Richterswil

Bolt-Flitzer verschwinden von Richterswils Strassen

Im Rahmen eines Pilotprojekts standen der Bevölkerung E-Scooter zur Verfügung. Richterswil beendet das Shared-Mobility-Projekt vorzeitig.

Text: Reni Bircher
Bild: Guido Bircher

Zusammen mit der Stadt Wädenswil hat die Gemeinde das Pilotprojekt seit September 2025 unterstützt und somit Erfahrungen im Bereich der Mikromobilität gesammelt und dessen Nutzen für die Bevölkerung geprüft. Die Auswertungen zeigen, dass das Sharing-Angebot rege genutzt wird und insbesondere dazu beiträgt, weniger gut mit dem öffentlichen Verkehr erschlossene Gebiete mit den Ortszentren zu verbinden.
Die Erfahrungen der vergangenen Monate haben auch gezeigt, dass der Betrieb mit Herausforderungen verbunden ist. Insbesondere falsch oder ungeeignet abgestellte E-Scooter führten wiederholt zu Reklamationen und verursachten zusätzlichen Aufwand für die Gemeinde.
Die Gemeinde hat die Situation während des Pilotprojekts gemeinsam mit dem Anbieter Bolt und der Stadt Wädenswil laufend beobachtet und verschiedene Massnahmen zur Verbesserung umgesetzt. Trotz dieser Bemühungen konnten die festgestellten Herausforderungen nicht in einem für die Gemeinde zufriedenstellenden Mass reduziert werden. Der Gemeinderat ist deshalb zum Schluss gekommen, das auf zwei Jahre angelegte Pilotprojekt vorzeitig zu beenden.
Mit dem Entscheid wird das Potenzial von Shared-Mobility-Angeboten grundsätzlich nicht infrage gestellt. Die im Rahmen des Pilotprojekts gewonnenen Erfahrungen liefern wertvolle Erkenntnisse für künftige Überlegungen im Bereich der nachhaltigen Mobilität.
Der Richterswiler Anzeiger hat bei Gemeindepräsident Marcel Tanner und Werkvorsteher Christian Stalder nachgefragt, wie sie das Projekt erlebt haben und was es mit dem Projektabbruch auf sich hat.

Seit September 2025 stehen die E-Scooter der Bevölkerung zur Verfügung. Ein Jahr später wird nun das Projekt vorzeitig beendet.
Sind es vor allem die unsachgemäss abgestellten Fahrzeuge, welche die Gemeinde zu diesem Schritt bewegte?
Marcel Tanner: Ja, das ist sicher der Hauptgrund. Bei der Verwaltung gingen zahlreiche Beschwerden von Anwohnerinnen und Anwohnern ein. Meine Gemeinderatsmitglieder und ich wurden immer wieder direkt darauf angesprochen. Ich selbst musste beispielsweise schon am Morgen ein E-Scooter von der Strasse wegstellen, um vorbeifahren zu können. Hinzu kam, dass korrekt abgestellte Scooter teilweise von Dritten umgeworfen oder umplatziert wurden und dadurch Wege versperrten.

Für die Gemeinde fiel zusätzliche Arbeit an?
Christian Stalder: Die Gemeinde hat das Pilotprojekt eng begleitet und aufgrund von Reklamationen neue Fahr- oder Parkverbotszonen eingerichtet. Auch der Strassenunterhalt und die Gemeindepolizei waren immer wieder mit unsachgemäss abgestellten Fahrzeugen konfrontiert und wurden teilweise aufgefordert, diese wegzustellen. Das gehört jedoch nicht zu ihren Aufgaben und führte zu zusätzlichem Aufwand.

Die Gemeinde hat verschiedene ­Mass­nahmen zur Verbesserung der Situation vorgenommen. Habt Ihr Beispiele dafür?
Christian Stalder: Es wurden zusätzliche Park- und Fahrverbotszonen eingerichtet und entsprechende Hinweise in der Bolt-App hinterlegt. Zudem wurden Gebühren für Falschparkieren eingeführt. Nachdem Fahrzeuge teilweise über längere Zeit stehen geblieben waren, hat die Gemeinde Bolt darauf hingewiesen, dass abgestellte Scooter rascher eingesammelt werden müssen.

Gerade in Gebieten ohne oder wenig Anbindung an den ÖV sind die E-Scooter genutzt worden. Ist diese Beobachtung ein Anreiz für den Gemeinderat, anderweitige Lösungsansätze für solche Gebiete ins Auge zu fassen?
Marcel Tanner: Ich persönlich bin überzeugt, dass Mikromobilität viele Vorteile bringt. Organisatorisch gibt es jedoch Verbesserungsbedarf. Das Pilotprojekt hat sowohl der Gemeinde als auch Bolt wichtige Erkenntnisse geliefert. Ich hoffe deshalb, dass das Thema Mikromobilität zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufgenommen wird und die gemachten Erfahrungen dabei einfliessen.

Das liegt aber nicht nur in der Verantwortung der Anbieterin.
Marcel Tanner: Nein. Einerseits muss die Abholung der Fahrzeuge besser und in kürzeren Abständen organisiert werden. Andererseits könnte die Gemeinde meiner Meinung nach mehr klar definierte Stellplätze zur Verfügung stellen. Unter diesen Voraussetzungen sehe ich gute Chancen, dass ein «Shared Mobility»-System funktionieren kann.

Die Nutzung der E-Scooter ist aus unterschiedlichen Gründen nicht für alle möglich. Trotzdem hätte das Projekt gut zum Label einer Energiestadt, wie Richterswil eine ist, gepasst.
Frustriert es Euch mit diesem Hintergrund, eine Entscheidung zu treffen, welche sich gegen die Leute wendet, welche die Scooter korrekt genutzt haben?
Marcel Tanner: Für diejenigen Nutzer, die das Angebot korrekt genutzt und geschätzt haben, tut es mir sehr leid. Sie können nichts für die Probleme, die letztlich zur vorzeitigen Beendigung des Pilotprojekts geführt haben.

Wie oft wurden die Fahrzeuge durchschnittlich genutzt?
Christian Stalder: In den kalten Monaten wurden die E-Scooter erwartungsgemäss weniger genutzt. Im Mai, also in den Kalenderwochen 18 bis 22, wurden beispielsweise 1725 Fahrten registriert. Das entspricht durchschnittlich 48 Nutzungen pro Tag. Im gleichen Zeitraum gingen zwölf Beschwerden aus der Bevölkerung ein.

Wie viele Fahrzeuge und wie viele Kunden gab es in der Gemeinde?
Christian Stalder: In Richterswil standen 50 Fahrzeuge zur Verfügung und in Wädenswil 100. Wir haben keine Angaben darüber, wie viele Nutzende auch tatsächlich in Richterswil wohnen oder die E-Scooter für den Arbeitsplatz genutzt haben.

Die E-Scooter wurden erst vor wenigen Monaten durch neue Fahrzeuge ersetzt; war das eine Entscheidung des Anbieters?
Christian Stalder: Ja, der Austausch erfolgte auf Entscheid des Anbieters. Dadurch konnten die Nutzer auch die neusten Fahrzeuge verwenden.

Das Pilotprojekt war ursprünglich auf zwei Jahre ausgelegt und fand in Zusammenarbeit mit der Stadt Wädenswil – welche das Projekt weiterzieht – und Bolt statt. Bestand von Anfang an die Möglichkeit, früher als geplant auszusteigen?
Christian Stalder: Ja, die Möglichkeit einer vorzeitigen Beendigung sowie die entsprechende Kündigungsfrist waren vertraglich mit Bolt geregelt. Richterswil und Wädenswil können unabhängig voneinander entscheiden, wie lange sie das Projekt weiterführen möchten.

Momentan gehören die grünen Scooter noch zum Ortsbild. Wann wird sich das ändern?
Marcel Tanner: Das Pilotprojekt in Richterswil endet per Ende Oktober. Bis dahin werden die E-Scooter aus dem Gemeindegebiet entfernt.

Besten Dank für diese Ausführungen.

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