Wädenswil

Christof Wolfer – Stadtpräsident von Wädenswil

Christof Wolfer ist der neue Stadtpräsident von Wädenswil. Nach 16 Jahren, die durch Mitte-Politiker Philipp Kutter als Stadtpräsident geprägt wurden, folgt nun der Freisinnige und bisherige Finanzvorstand Christof Wolfer. Wer ist Christof Wolfer, welches sind seine Anliegen und wie will er sein Amt ausfüllen?

Text & Bild: Ingrid Eva Liedtke

«Ich bin ein Wädenswiler. Ich bin hier geboren, 1964. Weil es mir hier so gut gefällt, bin ich auch immer noch da. Wie die meisten Menschen habe ich in meinem Leben schon verschiedene Phasen durchlebt.» Christof Wolfers Kindheit und Jugend war geprägt durch Cevi und Jugendarbeit. «Ich habe die Cevi in Wädenswil mitaufgebaut – wir waren die grösste Jugendorganisation in dieser Zeit.»
Dann folgte eine erste politische Phase. Von 1986–90 war Christof Wolfer im Gemeinderat und von 1990–98 ein erstes Mal im Stadtrat. «Dann wurde ich abgewählt. Das war im Nachhinein ein Glück, denn darauf folgte meine berufliche Karriere. Im Zuge dessen bin ich viel herumgekommen, habe die Schweiz und einiges von der Welt kennengelernt. Ich bin gelernter Wirtschaftsprüfer und war lange im Firmenkundengeschäft bei der UBS in verschiedenen Funktionen tätig. Das war interessant und machte mir Freude.»
Eine weitere Neuorientierung, eine zweite politische Phase, folgte vor vier Jahren. «Ich wollte ein wenig kürzertreten, weniger arbeiten. Es hat für mich gepasst, mich nochmals als Stadtrat zur Verfügung zu stellen. Ich wurde wieder gewählt! Der Sektor «Finanzen» hat mir gefallen, thematisch und auch die Leute, mit denen ich zusammenarbeite. Ich hätte das gut und gerne noch weitergemacht. Aber ich wollte nochmals etwas Neues wagen, und so habe ich mich als Kandidat für das Stadtpräsidium zur Verfügung gestellt. Nun freue ich mich sehr über die gewonnene Wahl und das Vertrauen, das mir damit entgegengebracht wurde. So kenne ich nun beides, abgewählt und gewählt zu werden.»

Christof Wolfer ist seit 30 Jahren glücklich verheiratet. Wolfers haben keine Kinder und auch keine Haustiere, aber unterhalten gute Beziehungen zu Göttikindern und geniessen bewusst ihre Privilegien. Zudem unterhält Christof Wolfer, wie er sagt, einen grossen Freundeskreis. Aus allen seinen Lebensphasen seien ihm gute, enge Freunde geblieben, frühe Studienkollegen, Freunde aus der Cevi, Leute, mit denen er zusammengearbeitet hat.
«Ich habe immer Freundschaften gepflegt – auch von der Arbeit her – das ist mir sehr wichtig. Auch sportliche Aktivitäten sind dazugekommen, obwohl ich als Kind Asthma und nicht so Freude am Sport hatte. Biken, Golf und Bridgespielen sind mir wichtige Freizeitbeschäftigungen. Ich war lange Präsident des Zürcher Bridgeclubs und bin Vizepräsident des Schweizerischen Bridgeverbands.»
Sich einzubringen ist Christof Wolfer ein Anliegen. Er denkt kurz nach und sagt dann: «Vielleicht habe ich ein gewisses Flair für das Organisatorische – und so wurden mir immer wieder solche Aufgaben übertragen. Ich habe sie immer gerne übernommen. Ich bin nicht gerne nur ‹Freizeitler› – ich will mich engagieren – etwas bewirken!» Wolfer erklärt sich diesen Drang auch mit dem Glück, dass er bisher hatte. Glück, in der Schweiz geboren zu sein. Er sagt: «Ich hatte viel Glück im Leben. Dazu gehört, meiner Meinung nach, auch, etwas zurückzugeben. Das sind alte christliche Werte. Ich halte viel davon. Auch Nächstenliebe ist ein wichtiger Wert, auch wenn man nicht religiös ist!»

Wie fühlt man sich als frischgebackener Stadtpräsident von Wädenswil?

Diese Frage kommt für Christof Wolfer noch ein wenig zu früh. So ganz in sein neues Amt hineinfühlen kann er sich noch nicht, da er erst am 4. Mai sein Amt offiziell antrat. «Ich bin voller Ideen. Aber zuerst – das erscheint mir sehr wichtig – wollte ich allen zuhören, wollte hören, was die Anderen für Ideen haben. Wohin wollen sie? Das schliesst auch die Angestellten der Stadt ein.»
Diese, seine «Strategie», sieht Christof Wolfer als wichtige Vorgehensweise im Kontakt mit Menschen, die sich immer bewährt habe. Zuhören müsse sein, auch wenn man viele Ideen habe. «Das hat auch mit Wertschätzung des Gegenübers zu tun», erklärt er. Sein Grundgefühl über seinen Sieg im ersten Wahlgang sei sehr gut.
Er erklärt es so: «Es ist schon sehr schön, im ersten Wahlgang gewählt zu werden. Das ist eine grosse Wertschätzung, die ich damit erfahren habe. Das schliesst auch das ein, was ich bisher gemacht habe, was ich mitbringe und meine Persönlichkeit. Das darf man auch geniessen!» Christof Wolfer ist nicht naiv. Es ist ihm bewusst, dass sein Sieg auch mit seiner Parteizugehörigkeit zu tun hat: «Die FDP ist bürgerlich, ist relativ in der Mitte. So konnte ich viel Unterstützung abholen. Alle neun Präsidien im Bezirk Horgen sind übrigens von der FDP besetzt!»

Wie kann man in dieses Amt hineinwachsen, wie es ausfüllen? Aus der Antwort auf diese Frage ist eine gewisse Ambivalenz herauszuhören: «Mit mir fängt auch ein neuer Stadtschreiber an. Es ist ein totaler Wechsel. Dabei kann auch viel Know-how verloren gehen. Aber es ist auch eine Chance. Wir können Dinge neu andenken und neue Impulse setzen. Wädenswil läuft gut, und vieles soll so bleiben, aber die Stadt muss sich an neuen Entwicklungen orientieren und mitgehen. Das bedeutet auch viele Herausforderungen. Die Finanzen sind glücklicherweise eine Querschnittsfunktion, von wo man überall hineinschauen kann: Wir bauen die Schulhäuser und stellen Asylunterkünfte zur Verfügung und haben mit vielen Abteilungen zu tun, weil es auch immer um die Finanzierung geht: Überall braucht es Infrastruktur und Geld. Darum weiss ich glücklicherweise schon über vieles Bescheid.»

Persönliche Anliegen

Christof Wolfer ist es ein Anliegen, dass nicht vergessen geht, dass man nicht immer nur Aufgaben und damit Ausgaben ausbauen kann. Es werde leicht vergessen, dass das benötigte Geld zuerst hereinkommen müsse, bevor man es ausgebe. Er erklärt: «Die Ausgaben des Sozialstaates wachsen sehr schnell, und neue Leistungen werden gerne unterstützt. Die Einnahmen müssen aber auch steigen. Die Situation ist die, dass wir auf der Aufgabenseite sehr schnell wachsen. Strukturell haben wir allgemein ein Defizit, weil wir mehr ausgeben, als wir ordentlich einnehmen. Momentan haben wir in Wädenswil viele ausserordentliche Einnahmen. Wenn wir aber nicht mehr so wachsen, können wir unsere Aufgaben nicht mehr wahrnehmen. Bereiche wie die Sozialwerke, die Schule und die Alterspflege sind Kostentreiber. Pro Schüler zahlen wir doppelt so viel wie vor 20 Jahren. Die grossen Firmen, die Reichen und die, die Häuser verkaufen, sorgen für substanzielle Steuereinnahmen, Einnahmen, die wir brauchen.»

Politische Anliegen

Christof Wolfers politische Anliegen drehen sich um Wädenswil. Für ihn ist Wädenswil die schönste Gemeinde der Schweiz. «Wädenswil hat ein tolles Kulturangebot, gute Vereine, ein starkes Gewerbe, gute Anbindungen an den Verkehr und eine wunderbare Naherholungszone, schöne Natur in unmittelbarer Nähe. Alles hat sich gut entwickelt und will und soll erhalten bleiben. Was heisst das? Am Beispiel des Zentrums, das wir stärken wollen, zeigt sich, dass gewisse Vorhaben nicht so leicht in die Tat umzusetzen sind. Wir alle müssen uns fragen, warum Läden zugehen. Viele Leute kaufen vermehrt online ein!»
Die Schlussfolgerung scheint naheliegend: Wenn Wädenswil also sein Zentrum lebendig und divers halten will, müssen die Wädenswilerinnen und Wädenswiler vermehrt wieder in den lokalen Geschäften einkaufen, um diese zu unterstützen.

Eine weitere Frage, die Christof Wolfer aufwirft, zielt in dieselbe Richtung: «Warum gehen die Restaurants zu? Man geht weniger auswärts essen und lässt nach Hause liefern», legt Wolfer dar. Hier kann man sich die Antwort selber geben.
Trotzdem möchte man sich fragen, ob es zu diesen Themen nicht noch weitere Massnahmen gäbe, die auch die Stadt direkt anschieben könnte. Sicher ist, dass Antworten gefunden werden müssen zu den Trends, die sich während Corona stark entwickelt hatten.
Für Christof Wolfer stehen bei all den verschiedenen Aufgaben und Themen, wie schon erwähnt, gesunde Finanzen weit oben auf der Traktandenliste. Diese brauche es auch, um Wädenswils Infrastrukturen zu unterhalten. Das bedeute, Finanz- und Bauschulden im Auge zu behalten.

Ein weiteres Thema ist die demografische Entwicklung. «Wir müssten uns auf die Überalterung vorbereiten», so Wolfer. Das bedeute den Bau und Ausbau von Alterswohnungen und die Förderung von integrierter Versorgung (wie Spitex), auch weil Pflegeheime extrem teuer seien. Es müsse ermöglicht werden, dass die Leute möglichst lange zu Hause bleiben können. Dies sei im Sinne aller und somit eine Win-win-Situation. «Die Zuwanderung hat einen positiven Effekt», legt Christof Wolfer einen weiteren Aspekt dar. «Wir können nicht mehr von unseren Jungen gepflegt werden.» Doch dies führe auch zu grösserer Wohnungsnot – ein weiteres schwieriges Thema! Dazu sagt er: «Es gibt sehr viele günstige Wohnungen in Wädi. Aber sie sind besetzt. Ich denke, wir haben eigentlich eine gute Durchmischung. Das Wohnungsproblem ganz lösen können wir wohl nicht. Vielleicht sind Alterswohnungen eine Lösung, denn sie führen zu einem Doppeleffekt, weil dann möglicherweise günstiger Wohnraum frei wird. Wo neue Wohnungen gebaut werden, wird die Stadt Einfluss nehmen, wo sie kann. Man darf diesen aber nicht überschätzen. Wir wollen sanieren und verdichten. Die Wohnungen sollen auch vom energetischen Standpunkt her genügen. Der Wunsch nach mehr und günstigem Wohnraum ist berechtigt, aber von vielen Faktoren abhängig. Es ist ein sehr komplexes Feld.»
Christof Wolfer versucht, in vielen der Themen breit zu denken. Er beabsichtigt, hinzuhören, die Zusammenhänge zu verstehen und Einflussmöglichkeiten abzuchecken.
Dabei ist ihm Folgendes wichtig: «Der Ruf: ‹Die Stadt muss!› gefällt mir nicht. Meine politische Vorgehensweise wäre zum Beispiel: ‹Wir gründen eine neue Genossenschaft, um günstigen Wohnraum zu schaffen, und der Stadtrat soll uns dabei unterstützen›. Die Freiwilligenarbeit und die Initiative von Privaten sind enorm wichtig. Ich möchte sie wertschätzen, aber auch verlangen. Ich möchte den Gedanken an die Gemeinschaft stärken, nicht eine Anspruchshaltung an die Stadt. Das ist nicht einfach, aber umso wichtiger. Es ist ein wichtiger Treiber, damit Wädenswil lebt, um Veranstaltungen zu organisieren, ein kulturelles Angebot zu haben, um Institutionen zu unterstützen, die sich engagieren.»

Ein Stadtpräsident muss die Nähe zu den Leuten suchen

Christof Wolfer glaubt, dass sein Vorgänger Philipp Kutter sehr nahe an den Leuten war und diesbezüglich ein Vorbild sein kann. «Die monatliche Sprechstunde ist ein bewährtes Mittel. Wir hören zu und nehmen alle ernst. Wir sind bestrebt, gute Ideen zu unterstützen. Wir können bei vielem helfen, aber nicht alle Probleme lösen. Wertschätzung ist sehr wichtig! Ich gehe gerne an Veranstaltungen. Da kommt man mit den Menschen ins Gespräch und kann Wertschätzung einbringen.»

Was kann Christof Wolfer den Wählern von Claudia Bühlmann und Jonas Erni bieten?

«Ich bin Stadtpräsident für alle. Das ist mein Slogan. Ich bin kein scharfer Verfechter von gewissen Ideen. Wir möchten auch die Ideen der SP und der Grünen aufnehmen. Wir sind sieben Stadträte, die miteinander Lösungen für Wädenswil erarbeiten. Ich bin der Koordinator. Wir arbeiten zusammen und bringen Ideen und Gedanken ein. Zusammen entwickeln wir dann Lösungen. Einige Umweltschutzmassnahmen und Energieanliegen wurden schon umgesetzt, und wir setzen uns weiter dafür ein.» Es sei wichtig, so Wolfer, dass möglichst alle im Stadtrat vertreten seien. Darum finde er es schade, dass die SVP nicht dabei sei.
Auch in der Organisation der Verwaltung gebe es noch einige Herausforderungen. Prozesse und Abläufe sollen angeschaut und allenfalls verbessert werden. Die Personalführung sei immer eine Herausforderung, der Fachkräftemangel latent (hohe Fluktuation). «Das Personal muss gepflegt werden, soll sich entwickeln können. Dabei habe ich viele Erfahrung und kann gut mitgestalten. Es stimmt mich positiv, dass man das eine oder andere noch weiterentwickeln kann», erläutert Wolfer. «Ich möchte die Leute motivieren – ihr Erfolg ist mein Erfolg.» Christof Wolfer will nicht der Star sein, sondern es ermöglichen, dass die Mitarbeitenden, die ehrenamtlich Arbeitenden und die anderen Stadträte erfolgreich sind und sie zusammen die Stadt erfolgreich machen.
«Motivieren, unterstützen, auch mal etwas fordern und, wenn nötig, mal eine Linie setzen», sagt er. «Das wird von einem Team geschätzt. Es braucht eine Führung und manchmal den Mut zu schwierigen Entscheidungen.»

Was kann Wädenswil den Problemen der Welt entgegensetzen?

Christof Wolfer ist guten Mutes. «Wir dürfen uns nicht zu sehr verängstigen lassen durch das, was auf der Welt passiert. Wir können es nicht direkt beeinflussen. Wir müssen uns fragen, wo in unserem eigenen Umfeld wir Dinge verbessern können. Dafür kann ich, können wir Verantwortung übernehmen. Aber nicht für die Entwicklung im Nahen Osten. Depression nützt nichts. Wir müssen versuchen, es vor Ort besser zu machen, für die Menschen hier. Das können wir beeinflussen.»

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