Out of Wättischwiil Wädenswil

Susan Honegger, Netstal

Mein Name ist Susan Honegger-Hürlimann, 1950 geboren und aufgewachsen in Wädenswil. Nach der Schule zog ich nach Zürich und Basel zum Studium, später auf längere Reisen in ferne Länder.

Als junge Kunst- und Architekturstudenten aus der Stadt sind wir auf der Suche nach einer ehemaligen Textilfabrik zum gemeinsamen Wohnen und Arbeiten in den 1980er-Jahren im Glarnerland fündig geworden. Mich faszinierte, wie sichtbar das Tal durch diese Textilfabriken geprägt wurde.
In einem renovationsbedürftigen Landvogthaus (1640) mit der ersten Textilfabrikation im Tal und 23 Zimmern sind wir sesshaft geworden. Hier haben wir renoviert, Kinder aufgezogen, uns als Ausheimische eingemischt, engagiert in Kultur und sozialem Leben, als Künstlerin in diversen Ausstellungen mich mit dem Niedergang der Textilindustrie auseinandergesetzt. Viele ehemalige Arbeiterinnen erzählten mir ihre Geschichten.

Mit meinem Buchprojekt der Graphic Novel «Spinnerei» habe ich den jungen italienischen Arbeiterinnen, die bis in die 80er-Jahre in den Textilfabriken ausgebeutet und im nahen Mädchenheim in klösterlicher Strenge gewohnt haben, eine Stimme gegeben. Eine bedenkliche Geschichte, die im Glarnerland in fast jedem Dorf stattfand.

Wädenswil ist für mich Erinnerung an eine wunderbare Kindheit, im «ehrenwerten Haus Bernburg» an der Buckstrasse, an ein Dorf, indem sich alle kannten. Das Zentrum befand sich zwischen Bahnhof und Bettio, rund um das Restaurant Du Lac, wo sich mein Vater jeden Tag zum Apéro traf und Gemeindepolitik gemacht wurde.
In 5 Gehminuten gab es alles für den täglichen Gebrauch: Bettio, Metzgerei Streiff, Bäckerei Bäuerli, Post, Marroni-Toni, Molkerei Manser, zwei Sportgeschäfte, Apotheke und Coiffeur.

Die Nähe zum See ist wohl das Schönste von Wädenswil. Die Hür­li­manns, meine Vorfahren, lebten seit Jahrhunderten in Wädenswil, führten in der Sust die Schifffahrt von Zürich nach Wädenwil, bevor es eine Eisenbahnverbindung gab. Mein Vater lernte mich nicht nur das Seebuebenlied, er schaute jeden Morgen auf den See und erstellte den täglichen Wetterbericht anhand der Wellen, Farben, Schatten und Winde. Früh lernte ich schwimmen, wollte dabei sein als Jüngste bei der Seeüberquerung.

Unvergesslich 1964, als mein Vater sagte: «Komm, wir kaufen Dir Schlittschuhe, in einem Monat gibt es eine Seegfrörni.» Frühmorgens vor der Schule fuhr ich mit meinem Vater zum Hafen, mit dabei ein Pickel und ein Seil. Wir befreiten die angefrorenen Enten im See, ein waghalsiges Unternehmen.

Winter, wie wir sie uns nicht mehr vorstellen können! Per Schlitten, aneinandergehängt, bäuchlings, sind wir die Schönenbergstrasse von der Gerenau bis zum Volkshaus hinuntergerast.

Für meine letzte Lebensphase zieht es mich an den Zürichsee zurück. Obwohl ich immer wieder Freunde und Bekannte in Wädenswil treffe, ist es nicht der Ort, vielmehr der Zürichsee, der mir Heimat bedeutet.

Die Serie «Out of Wättischwiil» porträtiert ausgewanderte Wädenswilerinnen und Wädenswiler.

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