Zeitgenössische Kunst verbindet man meist mit weissen Galerieräumen. Dass auch ein Bauernhof als Ausstellungsort fungieren kann, bewies am Samstag, dem 27. Juni, die Eröffnung der Open-Air-Ausstellung «Expanded Fields». Unter dem Titel TRADIcTION stellt das Kuratoren-Team zusammen mit Kunstschaffenden auf dem Hof Blum in Samstagern (Kulturort Froh Ussicht) eine wichtige Frage: Wie können wir altes, ökologisches Wissen in Zeiten von Klimakrise und Artensterben durch die Kunst neu beleben?
Text: Noemi Lea Hermann
Zur Eröffnungs-Vernissage fand sich ein bunt gemischtes Publikum auf dem Hof Blum zusammen. Man spazierte gemütlich über des Hofgelände, durch Gewächshäuser, über Wiesen und Felder und unter alten Obstbäumen hindurch und konnte vor Ort zahlreiche künstlerische Auseinandersetzungen betrachten und auf sich wirken lassen. Das Kuratoren-Trio Sabine Rusterholz Petko, Carole Kambli und Hofbesitzer Martin Blum, hat auf dem Hof Blum einen Ort der Begegnung geschaffen, an dem sie zeitgenössische Kunstschaffende im Kontext der Landwirtschaft ein Setting für gesellschaftliche und künstlerische Fragestellungen bieten.
Hier geht es vor allem um das gemeinsame Gespräch über Ökologie und Zukunft. Die Kunstwerke nutzen den Hof Blum nicht als Kulisse, sondern arbeiten direkt mit den ortsspezifischen Gegebenheiten und nutzen diese als Impulsgeber für künstlerische Arbeiten. Zwei Werke werden in diesem Artikel genauer betrachtet.
Alchemie und «Mondmost»
Der Künstler Hanes Sturzenegger beschäftigt sich mit Mikroorganismen und macht auf ein leises Problem aufmerksam: Mit der Industrialisierung der Mostproduktion und dem Verschwinden alter Hochstammbäume geht auch eine grosse Vielfalt lokaler Geschmäcker verloren. Seine Installation «Mondmost» macht den natürlichen Prozess der Fermentation direkt auf dem Hof erlebbar. Bei Sonnenuntergang hängt er Keramikschüsseln mit Apfelsaft in die Bäume, um das Mikrobiom der Umgebung im Most abzubilden. «Rezepte faszinieren mich, weil sie einfach wirken, aber tiefe Verbindungen zwischen Menschen, Orten und Geschichten schaffen», erklärt Sturzenegger. Er möchte die biologische Vielfalt wieder riech- und schmeckbar machen. Auf die Frage nach dem Zusammenhang vom Werktitel und der Arbeit meint er: «Der Mondzyklus hat keine technische Funktion, sondern steht als Bild für Wandel und Zeit. Da der Prozess nie gleich abläuft, schmeckt der Most zu jeder Jahreszeit anders. Das zeigt, wie lebendig ein einzelner Baum ist.»
Netzwerk aus Zwiebeln: «Onion Ring 2»
Ebenso spannend ist die Arbeit «Onion Ring 2» des Duos Willimann/Arai (Nina Willimann und Mayumi Arai), das seit 2015 kooperiert. «Wir arbeiten in unseren Kunstprojekten stets mit dem jeweiligen örtlichen Gegebenheiten und den Menschen zusammen. Uns interessiert, was entsteht, wenn verschiedene Sichtweisen aufeinandertreffen», so die Künstlerinnen. Auf dem Hof nutzen sie die Zwiebel als eine der ältesten Kulturpflanzen der Welt, den Künstlerinnen geht es darum über den Austausch mit andern einen Kreislauf anzustossen. Ihr Projekt beinhaltet eine enge Zusammenarbeit mit Geflüchteten aus der Region. Der Titel «Onion Ring 2» spiegelt sich direkt in der Struktur des Werks wider: Die typisch kreisförmige Struktur einer Zwiebel wurde von der Gruppe in die Architektur des Zwiebelgartens vor Ort übertragen. Zudem steht der «Ring» für einen Tauschkreislauf, den die Künstlerinnen zusammen mit Geflüchteten, die in der nahen Region leben, und dem Publikum starten.
«Wir interessieren uns für das Tauschen als Alternative zu unserem Geldsystem», so das Duo. Die Zwiebel wird hier zum Symbol für die Kreisläufe und schafft durch das gemeinsame Gärtnern und Tauschen echten menschlichen Austausch, Verbindung und Solidarität.
Vielschichtiger Ausstellungsrundgang durch das Hofgelände
Neben diesen beiden künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Hof Blum, entfaltet sich auf dem Hofgelände ein ganzer Fächer weiterer künstlerischer Arbeiten: Séverin Guelpa setzt raumgreifende, skulpturale Akzente zur Verletzlichkeit unserer Ökosysteme, während Michael Günzburger mit Druckprozessen auf die Rhythmen des bäuerlichen Alltags reagiert. Hunter Longe überträgt den geologischen Prozess der chemischen Zersetzung von Kalkstein durch saures Wasser auf eine menschliche Zeitskala und spielt mit der doppelten Bedeutung des Begriffs Auflösung, und Smirna Kulenovic bespielt die Weiden mit heilenden Klängen. Ihre Arbeiten verstehen Zuhören, Teilen und Weitergeben als Formen der Fürsorge.
Und schliesslich verweben Tim Zulauf/KMU Produktionen mit ihren «Fliegenden Gärten» Theater und Naturkulisse zu einer dichten Inszenierung.
Die Ausstellung «Expanded Fields: TRADIcTION» läuft vom 27. Juni bis zum 27. September 2026 auf dem Hof Blum (Froh Ussicht 1, Samstagern). Das Begleitprogramm mit Workshops und Performances finden Sie unter:
www.frohussicht.ch.
Zeitgenössische Kunst verbindet man meist mit weissen Galerieräumen. Dass auch ein Bauernhof als Ausstellungsort fungieren kann, bewies am Samstag, dem 27. Juni, die Eröffnung der Open-Air-Ausstellung «Expanded Fields». Unter dem Titel TRADIcTION stellt das Kuratoren-Team zusammen mit Kunstschaffenden auf dem Hof Blum in Samstagern (Kulturort Froh Ussicht) eine wichtige Frage: Wie können wir altes, ökologisches Wissen in Zeiten von Klimakrise und Artensterben durch die Kunst neu beleben?
Text: Noemi Lea Hermann
Zur Eröffnungs-Vernissage fand sich ein bunt gemischtes Publikum auf dem Hof Blum zusammen. Man spazierte gemütlich über des Hofgelände, durch Gewächshäuser, über Wiesen und Felder und unter alten Obstbäumen hindurch und konnte vor Ort zahlreiche künstlerische Auseinandersetzungen betrachten und auf sich wirken lassen. Das Kuratoren-Trio Sabine Rusterholz Petko, Carole Kambli und Hofbesitzer Martin Blum, hat auf dem Hof Blum einen Ort der Begegnung geschaffen, an dem sie zeitgenössische Kunstschaffende im Kontext der Landwirtschaft ein Setting für gesellschaftliche und künstlerische Fragestellungen bieten.
Hier geht es vor allem um das gemeinsame Gespräch über Ökologie und Zukunft. Die Kunstwerke nutzen den Hof Blum nicht als Kulisse, sondern arbeiten direkt mit den ortsspezifischen Gegebenheiten und nutzen diese als Impulsgeber für künstlerische Arbeiten. Zwei Werke werden in diesem Artikel genauer betrachtet.
Alchemie und «Mondmost»
Der Künstler Hanes Sturzenegger beschäftigt sich mit Mikroorganismen und macht auf ein leises Problem aufmerksam: Mit der Industrialisierung der Mostproduktion und dem Verschwinden alter Hochstammbäume geht auch eine grosse Vielfalt lokaler Geschmäcker verloren. Seine Installation «Mondmost» macht den natürlichen Prozess der Fermentation direkt auf dem Hof erlebbar. Bei Sonnenuntergang hängt er Keramikschüsseln mit Apfelsaft in die Bäume, um das Mikrobiom der Umgebung im Most abzubilden. «Rezepte faszinieren mich, weil sie einfach wirken, aber tiefe Verbindungen zwischen Menschen, Orten und Geschichten schaffen», erklärt Sturzenegger. Er möchte die biologische Vielfalt wieder riech- und schmeckbar machen. Auf die Frage nach dem Zusammenhang vom Werktitel und der Arbeit meint er: «Der Mondzyklus hat keine technische Funktion, sondern steht als Bild für Wandel und Zeit. Da der Prozess nie gleich abläuft, schmeckt der Most zu jeder Jahreszeit anders. Das zeigt, wie lebendig ein einzelner Baum ist.»
Netzwerk aus Zwiebeln: «Onion Ring 2»
Ebenso spannend ist die Arbeit «Onion Ring 2» des Duos Willimann/Arai (Nina Willimann und Mayumi Arai), das seit 2015 kooperiert. «Wir arbeiten in unseren Kunstprojekten stets mit dem jeweiligen örtlichen Gegebenheiten und den Menschen zusammen. Uns interessiert, was entsteht, wenn verschiedene Sichtweisen aufeinandertreffen», so die Künstlerinnen. Auf dem Hof nutzen sie die Zwiebel als eine der ältesten Kulturpflanzen der Welt, den Künstlerinnen geht es darum über den Austausch mit andern einen Kreislauf anzustossen. Ihr Projekt beinhaltet eine enge Zusammenarbeit mit Geflüchteten aus der Region. Der Titel «Onion Ring 2» spiegelt sich direkt in der Struktur des Werks wider: Die typisch kreisförmige Struktur einer Zwiebel wurde von der Gruppe in die Architektur des Zwiebelgartens vor Ort übertragen. Zudem steht der «Ring» für einen Tauschkreislauf, den die Künstlerinnen zusammen mit Geflüchteten, die in der nahen Region leben, und dem Publikum starten.
«Wir interessieren uns für das Tauschen als Alternative zu unserem Geldsystem», so das Duo. Die Zwiebel wird hier zum Symbol für die Kreisläufe und schafft durch das gemeinsame Gärtnern und Tauschen echten menschlichen Austausch, Verbindung und Solidarität.
Vielschichtiger Ausstellungsrundgang durch das Hofgelände
Neben diesen beiden künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Hof Blum, entfaltet sich auf dem Hofgelände ein ganzer Fächer weiterer künstlerischer Arbeiten: Séverin Guelpa setzt raumgreifende, skulpturale Akzente zur Verletzlichkeit unserer Ökosysteme, während Michael Günzburger mit Druckprozessen auf die Rhythmen des bäuerlichen Alltags reagiert. Hunter Longe überträgt den geologischen Prozess der chemischen Zersetzung von Kalkstein durch saures Wasser auf eine menschliche Zeitskala und spielt mit der doppelten Bedeutung des Begriffs Auflösung, und Smirna Kulenovic bespielt die Weiden mit heilenden Klängen. Ihre Arbeiten verstehen Zuhören, Teilen und Weitergeben als Formen der Fürsorge.
Und schliesslich verweben Tim Zulauf/KMU Produktionen mit ihren «Fliegenden Gärten» Theater und Naturkulisse zu einer dichten Inszenierung.
Die Ausstellung «Expanded Fields: TRADIcTION» läuft vom 27. Juni bis zum 27. September 2026 auf dem Hof Blum (Froh Ussicht 1, Samstagern). Das Begleitprogramm mit Workshops und Performances finden Sie unter:
www.frohussicht.ch.