Aktuell Richterswil

Das Seeufer für Mensch und Tier gestalten

Seit einiger Zeit erhitzen sich die Gemüter an den Renaturierungsplänen von Gemeinde und Kanton. Grösstes Ärgernis bildet wohl das damit verbundene Fällen der Kastanienbäume. Es hängt jedoch weit mehr an dem Projekt.

Der Bau des Hochwasserentlastungsstollen von der Sihl Richtung Thalwil hat zutage gebracht, dass die Gemeinde Richterswil dem Kanton ein Flachufer «schuldet». Die Gründe für dieses Versäumnis lassen sich nicht vollends klären. Die nicht umgesetzte Renaturierung nach dem Bau des neuen Hafens ist vom Kanton also wieder ausgegraben worden, weil nach Orten Ausschau gehalten wurde, an denen im Zürichsee Platz geschaffen werden kann, um die möglichen Wassermassen bei einem Jahrhundertwasser aufzufangen. Die Suche erwies sich als mühsames Unterfangen und sorgt für Ernüchterung: der Zürichsee ist rundherum fast völlig zugebaut. Somit gelangte der Kanton wieder an die Richterswiler Gemeinde mit der Aufforderung, die vor Jahren geplante Renaturierung des Seeufers mit dem Aushub für den Hochwasserschutz zu verbinden. Dies betrifft das Stück bei der Garnhänki, genauer vom Ende der Badi und Bocciabahn bis zur Kantonsgrenze zu Schwyz, also nach der letzten Unterführung auf Gemeindeboden und dem Känzeli.

Mögliche Varianten erarbeitet

Kurz vor Weihnachten fand ein Treffen mit den involvierten Behörden statt und dem Gemeinderat wurden vier Varianten der Ufergestaltung präsentiert. Diese werden derzeit anhand der eingebrachten Vorschläge und Einwendungen von dem beauftragten Ingenieurbüro nochmals überarbeitet, wie Gemeinderat Christian Stalder, Vorsteher Abt. Werke, erläutert. Ein weiteres Thema ist die Kostenfrage, welche noch nicht klar definiert werden kann, da sich das Projekt noch im Planungsstadium befindet, dann aber sicher Verhandlungssache wird.

Ein erster Entwurf platzierte den Spazierweg direkt am Bahngelände, was der Gemeinderat sogleich abgelehnt hat. Nach dessen Vorstellung soll der Weg durch eine Lärmschutzwand (mit Büschen oder entsprechenden Ausbauten) nun weiter innen verlaufen, zusammen mit einem Rasenstreifen, möglichen Bäumen und Sitzbänken. Zudem wird der Weg erhöht und kein durchgehender Schilfgürtel gepflanzt, so dass der Seeblick gewährleistet ist. «Der Blick auf den See ist einmalig und das ist uns wichtig, dass dieser bleibt. Wir wollen keinen Tunnel bauen: auf einer Seite die Bahnlinie, die andere voller Schilf», resümiert Christian Stalder. Auch sollen Spaziergänger die Möglichkeit haben, sich hinzusetzen und zu verweilen. Der direkte Zugang zum See wird aber beschränkt und somit die Kleintiere geschützt, die sich in der Bepflanzung aufhalten. Ein dringendes Facelifting benötig auch das Känzeli mit den beiden Eichen und der «Betonbunker» dahinter, der kein schöner Anblick ist.

Die Fällung der Kastanienallee ist unumgänglich. Als die Bäume in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts gepflanzt wurden, schien die Wahl der Rosskastanien richtig, denn sie bilden ein natürliches Schattendach. Dass die Zufahrt einmal für ein Rettungsfahrzeug ausreichen soll, damit hat niemand gerechnet. Spaziert man durch die Allee, fällt denn auch auf, dass die Äste nur seeseitig ausladend sind, auf der Landseite mussten diese gestutzt werden. Normalerweise mögen diese Bäume einen regelmässigen Schnitt gut vertragen, solange das die jungen Äste betrifft, weiss Thomas von Atzigen, Verantwortlicher für Gemeindegrün und Bäume. Wegen der Rettungswagen mussten jedoch diverse Stark-Äste am Stammansatz abgeschnitten werden, und diese sind äusserst anfällig für Faulstellen. 

Es ist etwas faul …

Inzwischen sind sämtliche Bäume mehr oder weniger stark von Fäulnis befallen, einige wurden schon vorgängig gefällt, weil deren Standfestigkeit nicht mehr garantiert werden konnte. Die Faulstellen und hohlen Stämme sind auch für Laien ersichtlich. Dass die Rosskastanien erkrankt sind, ist schon seit einigen Jahren bekannt. Deshalb werden sie auch jährlich vom Gemeindefachmann kontrolliert und bei kritischen Exemplaren auch deren Standfestigkeit überprüft. Einige werden vermutlich noch vor dem Beginn der Renaturierung der Kettensäge zum Opfer fallen.

Beim zukünftigen Seeweg Richtung Bäch wird bei der Neupflanzung auf Baumart und Kronenform sowie auf die Stammhöhe geachtet werden, auch weil es Vorschriften in Bezug auf die Nähe zu den Geleisen einzuhalten gilt. Sie sollen möglichst natürlich wachsen können und nicht zu hoch werden. Eine Allee wird nicht mehr möglich sein, denn Schilf mag keinen Schatten. Vielmehr steht die Idee von kleinen «Oasen» mit Sitzbank und schattenspendendem Baum in den Köpfen der ortsansässigen Mitdenker. Genau diese Leute sind es auch, welche das gesunde Dreiergespann von in den See hängenden Bäumen erhalten will. «Wir könnten uns eine kleine Landzunge gut vorstellen, die zu den Bäumen führt», sinniert etwa von Atzigen.

Aus der Pflicht das Beste rausholen

Der Standort der Fontäne bleibt und ist – soweit ersichtlich – von den Aushebungen in ihrem Betrieb nicht eingeschränkt. Mögliche Bedenken, dass bei einem Flachufer Bahnlinie und Seestrasse von einem Hochwasser betroffen sein könnten, zerstreut Stalder. «Die Planung vom Aushub beim vorliegenden Projekt wird so berechnet, dass der Pegel vom Zürichsee gefahrlos um einen Meter steigen könnte.»

Es wird noch das eine oder andere Jahr ins Land ziehen, bevor die Umsetzung zu einem natürlichen Seeufer Realität wird. Und: «Es wird immer Kritiker und Gegner geben, aber wir müssen bezüglich der Renaturierung auf das Wissen des Kantons zählen und die Experten vom Amt für Landwirtschaft und Naturschutz, welches hier federführend ist, erachtet die Pflanzung von Schilf für die Tierwelt am Zürichsee als am besten geeignet». 

Und abschliessend: «Es ist eine komplexe, spannende und herausfordernde Aufgabe. In diesem Dreieck von Kosten – Renaturierung – Bevölkerung eine vernünftige Lösung zu finden, ist nicht einfach». Ein gutes und schönes Projekt, welches bei der Fertigstellung begeistert, das kostet in der Regel auch immer etwas mehr. «Es kann niemand alleine gewinnen, aber es sollen auch nicht alle verlieren.» Ende Jahr kommt die entsprechende Vorlage vor die Gemeindeversammlung. (rb)