Wädenswil

Jasmin Egli – Dirigentin des Männerchors Hütten

Jasmin Egli möchte das Jodeln, das Unesco-Weltkulturerbe, wieder vermehrt unter die Menschen bringen. Sie, die junge zierliche Mutter, behauptet sich in einem traditionellen und männerdominierten Umfeld mit Können und Ausdauer und einer guten Portion Nachsicht.

Text: Ingrid Eva Liedtke
Bilder: zvg

Das Schweizer Jodeln wurde im Dezember 2025 offiziell als immaterielles Kulturerbe der Menschheit in die Liste der Unesco aufgenommen. Diese Auszeichnung würdigt den traditionellen Gesang als tief in der Schweizer Kultur verwurzelte Praxis, die Gemeinschaft und Identität stiftet. Die Aufnahme soll den Erhalt und die Förderung des Jodelns, auch des Nachwuchses, stärken.

Eine Bio-Bauerntochter

Jasmin Egli, Jahrgang 1992, ist in Bubikon auf einem Bauernbetrieb aufgewachsen. Sie ist die Älteste von vier Kindern. Ihre Kindheit war geprägt vom Bauernalltag: Keine Ferien, viel Arbeit, wenig finanzielle Mittel, wenig Kontakt nach aussen, da der Hof abgelegen lag. Aber die traditionelle Volksmusik und der Jodel waren ein ebenso wichtiger Bestandteil ihres Lebens, der sich prägend behauptete.
«Wir mussten viel mithelfen auf dem Hof, heuen, wenn im Sommer die Schulkameraden baden gingen», erzählt sie. «Aber ich finde, wir hatten eine sehr schöne Kindheit, die geprägt war von einem engen familiären Zusammenhalt. Wir hatten sehr, sehr liebevolle Eltern, auch wenn der Stall und das Vieh immer sehr wichtig waren und Priorität hatten. Wir musizierten auch oft zusammen.»
«Wir sind sehr ursprünglich aufgewachsen, wofür wir oft belächelt wurden. Das hängt auch mit einem starken Traditionsbewusstsein zusammen. Mein Bruder fährt immer noch einen uralten Traktor, der bereits ein Oldtimer ist», erzählt Egli lachend. «Wir lebten in einer wunderschönen Landschaft, hatten ein eigenes Haus, hatten einander – wir hatten Glück!»

Ausbildung zur Widerstandskraft

Jasmin Egli erzählt, während sie ihren vierzehn Monate alten Jungen auf der Hüfte trägt und ihrer zweijährigen Tochter ein Kinderbüchlein reicht. Ihre Dankbarkeit ist spürbar und auch der sichere Boden, der die junge Frau zu tragen scheint. Obwohl sie als Kind sehr schüchtern und still gewesen sei, wollte sie es schon immer allen zeigen und war eine sehr gute Schülerin. Doch ein Studium hat sie – entgegen den Empfehlungen der Lehrer – nicht gereizt.
«Unsere Eltern haben uns immer unterstützt. Wir sollten nicht um jeden Preis studieren, sondern nur, wenn unsere Berufswahl das erfordert hätte. Ich habe mich dann für eine Optikerlehre entschieden, weil ich diesen Beruf nach dem Schnuppern spannend fand. Trotz dem schrecklichen Lehrbetrieb schloss ich die Lehre und die BMS als Beste ab.» Man hört den Stolz in ihrer Stimme. Sie hat es all jenen gezeigt, die es ihr nicht zutrauten. Es scheint, als ob «erst recht!» ihr Motto ist, aber das hängt sie nicht an die grosse Glocke.
Sicher wurde dadurch Jasmin Eglis Widerstandskraft gestärkt. Und diese würde die zierliche Frau noch mehrfach brauchen.

Arbeiten, Musizieren, Familie gründen

Nach der Optikerlehre wollte sie noch etwas Erfahrung sammeln, aber auch noch Neues lernen. So trat sie in Einsiedeln eine Stelle in einem Optikergeschäft an. Nach einem Jahr wollte sie weiterziehen. Aber im örtlichen Musikverein, der Musikgesellschaft Konkordia, traf sie diesen Trompeter, der ihr ausserordentlich gefiel. So blieb sie und arbeitete in den folgenden elf Jahren in dem Optikergeschäft, bis dann endlich das erste Kind zur Welt kam. Mit einem verschmitzten Lächeln schliesst sie: «So hat es mich hierhin verschlagen, nach Trachslau!»
In der Familie war Musik immer ein grosses Thema. «Mein Vater spielte Tuba, meine Mutter Klavier und Schwyzerörgeli. Wir Kinder waren alle zusammen im ‹Kinderjodelchörli› Zürioberland. Nachher folgten die üblichen Blockflötenjahre. Von der vierten Klasse an stellte sich die Frage, welches Instrument wir spielen wollten. Ich lernte Querflöte und habe mir später noch Tenorhorn und Euphonium beigebracht (das Euphonium ist kleiner als eine Tuba und spielt die getragenen Melodien). Meine Schwester spielte Klarinette, die Brüder Trompete. Hier in Einsiedeln spielte ich Euphonium. Wir mussten von klein auf üben, das verstand sich von selbst. Wir gingen in die Jugendmusik, und wir alle sangen immer. Mit sechzehn ging ich zu den Stadtjodlern Uster. Da wurde ich schon bald zur Vizedirigentin gewählt, obwohl ich das nicht unbedingt wollte, weil ich nie gerne vor Leuten stand.»
Aber sie spielte ein Instrument und konnte Noten lesen, und so hatte sie ab und zu ihre ersten Einsätze als Chorleiterin und wuchs an der Aufgabe.
Nach der Lehre machte Jasmin Egli, während zwei Jahren berufsbegleitend das Chorleiterdiplom in Bern, um noch etwas Neues anzupacken und auch um ihren Lohn als Chorleiterin zu rechtfertigen.

Mutter werden

Während sie erzählt, kümmert sie sich gleichzeitig um ihre zwei Kinder, reicht hier ein Trinkfläschchen, blättert da eine Buchseite um, beruhigt, tröstet und bleibt immer geduldig und liebevoll. Das Muttersein ist für sie keine Selbstverständlichkeit. Es ist ein grosses Geschenk und eine Chance für persönliches Wachstum. Dazu hat Jasmin Egli eine leidvolle Geschichte zu erzählen. «Ja, die Kinder», bestätigt Jasmin Egli mit breitem Lachen, «sie erfüllen mich total!»
Sie weiss, was es bedeutet, wenn der Wunsch nach Kindern gross ist und es scheint, als würde er nicht erfüllt werden. «Ich habe Kinder verloren.» Sie weist zum Sideboard hin, das an der Wand steht und worauf fünf weisse Engelchen und ein Holzherz liebevoll aufgestellt sind. Die fünf Engel stehen für fünf verlorene Kinder, das Holzherz ist eine kleine Urne. Sie möchte darüber sprechen, was sie erlebt hat, weil sie es als wichtig erachtet, dass solches nicht totgeschwiegen wird und weil es sie geprägt, ja gestärkt hat.
«Alles, was ich erlebt habe», sagt sie, «hat mich entspannter gemacht – auch in Situationen, in denen nicht alles nach Plan läuft. Ich habe mir so sehnlichst eine Familie gewünscht, und es brauchte schliesslich vier Jahre, bis es endlich klappte und ein Kind bleiben wollte.
Ich dachte: Alle rundherum bekommen Kinder und dann jammern sie, weil es so streng ist. Und ich wollte einfach nur ein gesundes Kind haben, das lebt. Viele Menschen um mich wussten, wie ich damit umzugehen hatte, hatten aber keine Ahnung, wie ich mich fühlte, denn sie hatten gesunde Kinder! Das war wirklich schwierig für mich.»
Doch Jasmin Egli kam zu der Einsicht, dass schlussendlich jeder Mensch seinen Rucksack trägt, dass jede ihre Herausforderungen so meistern muss, dass es für sie stimmt und nicht so, wie die Leute denken, dass es gut ist. «Darum», so konstatiert sie, «nehme ich vieles nicht mehr so tragisch, weil ich weiss, dass es Schlimmeres geben kann, dass man es überstehen kann.»
Ein gutes Umfeld und das Wandern, Alleinsein in der Natur, sind Jasmin Eglis Ressourcen, um auch über schwere Zeiten hinwegzukommen.

Chorleiterin

Die junge, zierliche und widerstandsfähige Frau leitet momentan drei Männerchöre: den Männerchor Hütten, den Männerchor Frohsinn Samstagern und den Jodlerklub Luegisland Wollerau. Das habe sich einfach so ergeben.
Zum Männerchor Hütten kam sie über eine verwandtschaftliche Verbindung.
«Fritz Sonderegger, der jahrzehntelang der Dirigent des Männerchors Hütten war, ist der Bruder meines Grossvaters, und darum waren wir schon als Kinder an den Chränzli in Hütten. Der Männerchor Hütten ist kein fremder Chor für mich. Zudem sind meine Geschwister und ich als Jodelfamilie aufgetreten, mit unserer Mutter, die uns auf dem Schwyzerörgeli begleitete. Wir sind auch am Männerchorchränzli in Hütten aufgetreten.»
Trotzdem fragt man sich, ob es als Frau nicht schwierig ist, einen solch traditionellen Chor zu leiten.
Jasmin Egli winkt ab: «Es ist alles gar nicht mehr so engstirnig, wie man oft meint. Viele haben ein sehr traditionelles Bild von einem solchen Chor. Wir sind aber eine sehr diverse Gemeinschaft. Unterschiedliche Menschen in verschiedensten Umständen und ebenso unterschiedlichen Vorlieben singen und jodeln in diesem Chor. Gesanglich fühlen wir uns schon den Traditionen verpflichtet. Es ist ja auch wertvoll, diese zu pflegen. Das heisst aber nicht, dass wir nach alten Wertvorstellungen und Vorurteilen leben.»

Jodel, Toleranz, Traditionsbewusstsein

Egli liebt Musik und ist offen und tolerant. Sie sagt: «Ich interessiere mich für alle Musik. Toleranz und Offenheit sind mir sehr wichtig. Das bemängle ich bei manchen Menschen schon. Interessanterweise sind gerade Menschen, die sich als sehr offen sehen, dann doch eher geneigt, gewisse Musikrichtungen abzulehnen. Da bin ich auch sehr klar gegenüber ‹meinen Jodlern›. Toleranz auf alle Seiten ist wichtig!
Manchmal finde ich es seltsam, wenn Leute sich in den Ferien für fremde Traditionen begeistern, aber ihre eigenen zuhause ablehnen. Ich finde, wir sollten unsere volkstümlichen Traditionen pflegen und bewahren. Ich spüre da auch eine Verpflichtung. Ich bin damit aufgewachsen. Da ist es vielleicht einfacher, denn ich tue ja, was mir gefällt.»
Schliesslich helfe das Motto «Leben und leben lassen». Dies auch im Umgang mit ihren Sängern und deren oft verschiedenen Charakteren.
«Und manchmal, da kommt es vor, dass ich wirklich leer schlucken muss über den Ton, in dem ich angesprochen werde. Aber ich bin mir dann bewusst, woher das kommt, und nehme es nicht persönlich. Darum klappt es auch mit all diesen Männern!» Sie lacht und zeigt ihre weissen, regelmässigen Zähne.

Der Jodel – ist er vom Aussterben bedroht?

«Im Appenzell lernen schon die kleinsten Kinder das Zäuerlen. Da ist das normal, genauso wie das Tragen einer Tracht. Hier bei uns und je näher man Richtung Zürich kommt, sind der Jodel und die Volksmusik nicht mehr so populär. Doch Jodelanlässe sind toll! Das sollte man mal erleben! Die Teilnehmer sind bunt gemischt, und alle singen gerne und sind gesellig.»
Im Männerchor Hütten gebe es eine gewisse Überalterung. Mit 30 Sängern stehe er gut da, aber es wäre gut, wenn es in den kommenden Jahren noch Zuwachs gäbe, da in den nächsten 10 bis 15 Jahren doch einige Mitglieder altersbedingt aufhören würden. Alle, nicht nur Junge, seien willkommen.

Schnupperangebot

Mit einem Schnupperangebot wird nun ein Versuch gestartet, Leuten die Chance zu geben, Chor- und Jodelluft zu schnuppern und allenfalls ihre Leidenschaft zu entdecken. Das Schnupperangebot gilt für Männer und Frauen!
Wer Lust hat, kann in einem Projektchor mitmachen. Ab dem 7. Mai gibt es wöchentlich, jeweils am Donnerstagabend, vier Kennenlern-Proben mit Jasmin Egli im Schulhaus Hütten. Nach den Sommerferien starten die Proben mit dem Projektchor. Als Höhepunkt wird zum 120-Jahr-Jubiläum ein Programm erarbeitet. Zur Einweihung der neuen Uniformen des Männerchors Hütten wird der Chor ein Abschlusskonzert geben.
Zum Mitmachen brauche es keine besonderen Voraussetzungen, nur Neugier. So könne man das Jodeln einmal ausprobieren.
«Jeder Mensch hat eine Bruststimme und die allermeisten eine Kopfstimme. Das reicht, um Jodeln zu lernen. Die grosse Herausforderung ist, dass wir im Alltag die Kopfstimme nicht brauchen. Man muss diese oft zuerst entdecken und lernen, sie im Wechsel mit der Bruststimme einzusetzen», erklärt Jasmin Egli.
Der Männerchor werde ein Männerchor bleiben. Für weiblichen Nachwuchs – wenn jemand weitermachen möchte – hat Jasmin Egli Empfehlungen. Es bestehe auch die Möglichkeit, dass der Projektchor «Wädi jodlet!» als solcher zusammenbleibe.
Dieses Schnupperangebot sei eine Chance das Jodeln kennenzulernen, allenfalls mitzuhelfen, dieses UNESCO-Weltkulturerbe zu bewahren und weiterzuentwickeln.
Der Männerchor Hütten nutzte die Gelegenheit und bewarb sich mit diesem Schnupperangebot und dem Projektchor beim Projekt 1816 der Sparcassa 1816 um einen Förderbeitrag. Abgestimmt werden kann noch bis am 27. Februar unter www.projekt1816.ch.
Das Erbe und die Bewahrung der Tradition, und auch deren Weiterführung und Weiterentwicklung sind Jasmin Egli ein grosses Anliegen. Sie möchte den Menschen den Zugang wieder erleichtern zu einer alten Tradition, einem Erbe, das uns allen gehört.

Interessenten melden sich über die Homepage für die Proben an. Das Abschlusskonzert in der Glärnischhalle Wädenswil findet am 22. Mai 2027 um 20.00 Uhr statt.
Infos unter: www.maennerchor-huetten.ch

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