Richterswil

Der Bahnhof Richterswil im Wandel der Zeit

Richterswil hat seit diesem Jahr keinen Schalterbetrieb mehr im Bahnhof der SBB. Das 144-jährige Gebäude hat einiges erlebt, was noch kommt, ist ungewiss.

Seit der Inbetriebnahme der ersten Eisenbahn in der Schweiz im Jahre 1847 haben sich die führenden Kreise von Industrie und Handel in Zürich und dem Bezirk Horgen Gedanken gemacht, ob eine linksufrige Bahnlinie dem Handel zuträglich wäre. 1872 wurden die Pläne der Nordostbahngesellschaft (NOB) konkret und sahen eine Bahnstrecke entlang dem linken Zürichseeufer vor, unter anderem mit einer Station in Richterswil. Dass gewisse Opfer zu bringen waren, das war der Gemeinde sehr wohl bewusst, aber auch, wie wichtig der Seeanschluss ist. Ein Wohnhaus und ein Spritzenhäuschen wurden aufgegeben, aber dass die Eisenbahn den Seeweg blockieren würde, das wollten die Richterswiler nicht hinnehmen. Sie wiesen in einem Schreiben an den Bundesrat in Bern auf die Wichtigkeit ihres Hafens mit dem grössten Güterverkehr am ganzen Zürichsee hin. Sie wollten diese Wasserstrasse ausserhalb der Bahn aufrecht erhalten. Ein Vertrag mit der NOB verpflichtet dieselbe zum Bau eines Anlegers mit Anfahrts- und Ausladestelle, einem Quai sowie zwei befahrbaren Bahnübergängen (am Hafen und Horn). Diese gingen nach der Fertigstellung in Eigentum und Unterhalt an die Gemeinde über. Im Gegenzug trat die Gemeinde Land an die Bahngesellschaft ab, Private wurden entsprechend entschädigt.

Im Februar 1875 schrieb die NOB Stellen aus für «Stationsvorstände und Gehülfen» für zahlreiche neu gebauten Bahnhöfe entlang der Bahnstrecke Zürich–Glarus und wollten vor allem jüngeren und der französischen Sprache mächtigen Leuten den Vorzug geben.

Eröffnung von Bahnhof und Zürichseebahn

An einem Samstag, dem 18. September 1875, öffnete der Bahnhof Richterswil unter Mitwirkung der Dorfjugend seine Tore. Das Stationsgebäude entsprach einem Standardbau der NOB, ein Bahnhofsgebäude gleicher Art befand sich in Wädenswil, Horgen und Thalwil. Beidseitig der Schalterhalle schliessen sich die Wartesäle (für 1. und 2./3. Klasse) mit Terrasse an. Diese «Sommerwartesäle» wurden mit Schmiedeisengeländern versehen und gusseiserne Säulen tragen das auf drei Seiten durchgehende Perrondach. Den Dachvorsprung verzieren handgefertigte Laubsägedekorationen. Im oberen Stock befanden sich zwei Dienstwohnungen. Zum Ensemble gehören ein Güterschuppen, ein Brunnen, ein WC- und ein Waschhäuschen. Zusätzlich wird auf dem Gelände Richtung Bäch eine Lokremise und eine Drehscheibe erbaut.

Am selben Tag wurde die linksufrige Zürichseebahn von der Schweizerischen Nordostbahn feierlich eröffnet. Um 9 Uhr verliess eine reich geschmückte Lokomotive mit Festzug Zürich, dampfte vorbei an den zahlreichen Stationen, wo Schaulustige die Ankommenden festlich empfingen. Trotz zeitweilig nur vierminütigem Aufenthalt erreichte der Zug Glarus erst nach über vier Stunden Fahrzeit, wo die Hohen Regierungs- und Ratsherren der am Projekt beteiligten Kantone «toastierten», wie die Grenzpost von 22. September 1875 zu berichten weiss.

Bei der Rückreise nach Zürich empfing Richterswil das Dampfross mit einem Lichtermeer aus 1500 Fackeln entlang der Bahnstrecke und die Dorfjugend führte chinesische Papierlaternen mit sich. In der Grenzpost heisst es weiter: «Im Hintergrund der 200 Fuss hohe Springbrunnen des Hrn. Zinggeler, bengalisch beleuchtet, diess Alles gewährte einen Anblick, gegen welchen eine sogenannte ‹italienische Nacht› nur ein ‹Speuz›.» Im Gegenzug ertönten aus dem herannahenden Zug Bravorufe und «Hoch Richtersweil!» und die NZZ gestand dem Dorf denn auch den zweiten Platz zu unter der gelungenen Empfangsfestivitäten.

Jubel von kurzer Dauer

Am 20. September wurde der reguläre Betrieb der Zürichseebahn aufgenommen. Bereits zwei Tage später ereignete sich in Horgen eine Katastrophe: Im Bahnterrain bildeten sich Risse, die Züge von Zürich und Richterswil herkommend konnten noch rechtzeitig gestoppt werden. Kurz vor Mittag lagen Schienen, Schwellen und Bahnmaterial 20 Meter tief im See, am Abend umspülte das Wasser bereits die Veranda des Bahnhofgebäudes. Während der Nacht rutschte das Gelände weiter ab, so dass das Stationsgebäude fast im Zürichsee versank.

Der Bahnbetrieb wurde daraufhin von Zürich–Horgen und ab Richterswil (später ab Wädenswil) nach Glarus geführt, die Strecke dazwischen musste per Dampfboot überwunden werden. Für die gesamte Strecke wurde mit einer Fahrzeit von drei Stunden gerechnet.

Auch Richterswil hatte mit einem solch gefährdeten Streckenabschnitt zu kämpfen, nämlich zwischen Garnhänke und Seegarten. Beim Bau der Linie wurden damals ganze Baumstammgeflechte und Wagenladungen voll von Steinen in den See gekippt, um dem Bahntrassee genügend Halt zu geben. Wirklich sicher wurde die Strecke erst mit der Verlegung weiter landeinwärts in den 1930er-Jahren.

Am 17. Februar 1883 erteilt die Brunnengesellschaft zum Seebrunnen Richterswil der NOB für einen jährlichen Obolus von 20 Franken die Erlaubnis, jederzeit aus dem stationsnahen Brunnen Wasser zu beziehen. Per 1. Januar 1902 wurden sämtliche Strecken der NOB mit den neu gegliederten Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) zusammengelegt. Zu dieser Zeit wurden 23 000 Tonnen Ware aus der Richterswiler Industrie per Bahn transportiert

Ungebremster Fortschritt

Die Strecke Zürich–Richterswil wurde ab 1913 nach und nach auf den elektrischen Betrieb umgerüstet und hatte entsprechenden Personalabbau zur Folge. Nach dieser technischen Neuerung konnte die Drehscheibe dem Altmetall zugeführt werden und die qualmenden Dampfzüge hatten ausgesorgt.

Ebenso wie die Bahnstrecke erlebte auch das Stationsgebäude in Richterswil immer wieder einen Wandel. Glücklicherweise wurden einige Projekte nicht verwirklicht und alle Abbruchwellen hatte es überlebt. Um 1950 wurden auf dem nordwestlichen «Sommerwartesaal» eine Telefonkabine und ein Kiosk eingebaut.

Seit 1979 ist das Bahnhofsgebäude samt Güterschuppen und Aborthäuschen unter Schutz gestellt. Kurz darauf erfuhr der Bahnhof eine Innenrenovation und im Zeitraum vom Bau der neuen Seestrasse wurde das Bahnhofareal mit einer Personenunterführung ans Dorf «angeschlossen». Die Überquerung der Geleise zum Zug ist für Aus- und Einsteigende Geschichte, ebenso die «Beaufsichtigung» der Fahrgäste durch das Bahnpersonal.

Von 1988–1990 veranlasste die SBB eine umfassende Renovierung der Bahnhofsbauten; der vormals rotbraune Besenwurfverputz wurde entfernt und sowohl Stations- wie Abortgebäude mit einem hellgrauen Glattverputz versehen. Die Gurtgesimse sind dunkelgrau gestrichen und ebenfalls in die ursprüngliche Farbgebung zurück versetzt worden. Selbst die neuen Doppelverglasungsfenster übernahmen die alte Profilierung und Teilung. Der Kiosk zügelte ins umgebaute WC-Häuschen. Der sorgsame und wertschätzende Umgang mit der Liegenschaft ist nicht unbeachtet geblieben: zwei Jahre nach Renovationsende wurde der Bahnhof als «schönster renovierter mittelgrosser Bahnhof in Europa» mit dem «Brunel Award Madrid» ausgezeichnet. Eine entsprechende Tafel am Stationsgebäude zeugt von dieser Ehre.

Vor wenigen Jahren zog der Kiosk erneut um und wurde – mit einem Lebensmittelangebot erweitert – im umgebauten Güterschuppen angesiedelt. Im ehemaligen Abortgebäude oder eben Kioskhäuschen entstand eine kleine Ladenfläche.

Neunutzung

In den letzten drei Jahren war der Schalterbetrieb auf fünf Wochentage reduziert worden. Im Herbst 2018 wurde das Bahnhofsgebäude mittels Sandstrahlarbeiten aufwendig renoviert, das Holzfries unter dem Dach hatte stark gelitten und musste stellenweise ersetzt werden. Erstmals wurden auch die eisernen Geländerkonstruktionen unter dem Perronvordach demontiert, in die Werkstatt gebracht und aufgearbeitet. Der Güterschuppen, welcher 1906 um einen Backsteinanbau erweitert worden war (dieser beherbergt Büro, Zimmer und Magazin), bekam ebenfalls einen neuen Anstrich, Fassade und Fenster wurden repariert.

Das älteste Bahnhofgebäude im Bezirk wird im neuen Jahr erneut einen Wandel erfahren: die SBB haben beschlossen, den Schalterbetrieb auf Ende 2018 einzustellen. Diesen Schritt macht sie, weil angeblich an diesem Bahnschalter ein jährlicher Verlust in sechsstelliger Höhe verzeichnet wurde und der Bund auf einen haushälterischen Umgang mit deren Mitteln pocht. 88 Prozent der Billettkäufe würden ausserdem auf selbstbedienten Kanälen getätigt, so die SBB.

Was das Personal angeht, so werde aus wirtschaftlichen Gründen niemand entlassen werden; das Personal wechsle an andere Standorte, wie es bei der Medienstelle heisst. Die SBB bleiben weiterhin Besitzerin des Bahnhofgebäudes und suchen nach einem geeigneten Mieter der ehemaligen Schalterräumlichkeiten. Da der Bau unter Denkmalschutz steht, wird mit der Denkmalpflege geprüft werden müssen, welches Inventar ebenfalls diesen Schutz geniesst. Genaueres ist noch nicht bekannt. (rb)

Einen herzlichen Dank geht an Anita Pfister vom Ortsmuseum, welche mir mit viel Enthusiasmus und Zeit geholfen hat, mich in dem grossartigen Archiv des Ortmuseums Richterswil zurechtzufinden, damit ich meine Recherchen machen konnte. Reni Bircher