ich mich hier nicht exponiert, in Kanada empfinde ich die Lage im Moment als sehr sicher. Wäre das anders, wäre eine Heimkehr sicher dringender. 

Fehlen dir deine Familie und Freunde aus der Heimat jetzt mehr als sonst?

Ja, durch die einsamen Abende vermisse ich auch sie mehr. Ich telefoniere im Moment viel häufiger als sonst mit Leuten aus der Schweiz. Diese Situation rückt einem auch mit grossen Distanzen näher zusammen. 

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