Wädenswil

90 von 90: Jonathan rechnet sich an die Schweizer Spitze

18 Aufgaben in 45 Minuten, alle richtig: Jonathan Aides aus der 4. Klasse in Schönenberg erreichte beim diesjährigen «Känguru der Mathematik» die Maximalpunktzahl. Der Viertklässler lernt erst seit kurzem Deutsch – und seine Neugier reicht von Quadratzahlen bis zum Urknall.

Die kleine Goldmünze passt auf einen Daumennagel. Im Klassenzimmer in Schönenberg zieht sie dennoch alle Blicke auf sich. Rund zehn Mitschülerinnen und Mitschüler verfolgen, wie Jonathan Aides seine Urkunde entgegennimmt. Er wirkt zunächst etwas verlegen. Für das Foto setzt er sich zu den anderen, später geht’s nach draussen vor den grossen, farbigen Schriftzug «Schönenberg». Im Gruppenraum, begleitet von seiner Lehrerin für Deutsch als Zweitsprache, taut er auf. Sobald es um Zahlen geht, werden aus knappen Antworten ganze Gedankengänge.

Nur 16 blieben fehlerfrei

Der Känguru-Wettbewerb wird jedes Jahr gleichzeitig in mehr als 100 Ländern durchgeführt; weltweit knobeln über sechs Millionen Kinder und Jugendliche mit. In der Schweiz nahmen 2026 insgesamt 67 000 Schülerinnen und Schüler aus 1131 Schulen teil. In Jonathans Kategorie, den Klassenstufen 3 und 4, waren es 22 735. Sie mussten 18 Multiple-Choice-Aufgaben in 45 Minuten lösen. Neben sicherem Rechnen waren Logik, Vorstellungsvermögen und geschicktes Kombinieren gefragt; als Hilfsmittel war nur Notizpapier erlaubt.

Jonathan löste sämtliche Aufgaben richtig und erreichte 90 von 90 Punkten. Das gelang schweizweit nur 16 Teilnehmenden seiner Kategorie – rund einem von 1400 Kindern. Für diese Leistung erhielt er die Känguru-Goldmünze.

Eine Prüfung in Mathematik – und im Ankommen

Leicht fand Jonathan den Wettbewerb dennoch nicht. «Schwierig», sagt er ohne Zögern. Erst im vergangenen Jahr zog er mit seiner Familie vom Ausland in die Schweiz. Vieles ist seither neu: die Sprache, das Schulsystem, die Klasse, der Alltag. Beim Känguru-Wettbewerb waren es deshalb nicht die Rechnungen, die ihm am meisten Mühe bereiteten, sondern vor allem die textreichen Knobelaufgaben und die knappe Zeit. «Es ging alles sehr schnell. Man musste nur rechnen. Und viel lesen.» Zur Vorbereitung hatte er fünf oder sechs ältere Aufgabenserien gelöst. So konnte er sich nicht nur mit dem Format des Wettbewerbs vertraut machen, sondern auch mit der Art, wie mathematische Fragen auf Deutsch gestellt werden.

Zahlen sieht er nicht – Zusammenhänge schon

Mathematik interessiert Jonathan schon seit dem Kindergarten. Zahlen sieht er zum Beispiel nicht farbig oder plastisch vor sich. «Ich sehe nicht die Zahlen, aber ich weiss, was ich mache», erklärt er. Er erkenne, wie oft eine Zahl in eine andere passe und welche Rechenwege zum Ziel führten. Besonders gern beschäftigt er sich mit Quadratzahlen, Brüchen und Wurzeln. Auch Primzahlen faszinieren ihn. Die Sieben zum Beispiel sei so eine knifflige Zahl, findet er: ungerade und nur durch eins und sich selbst teilbar.

Seine Neugier reicht weit über das Rechnen hinaus. Jonathan mag das Fach Natur, Mensch, Gesellschaft und interessiert sich besonders für Physik. Naturwissenschaftliche Vor­gän­ge stellt er sich bildlich vor – bis hin zu Atomen, die Moleküle bilden. Sein Vater hat ihm bereits erklärt, was hinter der Formel «a² + b² = c²» steckt. Auch seine beiden älteren Schwestern seien gut in Mathematik.

Zwei Züge voraus, den Blick ins All

Und dann gibt es noch Tischtennis und Schach. Auch dort zeigt sich, was Jonathan an kniffligen Aufgaben reizt: vorausdenken, Möglichkeiten prüfen, Zusammenhänge erkennen. «Ich sehe immer zwei Züge im Voraus», sagt er. Diese Freude am Kombinieren passt auch zu seinen Berufswünschen: Mathematiker, Physiker, Astronom oder Astrophysiker könnte er einmal werden. Besonders fesselt ihn die Frage, was sich über die ersten Augen­blicke des Universums herausfinden lässt. Beim Thema «Flug zum Mars» bleibt er nüchtern: «Die Reise dauert viele Monate, und bisher sind dort nur Roboter angekommen.»

Als seine Familie vom Wettbewerbsresultat erfuhr, sei sie zunächst «im Schock» gewesen, erzählt Jonathan und lacht. Danach wurde gefeiert. Ob er nächstes Jahr wieder am Wettbewerb teilnimmt, lässt der Viertklässler noch offen. Die Goldmünze ist klein. Die Fragen, die ihn beschäftigen, sind es nicht: Sie reichen von Wurzeln und Molekülen bis hin zum Ursprung des Universums.

Teilen mit: