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Bruno Heller als Seher gesehen: Der Wind hat einen Teil des Werkes fortgetragen

Bild: Barbara Heller Weber, die Tochter des 2014 verstorbenen Künstlers Bruno Heller, hat sich seinem umfangreichen Lebenswerk angenommen.

In einer breit angelegten Werkschau wird in der Kulturgarage das Werk des 2014 verstorbenen Bruno Heller gezeigt. Er war ein lebenslang Suchender, der erst mit reiferem Alter zu seinem ganz persönlichen Ausdruck gefunden hat. Viele Werke blieben unvollendet und existieren nur noch als Fotografien und werden hier erstmals gezeigt.

Text & Bild: Tobias Humm

Wie Zeichen aus dem Altchinesischen Orakel I Ging setzen sich manche Bilder zusammen. Drei, vier oder mehr relevante Streifen mit unterschiedlichen Bildelementen, jedes bedeutungsschwanger, manches abstrakt, andere durchaus gegenständlich, manches sichtbar herrührend von einem andern Künstler. Louis Soutter, Max Ernst, der Fotograf Schulthess, Otto Meyer Amden und viele andere gehen in seiner Bilderwelt ein und aus, transformieren sich, werden zu Hellers ganz eigenem Instrumentarium, um sich gleich den Lichtpunkten in einem Planetarium zu drehen und weiter zu entwickeln. Phönixe und Buthotänzer durchwandern seine Bilder, posieren für ihn, wiederholen und wandeln ihre Posen, meist schauen sie vom Betrachter weg in einen oft hellen Raum, Grenzübertritten in eine andere Zeit- oder Erfahrungsebene gleich. Sind dabei nicht einfach nur Bilder entstanden? Zeichen, die mehr oder weniger zufällig durch zahllose Kopiervorgänge im Xeroxverfahren entstanden sind? Alufolien, Zeitungs- und Buchvorlagen, Collagenelementen, die sich vervielfältigen lassen und die ihre ursprüngliche Autorenschaft mit jedem Kopiervorgang etwas mehr gegen eine neue eintauschen?

Bruno Heller in seinem Atelier.

Bruno Heller verarbeitete seine Arbeitsmaterialien solange, bis sie kein Louis Sutter oder Zeitungsfoto mehr waren, sondern ein echter Heller wurden. Minutiös wurden die Elemente ausgeschnitten, komponiert und zusammengelegt. Nur gelegt, nicht geklebt. Jahrelang. Nur weniges wurde auch mit Klebstoff fixiert, nachdem der neue Besitzer der Bilder, Bruno Heller eben, sich sicher war, etwas Gültiges geschaffen zu haben. So entstanden zahllose ungeklebte Collagen, Auslegeordnungen, die hin und wieder etwas gerückt und verschoben wurden, zu neuen dystopischen Bildern neu komponiert, wie ein Tondichter Töne neu ordnet, um danach vielleicht wieder in der alten Ordnung Ruhe und Richtigkeit zu finden. Helles ist selten, meist sieht man in den Bildern Angstauslösendes, Beängstigendes. Eine finstere Welt von einem Menschen, der durchaus nicht nur dem Finsteren zugeneigt war. Erst in einer späten Schaffensphase kamen kräftige Farben hinzu.

Heller lebte für seine Kunst, daneben hatte er eine Familie, für die er Verantwortung trug, seine Frau Heidi hatte mit ihm vereinbart, dass sie als Lehrerin die Familie durchbringen würde, falls ihm die Anerkennung seiner künstlerischen Arbeit versagt bleiben würde. So kam es denn auch, dass sie bis zur Pensionierung arbeitete, mit Freude arbeitete, und Bruno Heller sich seinem künstlerischen Werden widmen konnte. Zwei Kinder wuchsen auf in einem Haus, wo Kunst den Alltag prägte, doch Heller interessierte sich für alles, was in der Welt geschah. Zeitungs- und Bücherlektüre gehörten zum Alltag, er ging ins Kino, Theater, Tanz hat es ihm besonders angetan. Und so kann man in vielen Bildern auch eine Art Bühnenbilder sehen, bespielbar von den Figuren, die er ihnen zuordnete.

Nach seinem Tod im Jahr 2014 hat sich seine Tochter, Barbara Heller Weber, seinem Werk angenommen, Ordnung hinein gebracht, chronologisch und nach Themen sortiert und mit dem Einsiedler Fotografen Martin Linsi fotografiert, was, weil es nie geklebt wurde, nicht gerettet werden konnte. So existieren mache Werke nur als Fotos, auch davon sind in der Ausstellung einige zu sehen. Sie widerspiegeln auch die Sicht der nachfolgenden Generation auf das Werk.

Heller war eigentlich Autodidakt. Andere Künstler habe ihm zwar bei der Selbstfindung geholfen, die meisten allerdings ohne davon zu wissen. Er hat sich mit frühen Aquarell- und Zeichenstudien an ihnen abgearbeitet, hat mit Ei-Tempera schöne Bilder gemalt und Radierungen geschaffen, die mit ihrer Ausdruckskraft durchaus mit denen grosser, und bekannter Künstler mithalten konnten. Doch kaum hatte er auf diesem Weg ein Niveau erreicht, das ihm Vergleiche mit andern zuliess, wandte er sich Neuem zu. Vieles vernichtete er sogleich, manches später. Und dennoch ist ein ganzer Raum voll Arbeiten zurückgeblieben, die es zu sortieren und katalogisieren gilt.

Ein I Ging zu legen ist eine Herausforderung an die Gabe der Interpretation. Nie kommen eindeutige Aussagen zustande. Ebenso bei Bruno Hellers Bildern. Wer sie betrachtet, wird auf seine eigenen Gedanken und Visionen, auf seinen Erfahrungsschatz verwiesen, um zu interpretieren. Um die Bilder zu erfassen ist oft Zeit notwendig. Musse braucht es und die Bereitschaft, sich auf Neues und Fremdes einzulassen. Und darin ist Heller mit Jahrgang 1925 trotz seinem hohen Alter, das er erreicht hat, immer ein Gegenwärtiger geblieben. Ein Moderner und ein Neuerer. Er hat die Kunst immer wieder neu entdeckt, und so sind auch die Ausstellungsbesucher aufgefordert, ihn neu zu entdecken.

11. – 20. September 2020
Kunstausstellung Kulturgarage
Wädenswiler Künstler Bruno Heller (1925 – 2014)
http://www.brunoheller.ch