Wädenswil

Philipp Kutter setzt seinen Weg fort

Philipp Kutter, ehemaliger Wädenswiler Stadtpräsident und Nationalrat, hat sich entschieden, für das Amt des Regierungsrates des Kantons Zürich zu kandidieren. Der Rücktritt von Silvia Steiner hat ihn dazu bewogen, intensiv darüber nachzudenken, wo er seine Zukunft sehen könnte.

Text: Ingrid Eva Liedtke
Bild: zvg

«Liegt meine Zukunft im Parlament in Bern oder eher in der lokalen Tätigkeit? Als Stadtpräsident von Wädenswil und als Nationalrat habe ich beides kennengelernt und auch beides gerne gemacht. Aber wenn ich ganz ehrlich mit mir selber bin und wenn ich auswählen dürfte, dann würde ich sagen, dass die Exekutive mir ein bisschen mehr zusagt», gesteht er.

Kandidatur für den Regierungsrat

Den Entscheid, für den Regierungsrat des Kantons Zürich zu kandidieren, fasste Philipp Kutter zusammen mit seiner Familie. Seine zwei Töchter und seine Frau müssen damit klarkommen können, in der Öffentlichkeit zu stehen, und sie müssen akzeptieren, dass das Amt des Regierungsrates viel Arbeit mit sich bringt.

Der leidenschaftliche Politiker, der seit einem Skiunfall 2023 Tetraplegiker ist, hat seinen Alltag gut eingespielt, sodass sein Handicap ihn nicht allzu sehr aufhält.

Ein Alltag als Regierungsrat im Rollstuhl

«Ich habe neue Routinen entwickelt, die funktionieren. Mit der Hilfe der Spitex finde ich jeweils gut in den Tag und brauche dafür nicht viel mehr Zeit als andere Menschen. Zudem könnte ich als Regierungsrat auf einen Fahrdienst zurückgreifen. Das ist im dichten Programm eines Regierungsrats von grossem Vorteil. Allerdings müsste man mir ein speziell eingerichtetes Fahrzeug zur Verfügung stellen, sodass ich mit dem Rollstuhl hinein- und hinausfahren kann», sagt er.
Philipp Kutters schon öffentlich geäusserter Wunsch, nicht auf seinen Rollstuhl reduziert zu werden, hat sich offensichtlich erfüllt. Dennoch ist es ihm weiterhin ein Anliegen, sich für Menschen mit Einschränkungen einzusetzen.
Zur Frage, ob er die Anliegen von Menschen mit Handicap als Betroffener besonders wirkungsvoll vertreten könne, hat er eine ambivalente Haltung:
«Natürlich bin ich ein glaubwürdiger Vertreter dieser Anliegen, weil ich selbst betroffen bin, weil ich nun aus eigener Erfahrung weiss, welche Barrieren es geben kann, welche Hürden auch im Kopf bestehen und weil ich mit meinem Schicksal aufzeige, dass es jede und jeden treffen kann. Ich bin einer, der weiss, was es bedeutet, sich mit einer Behinderung zurück ins Leben und in den Beruf zu kämpfen.
Andererseits denke ich, dass es noch viel wirkungsvoller sein kann, wenn sich Menschen, die nicht eingeschränkt sind, dafür einsetzen, dass alle an unserer Gesellschaft partizipieren können. Die Teilhabe und Gleichberechtigung aller ist mir ein grosses Anliegen – das war es schon immer. Gerade vor kurzem war ich an einem Anlass in Zürich von einem Netzwerk von Arbeitgebern und Institutionen aus dem Sozialbereich, die sich ‹Inklusive Arbeitgeber› nennen. Firmen traten auf, die aktiv und konkret Menschen mit einer Beeinträchtigung ermöglichen, wieder zurück in den Arbeitsmarkt zu kommen. Anhand von Beispielen haben sie aufgezeigt, wie und warum das umgesetzt wird. Es war sehr eindrücklich zu hören, wie ein Firmenchef über Massnahmen sprach, die getroffen werden, damit jemand mit speziellen Bedürfnissen einen Arbeitsplatz bekommt, der ihm entspricht. Das hat mich berührt, weil dieser Chef eben selbst nicht betroffen war. Er setzt sich aus Überzeugung dafür ein. Das ist ‹sackstark›!
Solche Massnahmen bedingen auch das Verständnis der anderen Mitarbeitenden im Betrieb. Wenn zum Beispiel jemand mit einer psychischen Beeinträchtigung für ein paar Tage ausfällt, muss es ein Netz geben, das den Ausfall auffängt, das heisst, es braucht Kollegen, Kolleginnen, die einspringen. Inklusion darf nie ein Thema nur der Betroffenen sein. Das Bewusstsein muss bei allen wachsen.»

Philipp Kutter nah bei den Leuten

Philipp Kutter war als Stadtpräsident von Wädenswil sehr nahe bei den Leuten. Er war an vielen lokalen Anlässen zugegen, und man kannte ihn, grüsste ihn, und viele hielten gerne mit ihm einen Schwatz. Wird er diese Nähe zukünftig vermissen?
Er sagt: «Ich bin gerne unter Leuten. Der gesellschaftliche Zusammenhalt ist mir wichtig und war es auch, als ich Stadtpräsident war. Durch die vielen Kontakte habe ich viel von und über die Leute erfahren. Das half mir in meiner politischen Arbeit. Besonders wichtig ist mir, dass man sich auf Augenhöhe begegnet, in diesem Sinne: ‹Wir sind zusammen da und jeder leistet seinen Beitrag.› Das möchte ich weiter so leben, denn auch ein Regierungsrat kann zu den Leuten gehen. Die besten politischen Entscheide entstehen durch den Austausch. Und privat kann ich auch weiterhin lokale Anlässe besuchen.»

Das Hauptanliegen: Die Lebensqualität

Als eines seiner Hauptanliegen als möglicher Regierungsrat des Kantons Zürich nennt Philipp Kutter die Lebensqualität im Kanton Zürich. Was bedeutet sie für ihn?
«Der Kanton Zürich ist ein sehr lebenswerter, vielseitiger Kanton», führt Kutter aus. «Es gibt grosse Städte wie auch ländliche Gebiete. Die Lebensqualität, die wir hier haben, möchte ich erhalten und weiter verbessern. Konkret bedeutet das für mich, dass man hier einen Ort zum Leben findet, eine Arbeitsstelle und nach Möglichkeit selbständig durchs Leben gehen kann.

Es sollte gute Ausbildungsorte geben und eine gute Verkehrsinfrastruktur für Wirtschaft und Gesellschaft, das bedeutet Strassen, aber auch einen gut funktionierenden öffentlichen Verkehr. Wichtig ist auch, dass wir unserer Natur Sorge tragen, dass wir nicht weiter in die Breite bauen, sondern Wohnraum auf den bestehenden Siedlungsflächen nach innen bauen.»

Gesellschaftlicher Zusammenhalt

«Persönlich liegt mir am Herzen, dass wir weiterhin am gesellschaftlichen Zusammenhalt arbeiten. Es gibt viele einsame Menschen, ja, immer mehr Menschen sind alleine. Es geht mir darum, dass sie alle einen Platz in der Gesellschaft finden und ein Zugehörigkeitsgefühl entwickeln können. Das ist auch für mich persönlich sehr wichtig. Wäre ich ganz allein, wäre es für mich viel schwieriger als mit Familie und Freunden um mich herum.»

Wirtschaftswachstum

Die funktionierende Wirtschaft ist, wie erwartet, ein weiterer Punkt auf der Liste, denn, so der erfahrene Politiker: «Ohne funktionierende Wirtschaft, ohne Arbeitsplätze, ohne Löhne, ohne Steuereinnahmen, die sich daraus ergeben, können wir nicht investieren. Ohne Steuern können wir keine Schulen bauen und auch keine Alterssiedlungen.»
Also stetiges Wachstum als oberstes Gebot? «Ganz ohne Wachstum geht es wohl nicht. Ein Wirtschaftssystem ohne Wachstum und mit Erhalt des Wohlstandes sehe ich noch nicht am Horizont. Ich habe immer noch den Eindruck, dass Herr und Frau Schweizer Ende Jahr gerne ein wenig mehr auf dem Konto haben. Das ist Wachstum im Kleinen. Wenn die Volkswirtschaft wächst, haben wir auch etwas davon. Wenn es gar kein Wachstum mehr gibt, – das haben wir während Corona erlebt – folgen darauf immer grosse Verwerfungen. Damit wären wir wohl auch nicht glücklich.
Wachstum ist ein Zeichen von Erfolg, das auch Probleme mit sich bringt, die wir lösen müssen. Die Frage ist, wie schnell wir in den letzten Jahren gewachsen sind und auch wie schnell wir wachsen wollen. Ich bin überzeugt, dass wir nun das Wachstum etwas drosseln sollten. Ich nehme wahr, dass viele diesem Wachstum skeptisch gegenüberstehen. Dam müssen wir Rechnung tragen.»

Hat Philipp Kutter Vorbilder?

Er nennt Wolfgang Schäuble, den deutschen CDU-Politiker, der nach einem Attentat querschnittsgelähmt im Rollstuhl weiter politisierte und dessen Leben von einer beispiellosen Karriere auf nationaler und internationaler Ebene geprägt war. Philipp Kutter erklärt seine Bewunderung folgendermassen: «Er hat einfach weitergemacht, nachdem er angeschossen worden war. Es schien, als ob das für ihn selbstverständlich war. Ich möchte das auch schaffen. Es imponiert mir, dass Schäuble zurückkam, politische Funktionen innehatte und der Rollstuhl kaum noch wahrgenommen wurde.
Oft passiert es, dass die Leute nur noch die Beeinträchtigung sehen und somit übersehen, dass diese Menschen etwas zu bieten haben.»

Orientierungspunkte

«Es gibt Dinge im Leben und im Umgang mit Menschen, die mir wichtig sind: Ich muss bei einem Gegenüber einen guten Willen spüren. Man kann unterschiedlicher Meinung sein, aber der gute Wille ist essenziell.
Mit solchen Menschen bin ich am liebsten zusammen, um gemeinsam positiv auf die Dinge zuzugehen. Ehrlichkeit ist mir auch sehr wichtig und dass man sich selber nicht allzu wichtig und zu ernst nimmt. Ich mag die bodenständigen Leute gerne. Und Humor – er hilft oft!»

Was, wenn er gewählt wird?

Philipp Kutter hat keine Wunschdirektion im Regierungsrat. Er sagt: «Ich bin happy, wenn ich gewählt werde und eine aussuchen kann.»
Der erfahrene Mitte-Politiker und Nationalrat sieht durchaus Chancen, gewählt zu werden. Die Mitte sei nicht eine grosse Partei. Der Wahlkampf müsse gut organisiert sein. «Ich bin motiviert», sagt er mit überzeugendem Optimismus. Bei einem Wahlerfolg würde er aus dem Nationalrat zurücktreten, denn das Pensum des Regierungsrates sei gross genug, und so könne er Platz machen für eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger. «Ich würde mich freuen, in der Exekutive zu arbeiten, denn es gefällt mir, konkret zu wirken und Lösungen für Probleme zu erarbeiten.»

Das Schlusswort gehört dem ehemaligen Stadtpräsidenten

Zu seinem Rücktritt sagt er: «Ich bin der Meinung, man sollte nicht länger als 12 bis 16 Jahre in so einem Amt bleiben. Wir sind nicht eine Gemeinde von 500 Leuten, wo jeder froh ist, wenn es der Cousin macht. Ein Wechsel ist gut für mich, es ist ein Wechsel meines Horizontes, und er ist auch gut für die Stadt.

Es war für mich schon 2022, kurz nach den Wahlen, klar – das war noch vor dem Unfall –, dass ich 2026 nicht mehr antreten werde. Ich wollte zu einem Zeitpunkt zurücktreten, an dem ich noch motiviert bin. Und ich muss gestehen: Da ist auch Wehmut mit dabei! So sollte es auch sein.
Auf jeden Fall habe ich die Zeit als Stadtpräsident von Wädenswil in sehr guter Erinnerung.

Diese Regierungstätigkeit, die ich sehr gerne gemacht habe, hat meine Entscheidung, für den Regierungsrat zu kandidieren, beeinflusst. Ich habe viel Erfahrung gesammelt und kann mir dies nun auch für den Kanton Zürich gut vorstellen. Ich habe Lust und Energie, um meine Erfahrung nun auf einer anderen Ebene einzubringen und weiterzuführen.»

Teilen mit: