Wädenswil

Der haarsträubende Fall der Frieda Keller

Zum Abschluss der Saison lud die Lesegesellschaft Wädenswil die Schriftstellerin und Drehbuchautorin Michèle Minelli ein. Die Autorin verstand es sehr gut anhand historischer Dokumente und Auszüge aus ihrem Roman «Die Verlorene» das Schicksal von Frieda Keller darzustellen und den über sechzig Anwesenden das tragische Schicksal dieser Frau nahe zu bringen.

Frieda Keller, Weissnäherin aus Bischofszell, 1879 geboren, wurde als Zwanzigjährige schwanger, nachdem sie vom Wirt des Gasthauses, in dem sie jeweils am Wochenende aushalf, mehrfach vergewaltigt worden war. Daraufhin wurde sie von ihrem Vater, der mit dem Wirt befreundet war, verstossen und zog nach St. Gallen, wo sie einen Sohn gebar.
Zusammen mit ihrer Mutter und ihrer neuen Arbeitgeberin beschloss Frieda Keller, ihren Sohn Ernst in die «Kinderbewahrungsanstalt Tempelacker» zu geben. Als Ernst fünf Jahre alt war musste er die Anstalt aus Altersgründen verlassen. Von finanziellen Nöten und der gesellschaftlichen Schande, die ihr als ledige Mutter drohten, in die Enge getrieben, erdrosselte Frieda Keller ihren Sohn am Tag von dessen Entlassung mit einer Schnur und vergrub seine Leiche im Wald. Erst Monate später, nach einem heftigen Gewitter, kam man dem Verbrechen auf die Spur.
Frieda Keller gestand die Tat und wurde als Kindsmörderin zum Tode verurteilt. Der Grosse Rat des Kantons St. Gallen hiess ihr Gnadengesuch gut, und Frieda Keller verbrachte 15 Jahre unter strengsten Haftbedingungen im Zuchthaus. Nach ihrer Freilassung im Jahre 1919 arbeitete sie als Zimmermädchen in einem Berner Oberländer Hotel. Nach mehreren Hirnschlägen brachte man sie 1937 in der Heil- und Pflegeanstalt Münsingen bei Bern unter, ein Jahr später im Kantonsspital Münsterlingen, wo sie 1942 starb.
Anschaulich und engagiert schilderte Michèle Minelli die Entstehung des Romans und anschliessend den langen Weg zum Film. Nicht weniger als fünf Fassungen des Drehbuchs waren nötig, bis Produzent und Regisseurin zufrieden waren! Im Unterschied zum Roman spielt im Film «Friedas Fall», der 2025 in den Kinos zu sehen war, die Frau des Staatsanwalts, die Verständnis für Frieda zeigt, eine zentrale Rolle. Das Publikum dankte Michèle Minelli mit einem kräftigen Applaus.

Mitglieder­versammlung

Dem Vortrag von Michèle Minelli vorausgegangen war die 237. Mitgliederversammlung der Lesegesellschaft. Annemarie Stocker führte als Präsidentin durch die statutarischen Geschäfte, konnte auf einen Reigen erfolgreicher Veranstaltungen zurückblicken und freute sich, den Anwesenden mitteilen zu können, dass die Lesegesellschaft bei den Mitgliedern einen leichten Zuwachs verzeichnete. Aus dem Vorstand gab es keine Rücktritte, hingegen trat René Peter nach fast dreissig Jahren aus der Arbeitsgruppe Literatur zurück – Anlass genug, sein immenses Engagement zu würdigen und zu verdanken. Als neues Mitglied der Arbeitsgruppe stellte sich Christoph Gellner vor. (w)

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