Wädenswil

Wenn Spielen Schule macht

Vor den Frühlingsferien verwandelte sich das Schulhaus Untermosen vier Tage lang in einen grossen Spiel- und Lernraum: Rund 200 Kinder aus 10 Klassen, vom ersten Kindergarten bis zur 2. Klasse, wählten aus 17 Angeboten – und übten dabei weit mehr als bauen, rennen und backen.

Wer in diesen Tagen durch das Schulhaus ging, sah, wie vielfältig Spielen sein kann. In der Turnhalle wurde gerannt, geschaukelt, geklettert und mit Bällen gespielt. Grosse Kartonschachteln verwandelten sich in Häuser, Höhlen und Fantasiewelten. Aus Kapla wuchsen Türme und ganze Städte. An den Spieltischen wurden Würfel geworfen, Zahlen addiert, Regeln eingehalten, Siege gefeiert und Niederlagen ausgehalten. In den Ateliers entstanden Bilder und persönliche Werke aus Recyclingmaterialien. Waldvormittage gehörten ebenso dazu wie Backangebote, Magnetspiele, Lego und Briobahnen. Die Kinder konstruierten, malten, handelten, kreierten, experimentierten und bewegten sich. Vieles lief gleichzeitig ab, und doch fand jedes Kind seinen eigenen Platz.

Mehr als ein buntes Programm

In dieser Projektwoche ging es nicht primär um eine Fülle von Angeboten, sondern um eine klare pädagogische Idee. «Spielen Plus» nimmt ernst, dass Spielen im Zyklus 1 eine zentrale Form des Lernens ist. Kinder lernen in diesem Alter nicht nur am Tisch oder mit einer Aufgabe vor sich. Sie lernen, wenn sie eine Rolle übernehmen, eine Idee entwickeln, Regeln mit anderen aushandeln, sich bewegen, etwas ausprobieren oder mit anderen Kindern eine gemeinsame Geschichte entstehen lassen. Im Spiel verbinden sich Sprache, Denken, Motorik, Vorstellungskraft, Ausdauer und soziales Verhalten.

Das «Plus» bedeutet dabei nicht, dass Erwachsene jedes Spiel steuern oder in eine Lernaufgabe verwandeln. Es bedeutet vielmehr, dass pädagogische Fachpersonen das freie Spiel aufmerksam begleiten. Sie beobachten, folgen den Ideen der Kinder, geben bei Bedarf einen Impuls, stellen eine Frage oder helfen, wenn ein Kind feststeckt. Die Kinder erhalten Raum und Material, um ihren eigenen Ideen nachzugehen. So bleibt das Spiel offen, erhält aber Tiefe. Es erweitert sich und ermöglicht vielfältige Erfahrungen.

Eine Stadt aus Kartonschachteln zu bauen, ist deshalb weit mehr als Basteln. Die Kinder müssen entscheiden, wer was baut, wie sie vorgehen, wie Strassen verlaufen, wo Eingänge entstehen und welche Materialien geeignet sind. Sie probieren aus, verwerfen Ideen, beginnen neu, sprechen sich ab und tolerieren Wartezeiten. In der Turnhalle werden die eigenen Grenzen und jene im Miteinander getestet. Im Rollenspiel stehen Sprache, Perspektivenwechsel und gemeinsame Erzählungen im Vordergrund. Genau darin liegt der Wert von «Spielen Plus»: Lernen findet mitten im Spiel statt – oft leise, beiläufig und dennoch sehr wirksam.

Frei wählen, Verantwortung übernehmen

Die Spezialwoche war mit den überfachlichen Kompetenzen des Lehrplans 21 verbunden. Die Kinder übten Selbstständigkeit, Zusammenarbeit, Kommunikation, Ausdauer und Problemlösen in einem natürlichen Zusammenhang. All diese Fähigkeiten müssen geübt werden. Das Spiel bietet dafür einen besonders geeigneten Rahmen, weil die Kinder von sich aus motiviert sind und Initiative ergreifen.
Entstanden war die Idee nach einer Weiterbildung des Zyklus-1-Teams der Schule Untermosen, die von der PH Zürich zum Thema «Spielen Plus» geleitet wurde. Im Rahmen dieser Weiterbildung reifte der Wunsch, für alle Kinder vom ersten Kindergarten bis zur zweiten Klasse während vier Tagen echte Spiel- und Begegnungsräume zu schaffen. Ein Besuch im Schulhaus Hirzel, das ebenfalls eine Spezialwoche durchgeführt hatte, lieferte zusätzliche Impulse. Im Vorfeld wurden auch die Kinder befragt, was ihnen für eine solche Woche wichtig wäre. Aus ihren Rückmeldungen entstanden viele der Angebote.
Während der Woche durften die Kinder selbst entscheiden, wo und wie sie spielen wollten. Wer etwas Neues erkunden wollte, konnte den Ort wechseln. Diese Freiheit war bewusst gewählt. Sie verlangte von den Kindern aber auch Entscheidungsfähigkeit und Verantwortungsübernahme – besonders von den jüngsten Teilnehmenden. Damit dies gelingen konnte, war das ganze Schulteam beteiligt: Lehrpersonen, Therapeutinnen, Klassenassistentinnen, Betreuungspersonal und Hauswartung. Jedes Angebot wurde von mindestens einer Person begleitet. Zusätzlich waren «Springerinnen» unterwegs, die Kindern halfen, einen Raum zu finden, zu einer Idee zurückzufinden oder einen neuen Anfang zu wagen. Auch das Betreuungsteam trug mit eigenen Spielmöglichkeiten zur Woche bei.

Begegnungen im ganzen Schulhaus

Weil die Kinder ihre Spielbereiche selbst auswählten, entstanden viele Begegnungen über die Klassengrenzen hinweg. Kindergartenkinder spielten mit Primarschulkindern, und oft übernahmen die Älteren ganz selbstverständlich Verantwortung für die Jüngeren. Für die Kinder des zweiten Kindergartens, die nach den Sommerferien ins Schulhaus wechseln, war dies besonders wertvoll: Sie konnten das Schulleben beschnuppern, Räume kennenlernen, Wege ausprobieren, ältere Kinder treffen und erste Kontakte mit Lehrpersonen knüpfen. So wurde die Spezialwoche auch zu einer sanften Vorbereitung auf den Übertritt in die 1. Klasse. Das Schulhaus und die dazugehörigen Gesichter bereits zu kennen, gibt den künftigen Schulkindern eine gute Startbasis.
Jeden Morgen um 8.20 Uhr trafen sich alle Kinder und Lehrpersonen des Zyklus 1 auf dem Pausenplatz. Dort wurde gemeinsam gesungen und das Wichtigste des Tages besprochen. Dieser gemeinsame Start verlangte Flexibilität – auch von den Eltern der Kindergartenkinder. Ihre Unterstützung und ihr pünktliches Erscheinen wurden vom Team sehr geschätzt. Später wurden alle Kinder wieder auf dem Pausenplatz verabschiedet. Der klare Rahmen half, die grosse Bewegungsfreiheit im Schulhaus zu tragen.

Auch das Schulteam zog eine positive Bilanz. Die Zusammenarbeit zwischen Klassen, Stufen und Teammitgliedern wurde als bereichernd erlebt. Alle trugen dazu bei, dass die Kinder sich frei bewegen, spielen und entdecken konnten. Am vierten Tag endete die Spezialwoche mit vielen glücklichen Kindergesichtern und positiven Rückmeldungen von Kindern, Eltern und Lehrpersonen. «Es zeigte sich eindrücklich, wie viel Lernen im Spiel steckt, wenn Kinder Raum, Zeit und Vertrauen erhalten, und wie wertvoll eine gemeinsame pädagogische Haltung im Team ist», sagt Clara Michel, Mitglied des Projektteams.
AG Spezialwoche Spielen Plus, Clara Michel

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