Wädenswil

Abbau bei Agroscope gefährdet weinbauliche Forschung in Wädenswil

Mitte Juni gab Agroscope, das Kompetenzzentrum des Bundes für die landwirtschaftliche Forschung, bekannt, dass es ein strukturelles Defizit in der Höhe von 10 Mio. Franken ausweise, was eine thematische Fokussierung notwendig mache und zu einem Abbau von 58 Vollzeitstellen führt. Einige davon auch in Wädenswil – wo besonders die weinbauliche Forschung betroffen ist. Dies hat weitreichende Konsequenzen auch für das Weinbau-zentrum an der Schlossgass.

Text & Bild: Stefan Baumgartner

Aufgrund von Sparmassnahmen von Parlament und Bundesrat muss Agroscope das Budget bis 2029 gegenüber 2023 um rund 10 Mio. Franken kürzen. Die Forschung von Agroscope konzentriert sich dabei künftig auf die Primärproduktion, Umweltwirkungen der Landwirtschaft, gesetzliche Vollzugsaufgaben, Politikberatung sowie den Erhalt genetischer Ressourcen. Dafür werden mehrere Forschungsbereiche eingestellt, darunter gesunde Ernährung, neue Lebensmittelprodukte, alternative Nischenkulturen, Gewürz- und Medizinalpflanzen sowie Vertical Farming. Weitere Themen werden reduziert. Die 2020 beschlossene Standortstrategie mit dem Campus in Posieux sowie den Forschungszentren in Changins und Reckenholz bleibt bestehen.
Die Sparmassnahmen führen zum Abbau von 58 Vollzeitstellen. Davon sind 43 Mitarbeitende direkt von Stellenaufhebungen betroffen.
In Wädenswil sind – nebst anderen – eine langjährige Schlüsselperson in der Kellerwirtschaft sowie eine wissenschaftliche Mitarbeiterin direkt betroffen. Und die bekannt gewordenen Kürzungen haben für den Standort Wädenswil weitere einschneidende Folgen. Nebst den personellen Abbaumassnahmen wird auch der finanzielle Umfang der Zusammenarbeit mit dem Weinbauzentrum Wädenswil halbiert.
All diese Vorgänge stellen die weinbauliche Forschung in der Deutschschweiz grundsätzlich infrage. «Das Weinbauzentrum Wädenswil nimmt die Entwicklung mit Sorge zur Kenntnis und überprüft seine künftige strategische Ausrichtung», wie es mitteilt.
Damit steht der Wirkungsort von Hermann Müller-Thurgau einmal mehr wegen Geldmangels in Bundesbern und Protektionismus zugunsten der Westschweiz auf der Kippe. Und damit würden die zentralen Grundlagen einer über Jahre gewachsenen Partnerschaft ins Wanken geraten, sagt das Weinbauzentrum, das damals – 2018 – schon aufgebaut wurde, um Lücken in Forschung und Beratung zu füllen, die durch Sparprogramme und Leistungsabbau der staatlichen Forschungsanstalt entstanden waren. Kompetenzen wurden damals schon reduziert oder in die Westschweiz verlagert. Das Weinbauzentrum Wädenswil arbeitet seither eng mit Agroscope zusammen und setzt deren weinbauliche Versuche in der Praxis um. Diese Versuche fallen nun weg. Das Weinbauzentrum zeigt sich konsterniert: «Diese Zusammenarbeit war bisher abgestützt auf fachliche Kontinuität, gegenseitiges Vertrauen und gemeinsame Verantwortung gegenüber der Branche. Mit den aktuellen Entscheidungen ist diese Basis nicht mehr im bisherigen Mass gegeben. Die Kürzungen treffen die Deutschschweizer Weinbranche in einer Phase, in der anwendungsorientierte Forschung besonders wichtig ist.»
Besonders kritisch beurteilt das Weinbauzentrum Wädenswil, dass die önologischen Versuche in Wädenswil vollständig gestrichen werden. Damit geht nicht nur Fachwissen verloren, sondern auch die Möglichkeit, neue Sorten, Verfahren und Produkte unter praxisnahen Bedingungen zu prüfen.

Praxisnutzen im Vordergrund

Salome Schneider von der Co-Geschäftsleitung des Weinbauzentrums Wädenswil sagt: «Wir nehmen die Entscheide von Agroscope zur Kenntnis. Gleichzeitig müssen wir festhalten, dass unter diesen Bedingungen eine langfristig stabile und für die Branche relevante Zusammenarbeit nicht mehr gewährleistet ist.» Das Weinbauzentrum wird daher die Zusammenarbeit mit Agroscope umfassend überprüfen. «Wir bedauern diese Entwicklung. Gleichzeitig sehen wir es als unsere Verantwortung, die Zukunft der praxisrelevanten Forschung in der Deutschschweiz aktiv mitzugestalten», so Schneider.

Standort Wädenswil im Netzwerk stärken

Das Weinbauzentrum Wädenswil sieht die aktuelle Situation als Anlass, die Rolle des Standorts Wädenswil im Zusammenspiel mit Praxis, Forschung, Branche, Bildung und Kantonen zu klären. Wädenswil bleibt für den Deutschschweizer Weinbau ein bedeutender Standort mit grossem Potenzial. Welche Rolle Agroscope in diesem Netzwerk künftig einnehmen kann und will, ist gemäss Weinbauzentrum offen.
Das Weinbauzentrum Wädenswil sei bereit, konstruktiv über die weitere Zusammenarbeit zu sprechen. «Unser Ziel ist nicht Konfrontation, sondern Klarheit», hält Schneider fest. «Die Deutschschweizer Weinbranche braucht eine Forschung, die fachlich relevant und nah an den Betrieben ist. Wir sind bereit, daran weiterhin engagiert mitzuwirken, auf einer Grundlage, die tragfähig und zukunftsorientiert ist.»

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