Wädenswil

Eleonora Em – Porträt einer Pianistin

Eleonora Em, Jahrgang 1987, ist eine Pianistin mit koreanischen Wurzeln, die eigentlich Russin ist, aber jetzt Schweizerin, weil sie mit ihrer eigenen Familie in der Schweiz lebt. Sie ist eine Frau mit einem ungewöhnlichen Lebenslauf.

Text: Ingrid Eva Liedtke

Eleonora Em ist Pianistin. Wenn man sie dazu auffordert, sich selbst zu beschreiben, antwortet sie zuerst: «Ich bin Mutter eines fünfjährigen Jungen.» Dass das Klavierspielen dann doch eine sehr zentrale Rolle in ihrem Leben einnimmt und ihr ganzes bisheriges Leben bestimmte, wird schnell offensichtlich, aber auch, dass Familie, Lehrerinnen und Förderer und Glück davon immer Teil sind.
Eleonora Em ist ein sehr freundlicher und zuvorkommender Mensch, steht auf, als ich an den Tisch trete, an dem sie mich schon erwartet. Wir haben uns in einem Café verabredet. Ich frage mich, wie sie wohl aufgewachsen ist und ob diese herzliche Zugewandtheit auf ihre koreanischen Wurzeln zurückzuführen ist.

Assimilierung in Russland

Eleonora Em hat einen ungewöhnlichen Lebenslauf vorzuweisen. Die Koreanerin ist in Russland aufgewachsen, assimiliert in der russischen Kultur, was, wie sie sagt, bedeutet: «auf Europa ausgerichtet». Das schliesse auch den künstlerischen Austausch ein, jenen nach der Auflösung der Sowjetunion.

«Ich wurde vor allem durch diesen klassischen europäischen Bereich, in dem ich mich bewege, geprägt», erklärt sie. «Die koreanischen Wurzeln, diese Kultur, sind mir sozusagen verloren gegangen. Meine Vorfahren, also meine Grosseltern, sind Regime-Flüchtlinge. Sie sind vor der Teilung von Süd- und Nordkorea nach Russland geflüchtet. Korea war eine japanische Kolonie, und es war sowohl aus ökonomischen wie auch politischen Gründen schwierig, da zu leben. So sind schon meine Eltern in Russland geboren. Ich habe eine Schwester, die jetzt in Deutschland wohnt. Unsere Familie wollte sich immer unbedingt integrieren. Das hiess, wir sollten sehr gut Russisch sprechen, möglichst ohne Akzent. Deshalb wurde uns bewusst kein Koreanisch beigebracht. Wir sahen schon anders aus, das reichte, fand unsere vorausschauende Mutter.»

Zugehörigkeit

Eleonora Em hat diese Einstellung weitergetragen und auch bei ihrer Ankunft in der Schweiz dieselbe Strategie verfolgt, sich sofort darum bemüht, die Sprache zu erlernen und Kontakte zu knüpfen.
Dazu sagt sie: «Es ist eine Entscheidung, die man trifft. Will ich mich in kulturellen Communities bewegen, oder will ich mich vollständig integrieren? Ich habe mich immer für die Integration entschieden. Mit der Zeit kann man sicher einen Kompromiss finden und sich auch den eigenen Wurzeln zuwenden.»
Doch ganz im Herzen fühlt sich Eleonora Em nun sowieso multikulturell, das heisst, zu vielen Orten zugehörig.
«Das ist sicher auch so wegen meines Berufes», sinniert sie. «Ich spiele so viele Konzerte, von so vielen verschiedenen Komponistinnen und Komponisten, mit ebenso vielfältigen Hintergründen. Das erfordert eine Offenheit für verschiedene Identitäten. Dieser weite Fokus ermöglicht mir, die Musik, die Sprache dieser Künstlerinnen und Künstler ganzheitlich zu erfassen.» Doch Eleonora Ems Sohn, der hier in der Schweiz aufwächst, soll Russisch lernen. Sie versucht, es ihm von klein auf beizubringen, denn so könne er diese sehr schwierige Sprache spielerisch erlernen. Als Mutter staunt sie über die ganz anderen Erziehungsmethoden, die hier in der Schweiz üblich sind. Es gebe so viel mehr Freiheiten und auch viel weniger Grenzen – manchmal zu wenig!

Der Weg zur Pianistin

Ihren Weg zur Pianistin verdankt Eleonora Em ihrer Begabung, ihrem Fleiss und ihrer Zielgerichtetheit, aber auch dem Glück. Wenn zu aller Arbeit, die man leiste, zur richtigen Zeit die richtigen Weichen gestellt würden und man Menschen begegne, die unterstützend wirkten, dann könne man das Glück nennen.
Am Anfang ihres Weges sollte die kleine Eleonora einfach einmal ein Instrument spielen lernen. So war es üblich in ihren Kreisen. Sie wählte das Klavier. Sie erinnert sich: «Damals besuchten Mädchen aus dieser Bevölkerungsschicht den Ballettunterricht, spielten Schach oder ein Musikinstrument. Das war so üblich, wenn man die Tochter eines Universitätsprofessors für Ökonomie war.»
Die koreanische Kultur – offensichtlich spielt sie doch eine Rolle –
sei sehr streng in der Kindererziehung. Man müsse sehr fokussiert seinen Weg gehen.
«Auch in Russland hatte man wenig Wahlmöglichkeiten», erinnert sich Eleonora Em. «Im Kommunismus waren die Wahlmöglichkeiten sehr beschränkt. Es gab schon ein gewisses Angebot, aber es war unmöglich Verschiedenes auszuprobieren, man musste sich früh entscheiden. Trotzdem waren wir privilegiert, hatten ein bisschen mehr Luft – oder Geld. Unsere Mutter hat uns zu Privatlehrerinnen geschickt. Wir beide, meine Schwester und ich, nahmen Klavierunterricht. Die Lehrerin entdeckte dann bei uns das absolute Musikgehör. Es war ein Glück, dass wir uns nicht für Ballettunterricht entschieden hatten!» Eleonora Em lacht.
Mit schon sechs Jahren kam dann das Mädchen mit dem absoluten Musikgehör in eine Musikschule für hochbegabte Kinder. Eleonora Em musste eine Aufnahmeprüfung machen. Auf die Frage, ob sie sehr unter Druck gestanden habe, muss sie zuerst ein wenig nachdenken, dann ringt sie nach Worten, gewisse Emotionen werden wach. Sie antwortet: «Ich weiss nicht mehr so genau, ob mir das Druck gemacht hat. Ich war schon früh sehr ambitioniert. Aber ich mag mich gut erinnern an die Stimmung in der Klasse. Es waren 30 musizierende Kinder von fünf bis sieben Jahren. Die Stimmung war … irgendwie ungesund, denn jede und jeder wollte besser sein als der andere. Das wurde von den Kindern auch ausgelebt. Wenn ich jetzt so daran zurückdenke, wird mir bewusst, dass es schlimm war. Damals war das einfach so – wohl normal. Hier in der Schweiz realisiere ich, dass die Kindheit einen höheren Stellenwert hat. Das finde ich schön. Aber damals wusste ich davon nichts.»
Als Eleonora Em vier Jahre alt war, fiel die Sowjetunion auseinander, und die Familie musste wegziehen. «Mein Vater wollte aus Usbekistan, wo wir lebten, raus, weil die Zukunftsaussichten immer geringer zu werden drohten. Zum Glück sind wir 1995 geflüchtet, in den Kaukasus, nach Pjatigorsk. Da lebten wir bis 2003.»

Tod des Vaters – Mutter muss Familie durchbringen

Ein drastischer Einschnitt war der Tod von Eleonoras Vater 1997. Er war nur 67 Jahre alt gewesen. Die Mutter hatte vorher nie auswärts gearbeitet. Das sei wieder einer dieser Momente gewesen ohne Optionen. Die Mutter musste arbeiten gehen.
«Nun mussten wir uns noch mehr und ausschliesslich darauf konzentrieren, was wir gerne und gut konnten. Für mehr reichten die Ressourcen nicht. Ich war elf Jahre alt. Viele Leute haben uns künstlerisch unterstützt … und meine Mutter hat Geld für das tägliche Leben verdient. Dann schauten wir, dass wir nach Moskau kommen konnten, weil dort die Ausbildungsmöglichkeiten viel besser waren. Im Jahr 2003 war ich schliesslich auf der Vorbereitungsstufe für ein Bachelorstudium am Chopin College in Moskau. 2007 machte ich den Bachelor als Pianistin. 2008 kam ich nach Zürich, um den Master zu machen, weil mein Professor Scherbakov in Zürich an der ZHdK unterrichtete. – So hat sich eigentlich mein ganzes Leben nach der Kunst ausgerichtet.»

Der Lebenstraum

Nach Abschluss des Studiums hat Eleonora Em eine Stelle als Klavierlehrerin gefunden, denn auch in der Schweiz muss der Lebensunterhalt einer Künstlerin bestritten werden. Sie unterrichtet an der Kantonsschule Ausserschwyz.
«Während des Studiums fragte man mich oft, was ich nachher machen möchte. Ich sagte immer: Ich möchte gerne teilweise unterrichten und teilweise Konzerte geben. Es ist mir gelungen, diesen Traum umzusetzen und somit auch meinen Lebensplan, eine Familie zu haben, ein würdiges, schönes Leben zu führen – als Mutter und Pianistin. Ich kann so vieles vereinbaren. Das alles ist auch durch die Unterstützung meines Mannes möglich. Er unterstützt mich jeden Tag, auch in der Betreuung unseres Sohnes.»

Musikalische Prägung

Eigentlich, so Em, spielte Musik in ihrer Familie keine Rolle. Die Schule habe eine wichtige Rolle gespielt, da sie früh lernte, diszipliniert zu arbeiten. «Ich war auf mich selbst gestellt, wenn ich etwas erreichen wollte. Das war mir klar. Aber auch unsere Eltern haben uns so erzogen, dass wir auf unseren Weg fokussiert bleiben», erinnert sich Eleonora Em. «Für mich persönlich war das gut, weil ich charakterlich auch so angelegt bin. Ich konnte dem Druck standhalten, weil ich die Musik liebte, und ich hatte Glück, mit netten Menschen zu arbeiten, die mich begleitet haben. Man muss halt auch Glück haben!»
«Die klassische Musik hat mich früh geprägt. In Russland gab es wenig andere Musikrichtungen. Jazz zum Beispiel musste man exklusiv studieren, es gab kein Crossover. Zudem hatte die Klassik ein viel höheres Renommée in Russland. Die ‹richtige› Ausbildung lag in der Klassik. Jetzt ist das viel offener geworden. Man kann klassisches Klavier studieren und es mit Jazz oder Filmmusik verbinden. Das ist sehr schön!»

Verhältnis zur Musik

«Seit ich vier Jahre alt bin, bin ich in der Musik, und sie ist in mir.» So beschreibt die Pianistin ihr Verhältnis zur Musik. Sie sagt, sie könne Musik nicht als etwas wahrnehmen, das unabhängig von ihr ist. Stil spiele dabei keine Rolle.
«Ich bin nie getrennt von Musik. Wenn ich ein neues Werk kennenlerne, dann ändert sich auch etwas in mir. Ich erfahre wieder etwas Neues. Ich erfahre in jedem Werk etwas, worin ich mich erkennen und neu erleben kann.» Sie denke immer in oder über Musik nach, denke an Stücke und ihre Entwicklung nach. «Es ist nicht immer ein loderndes Feuer in mir, aber immer eine Glut.»
Jede Interpretation sei einzigartig. «Ich spiele kein Stück jemals genau gleich. Ich habe meinen eigenen Stil. Und immer fliesst ein, was ich in dem Moment gerade bin und fühle. Und doch muss ich eine gewisse Technik und den Stil beherrschen. Ich kann Bach nicht wie Rachmaninow spielen. Der Text (die Noten) bleibt immer derselbe, aber Dynamik, Tempo und stilistische Vorgaben haben einen Spielraum. Dazu kommen dann die Inspiration, meine Energie, und es entsteht meine Interpretation», führt die Pianistin aus.

Wie kann man ein ganzes Konzert auswendig spielen?
«Man kann den Text nicht einfach auswendig lernen, denn bei einem Konzert kommt das Adrenalin dazu, man ist nervös, hat Lampenfieber. Ein Konzert ist immer eine physische Stresssituation. Es braucht eine gewisse Anspannung, aber man muss geschult sein damit umzugehen und das Adrenalin unter Kontrolle zu halten.»

Heutzutage sei es aber nicht unbedingt nötig, ohne Noten zu spielen.
«Ich spiele allerdings meistens ohne Noten, ausser vielleicht moderne, zeitgenössische Stücke. Man arbeitet sehr viele Stunden an einem Stück. Irgendwann hat sich das Stück integriert – man hat es intus. Dazu kommt die Erfahrung. Wenn man so viel übt, lernt auch das Gehirn, wie es ein Stück besser abspeichern kann.»

Wichtige Projekte

Es ist Eleonora Em ein Bedürfnis, immer wieder Neues zu entdecken und zu erleben. Auch wenn ihr Hauptfokus nach wie vor auf der Klassik liegt, versucht sie auch Neuland zu erobern.
«Neues bereichert mich, auch in meiner klassischen Tätigkeit. Seit letztem Jahr beschäftige ich mich mit den Werken von schweizerischen Komponisten und Komponistinnen, die einen Bezug zur Schweiz haben. Das ist Neuklassik oder zeitgenössische Musik. Es gibt eine Organisation: Swiss Female Composer Festival. Da bin ich seit letztem Jahr Botschafterin und versuche, diese Musik dem Publikum zugänglich zu machen, indem ich sie spiele, darüber spreche, Vernetzungen herstelle.»

Frauen in der Klassik

Im Herbst sei ein Projekt geplant, das auch in Wädenswil Station machen werde. Es gehe darum, Begegnungsorte zu schaffen, wo an drei bis vier Abenden Konzerte stattfinden können, wozu auch Künstlerinnen eingeladen und vorgestellt werden.

Dabei geht es der engagierten Musikerin um Frauensolidarität, denn vor allem in der Klassik gebe es immer noch zu wenig Frauen. «Auch die Besetzung in den Orchestern ist immer noch unglaublich ungleich, Frauen sind immer noch untervertreten. Wir engagieren uns dafür, das kulturelle Erbe aufzufrischen, Schweizer Komponistinnen sichtbar zu machen.

Zudem sind die Vernetzung und der persönliche Austausch mit dem Publikum wichtig, um die Wahrnehmung zu fördern, und ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Solidarität: Frauen spielen Musik von Frauen!», führt sie begeistert aus.

Raff-Archiv in Lachen

Ein weiteres Projekt von Eleonora Em ist eine Schallplatte, die der Schweiz gewidmet ist. Em unterstützt das Raff-Archiv in Lachen mit dem Nachlass von Joachim Raff, einem Schweizer Komponisten des 19. Jahrhunderts (1822–1882), der in Lachen geboren ist.
«Ich beschäftige mich seit Jahren mit seinen Werken. Ich spiele sie und habe sie auch schon mehrmals aufgeführt. Nun möchte ich Schweizer Komponistinnen mit ihm zusammenführen. Das heisst, ich spiele verschiedene Stücke ein. Joachim Raff wurde zu Unrecht vernachlässigt. Er hat eine sehr schöne Kompositionssprache. Seine Zeit war die von Liszt, Brahms, Schumann und Wagner, und er war Rektor des Dr. Hoch’s Konservatoriums in Frankfurt am Main und hat als einer der Ersten Frauen angestellt, wie zum Beispiel Clara Schumann – das finde ich grossartig.

Es ist mir ein wichtiges Anliegen zu zeigen, dass Frauen musikalisch viel bewegten, ohne dass es wahrgenommen wurde. Ich will ihnen eine Stimme und mehr Platz im heutigen Kulturgeschehen einräumen – wenigstens jetzt. Zum Glück bin ich nicht die Einzige – darum spiele ich mit Frauen Musik von Frauen.»

Im Mai kann man Eleonora Em im Theater Ticino live erleben. Sie begleitet das Stück «Madame Pylinska und das Geheimnis von Chopin», gespielt von Graziella Rossi und Alexandre Pelichet.
Mittwoch, 27. Mai, 20.00 Uhr, und Donnerstag, 28. Mai, 20.00 Uhr

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