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Weltfotograf Nick Ut zu Gast in Schönenberg

Die grosse Welt scheint uns oft weit weg, vor allem hier in unserem kleinen Dorf. Das Weltgeschehen findet anderswo statt. Doch es kann passieren, dass sich für einen Abend auch in Schönenberg Grosses abspielt. 

Manchmal bilden sich Freundschaften von Menschen aus verschiedenen Ländern und Kulturen, die per Zufall an einem Ort zusammentreffen. So geschah es in Saigon, dass der Sohn einer Schönenberger Familie und Nick Ut, der berühmte Kriegsreporter, sich in einem Restaurant kennenlernten und sich daraus eine Freundschaft entwickelte. Der preisgekrönte Fotograf, der ein wirklich reizender, bescheidener und sehr menschenfreundlicher Mann ist, besuchte die Eltern seines Freundes in der Schweiz und der Kreis erweiterte sich auf ein paar geladene Freunde, Bekannte und Nachbarn. Und so kam in einem Partyraum, in einer Scheune, im Stollen in Schönenberg, am Dienstag, 3. September, eine kleine, ausgesuchte Gästeschar zusammen, die sich um einen berühmten Fotografen scharte, um von dessen abenteuerlichen Berufserfahrungen zu hören – vor allem vom Vietnamkrieg und wie es zu dem Bild kam, das den Blick der Menschen auf den Krieg nachhaltig veränderte.

Wer kennt es nicht? Dieses Bild des rennenden, nackten Mädchens, das die Schrecken des Krieges in seinem Gesicht trägt. Ein verzweifelt weinender Junge rennt am linken Bildrand ebenfalls dem Betrachter entgegen, Soldaten folgen, ein Kriegsreporter wechselt gerade seinen Film. Im Hintergrund geht eine Pagode, ein ganzes Dorf in schwarzem Napalmrauch unter. The terror of war.

Nick Ut erzählt: «Als wir (Reporter) uns am 8. Juni 1972 dem Dorf Trang Bang näherten, kamen schon die ersten Menschen angerannt. Ich sah eine Frau mit vom Napalm schwer verbrannten Beinen. Dann kam diese Frau mit einem Baby auf dem Arm, das starb. Danach eine weitere Frau, die ein kleines Kind trug, dessen Haut in Fetzen herunterhing. Es ist auch gestorben. Als ich ein Foto von ihr machte hörte ich ein Kind schreien und sah das nackte Mädchen, Phan Thi Kim Phùc. Ich fragte mich, warum sie wohl nackt ist, aber schnell realisierte ich, dass die Hitze des Napalms ihr die Kleider in die Haut gebrannt hatte und sie sich diese deshalb vom Leib gerissen hatte. Ich wollte ihr helfen und habe sie mit Wasser übergossen, aber sie schrie: ‹Zu heiss, zu heiss!› und verlangte dann Wasser zu trinken, weil sie wohl das Gefühl hatte, auch innerlich zu verbrennen. Ich brachte sie und weitere Kinder dann mit meinem Auto in das nächstgelegene Krankenhaus. Aber da wollten sie das Mädchen nicht aufnehmen. Sie sagten: ‹Sie stirbt sowieso.› Über dreissig Prozent ihres Körpers waren verbrannt. Daraufhin zog ich meinen Presseausweis. Die Drohung, die Verweigerung medizinischer Hilfe publik zu machen, führte zu einem Meinungswechsel und so konnte Kim gerettet werden.»

Kim Phuc lebt heute in Kanada und hat einen Mann und zwei Kinder. 1997 gründete sie die «Kim Phuc Foundation», die sich für medizinische und psychologische Hilfe für Kinder, die Kriegsopfer wurden, einsetzt. Nick Ut und Kim Phuc sind immer noch eng befreundet. 

Nick Ut hat noch vielen weiteren Opfern geholfen und sehr viele andere Fotos vom Krieg geschossen. Jedes einzelne ist bewegend, jedes spricht für sich. Die Sprache der Menschen, die unter dem Krieg leiden. Und das tun sie alle, Soldaten, wie Zivilisten, Männer, Frauen und Kinder. Mütter tragen ihre Babies, die in ihren Armen sterben, aus ihren Augen spricht stummer Schmerz und Verzweiflung. Soldaten holen die toten Körper ihrer Kameraden ab. Eine alte Frau steht verloren zwischen abgebrannten Bäumen und sucht ihr Haus. Kindersoldaten lehnen abgestumpft und ausgebrannt an einer Mauer und die Helikopter fliegen tief, Bomben fallen tonnenweise. Verbrannte, vergiftete Erde und tote Menschen.

Wer wollte den Krieg?

Nick Ut will ihn bekämpfen, indem er den Krieg und seine Schrecken zeigt. Er ist der Jüngste von 14 Kindern. 12 Brüder und eine Schwester. Heute sind nur noch zwei Brüder am Leben. Einer seiner Brüder war sein Vorbild. Er war ein bekannter Filmstar in Vietnam. Doch er musste in den Krieg und hat als Kriegsreporter für Associated Press gearbeitet. Dabei wurde er mehrmals angeschossen und schliesslich getötet. Nick Ut war 16, als er in die Fussstapfen seines Bruders treten wollte. «Als mein Bruder starb, wollte ich seinen Job zu Ende bringen. Wie er liebte ich mein Land und wollte die Ungeheuerlichkeiten des Krieges mit meinen Bildern dokumentieren, indem ich wahrhaftige Bilder schoss und das Leiden der Menschen im Krieg aufzeigte.»

Zuerst bekam er keinen Job an der Front. AP-Boss Horst Faas wollte nicht nochmals einen Sohn derselben Familie in den Tod schicken. Nick musste zuerst im Fotolabor arbeiten. Horst Faas, selber ein grosser Fotograf, brachte ihm alles Wissenswerte bei und liess ihn schliesslich in den Krieg ziehen. Als er das Bild von Trang Bang schoss war Nick Ut 21. 

Nick Ut wurde dreimal angeschossen. Man fragt sich, ob es die Furchtlosigkeit war, die ihn immer wieder in lebensbedrohliche Situationen schickte und dies nicht nur im Vietnamkrieg, sondern auch später in Los Angeles, als er Unruhen und Strassenschlachten fotografierte, immer nah am Geschehen, wenn nicht gar «im Auge der Gewalt».

Er widerspricht: «Doch, ich hatte Angst, jedes Mal, wenn ich rausging, aber ich fuhr fort meine Bilder vom Krieg zu machen, denn es war sehr wichtig für mich Zeugnis abzulegen und den Job, den mein Bruder begonnen hatte, zu Ende zu führen. Doch es ist wichtig Angst zu haben, denn ohne die Angst verliert man gerne den Blick für die Gefahr. Es ist wichtig am Leben zu bleiben, um zu beenden, was man begonnen hat – in meinem Fall war das ein Bild einzufangen, das den Krieg beenden konnte. Das ist mir gelungen!»

Das Foto des verbrannten, schreienden und fliehenden Mädchens Kim zeigte der Welt, was dieser Krieg in Vietnam war. Das Bild ist gleichermassen ein Zeugnis und ein Urteil und jeder, unabhängig von Sprache und Nationalität, versteht seine Botschaft, spürt die Tragödie, die der Krieg für jeden einzelnen der Beteiligten bedeutete.

Nick Ut sagt: «Das Bild änderte den Blick der Menschen auf den Krieg. Es zeigte, wie schrecklich der Krieg war und wie sehr meistens unschuldige Menschen darunter zu leiden hatten. Im Krieg gewinnt niemand und alle leiden – das zu zeigen war mein Ziel.» 

Das Bild wurde zum Pressefoto des Jahres 1972 gewählt. Ein Jahr später erhielt Nick Ut den Pulitzer-Preis. Danach erschien das Bild auf nahezu allen Titelseiten der Tageszeitungen und trug in nicht zu unterschätzendem Masse zur Diskussion über Legitimität und Vorgehensweise der US-Truppen in Südostasien bei. Dabei ist anzumerken, dass am Angriff auf Trang Bang keine US-Streitkräfte beteiligt waren, sondern es waren südvietnamesische Einheiten, die die Napalmbomben über dem Dorf abwarfen.

Dieses Foto wie auch andere veröffentlichte Aufnahmen des Vietnamkrieges trugen zu globalen Friedensbewegungen und Anti-Kriegsprotesten bei. Drei Jahre später, 1975, wurde der Vietnamkrieg für beendet erklärt. Nach dem Fall von Saigon, 1975, floh Nick aus Vietnam. Für AP arbeitete er zuerst in Tokio, wo er seine Frau, eine Vietnamesin, kennenlernte. 1977 zogen sie nach Los Angeles. Ein neues Kapitel in Nicks Leben begann, denn in Hollywood hatte er nahezu jeden Star vor der Linse. Schwierigkeiten zogen ihn weiterhin an, so etwa schoss er ein Bild der in Tränen aufgelösten Paris Hilton auf ihrem Weg ins Gefängnis – wegen diverser Delikte am Steuer, oder von Michael Jackson, wie er auf einem Auto tanzt, nachdem er vom Vorwurf des Kindesmissbrauchs freigesprochen worden war.

Auf die Frage, wie dieses Leben nach Vietnam war, antwortet er: «Ich hatte Glück! Weil ich meine Karriere bei Associated Press fortsetzen konnte. 51 Jahre lang habe ich alles fotografiert, vom Krieg bis zum Leben in Hollywood, was nicht immer ein so grosser Unterschied war. Ich habe viele Erinnerung an Menschen und Orte und ich habe mit vielen Berühmtheiten und politischen Grössen überall auf der Welt Freundschaft geschlossen.»

Nick Ut ist einer der Grossen seiner Gilde und die kleine Zuhörerschaft in der Scheune in Schönenberg ist tief beeindruckt. Trotzdem ist die Stimmung entspannt, denn der vietnamesische Gast hat keine Starallüren. Freundlich und immer lächelnd beantwortet er bereitwillig und zuvorkommend alle unsere Fragen. 

Am nächsten Tag wird er weiterreisen nach Texas, wo er einen Lifetime achievement award von der Society of Professional Journalists bekommen wird. 

Im kleinen Dorf Schönenberg, in einer Scheune, sind ein paar Menschen zusammengekommen, um einem kleinen, Grossen Mann zuzuhören, der mit seiner Arbeit im Weltgeschehen doch ein paar wichtige Rädchen drehen konnte.

Auseinandergegangen sind wir mit dem Gefühl, einen Freund gewonnen zu haben. Sowohl seine Bilder wie auch seine Menschlichkeit sind friedenstiftend.   (iel)