Im Waldstück Tiefenhof hat sich eine grössere Saatkrähenkolonie angesiedelt. Für die einen gehören die Vögel zur Natur, die anderen stören sich am lauten Krächzen noch vor Sonnenaufgang. Auch in der Landwirtschaft sorgen die intelligenten Vögel für Schäden. Was kann Wädenswil gegen die Krähen unternehmen?
Text: Sabine Itting
Bild: Anja Kutter
Es ist früh am Morgen, wenn es im Waldstück Tiefenhof unruhig wird. Eine grosse Kolonie Saatkrähen sammelt sich in den Bäumen, kommuniziert lautstark miteinander und macht sich schliesslich auf die Nahrungssuche. Für die Anwohnerinnen und Anwohner rund um das Waldstück gehört das Krächzen inzwischen zum Alltag, allerdings nicht für alle auf dieselbe Weise.
Eine Anwohnerin nimmt den morgendlichen Lärm gelassen. «Ja, es ist wirklich laut», sagt sie. Selbst sei sie jedoch nicht sehr empfindlich. Sie könne aber gut verstehen, dass sich andere Anwohnerinnen und Anwohner durch den Lärm gestört fühlten.
Dass die Krähen Gesprächsstoff liefern, zeigt auch eine Diskussion in der Facebookgruppe «Wädenswil forever». Die Meinungen gehen dabei auseinander: Während einige den Lärm und die Verschmutzungen als sehr störend empfinden, sehen andere die Vögel als Teil der Natur, mit dem man sich arrangieren müsse.
Nachfragen bei Jagdaufsicht und Wildhüter bestätigen: Der Handlungsspielraum ist begrenzt. Saatkrähen sind anpassungsfähig und lernen schnell. Dass sich gegen die Vögel nicht einfach vorgehen lässt, zeigt auch ein Blick auf andere Schweizer Gemeinden. Das Problem ist nämlich nicht nur ein lokales.
Schwierige Nachbarn
Im März 2026 trafen sich in Emmen Vertreterinnen und Vertreter von 25 betroffenen Städten, Gemeinden und Kantonen zu einem Erfahrungsaustausch mit ernüchterndem Ergebnis: Eine einfache und dauerhaft wirksame Lösung gibt es offenbar nicht.
In verschiedenen Städten hat man diese Erfahrung bereits gemacht. Wurden Nester entfernt, Bäume zurückgeschnitten oder andere Vergrämungsmassnahmen ausprobiert, liess sich die Kolonie damit nicht dauerhaft vertreiben. Die Krähen reagierten auf die Veränderungen und suchten sich neue Brutplätze in der näheren Umgebung, mitunter nur wenige Meter oder Strassen weiter.
Stadt beobachtet die Situation
Bei der Stadt Wädenswil ist das Thema durchaus bekannt. Markus Hohl, Fachspezialist Biodiversität & Naturschutz, betont, dass die Stadt die Situation nicht auf die leichte Schulter nehme und sich mit dem Thema auseinandersetze. Gleichzeitig seien die Möglichkeiten, tatsächlich etwas gegen die Krähenkolonie zu unternehmen, sehr begrenzt.
Die Stadt steht mit den Anwohnerinnen und Anwohnern in Kontakt. Sie schlägt vor, einen regelmässigen Austausch zu organisieren. Gerade weil die zuständigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht ständig vor Ort sein können, seien die Beobachtungen der Menschen im Quartier wertvoll. So könnten Entwicklungen besser verfolgt, Informationen erhoben und Erfahrungen aus dem Alltag aufgenommen werden.
Damit setzt die Stadt zumindest auf Beobachtung und Austausch. Eine unmittelbare Lösung des Krähenproblems kann sie so allerdings nicht anbieten.
Wer ist für den Tiefenhof zuständig?
Das Waldstück Tiefenhof befindet sich im Besitz der gleichnamigen Eigentümergemeinschaft, weshalb auch beim zuständigen Verwalter der Zimmerberg Immobilien nachgefragt wurde. Von ihm war jedoch weder schriftlich noch telefonisch eine Auskunft zu erhalten – weder zur Einschätzung der Lage noch zu allfälligen Beschwerden oder eventuellen Absprachen mit dem Revierförster
Wo Nahrung verfügbar ist
Im Quartier Tiefenhof fällt der Zustand rund um das Waldstück auf: Immer wieder landen über den Zaun geworfene Essensreste und Flaschen im Grün. Ein Spaziergänger ärgert sich über diesen Abfall, auch wenn er selbst nicht im Quartier wohnt und vom Krähenlärm verschont bleibt. «Das ist eine Sauerei», findet er und denkt, dass ein besser gepflegter Wald das Problem entschärfen könnte. Dem widerspricht jedoch eine Auskunft von Sandro Scholl vom Amt für Landschaft und Natur des Kantons Zürich: Zwar locken leicht zugängliche Nahrungsquellen wilde Tiere an, sind aber für so eine mobile Kolonie kaum entscheidend.
Nicht nur der Lärm
Für die Landwirtschaft können die Vögel ebenfalls zum Problem werden. Landwirt Jürg Rellstab berichtet von Schäden auf seinen Erdbeerfeldern. Trotz Hagelschutznetzen schaffen es die Krähen an die Früchte. Sobald die ersten Erdbeeren beginnen, sich zu verfärben, holen sich die Vögel die Beeren. Besonders im vergangenen Jahr habe dies zu erheblichen Verlusten geführt.
Noch grösser seien die Probleme bei Kollegen, die Mais anbauen, erzählt Rellstab. Die jungen Pflanzen würden von den Krähen aus dem Boden gezogen. Erst wenn der Mais eine gewisse Grösse erreicht habe, etwa zehn Zentimeter, seien die Pflanzen weitgehend sicher. Bis dahin bleibt den Landwirten oft nichts anderes, als von Hand nachzusäen. Hier ist jedoch unklar, ob es sich um die Krähen aus dem Tiefenhof handelt.
Ein Problem, mit dem viele Gemeinden kämpfen
Die Lärmbelästigung im Tiefenhof steht nicht für sich allein. Die Vögel nutzen zunehmend Wäldchen, Alleen und Parks in oder nahe von Siedlungsgebieten, weil sie die notwendigen Nistplätze im Kulturland nicht mehr finden. Für die Bevölkerung kann das anstrengend werden. Saatkrähen sind sozial, leben in Kolonien und kommunizieren lautstark miteinander. Gerade am frühen Morgen und am Abend kann der Lärm als störend empfunden werden. Hinzu kommen mögliche Verschmutzungen durch Kot auf Wegen, Fahrzeugen oder Balkonen.
Im Herbst und Winter können sich zudem grössere Schwärme bilden, wenn sich einheimische Vögel mit zugewanderten Saatkrähen zusammenschliessen. Im Frühjahr verändert sich die Situation erneut, wenn die Brutzeit beginnt und die Jungvögel versorgt werden.
Natur oder Belastung?
Saatkrähen sind faszinierende Vögel. Sie gelten als intelligent und ausgesprochen lernfähig. Sie leben in sozialen Strukturen und passen sich an ihre Umgebung an. Genau diese Eigenschaften machen sie im Siedlungsraum zu schwierigen Nachbarn.
Was aus biologischer Sicht beeindruckend ist, kann für die Menschen, die unmittelbar neben einer Kolonie leben, ganz anders wirken. Wer morgens durch lautes Krächzen geweckt wird, dürfte die Situation anders beurteilen als jemand, der nur gelegentlich an den Vögeln vorbeikommt.
Die verschiedenen Stimmen rund um den Tiefenhof zeigen deshalb vor allem eines: Die Wahrnehmung des Problems ist unterschiedlich. Für manche gehören die Krähen zur Natur und damit zum Quartier. Für andere ist die Belastung inzwischen deutlich spürbar.
Für Wädenswil stellt sich damit die gleiche Frage wie für zahlreiche andere Gemeinden: Wie lässt sich ein möglichst verträgliches Zusammenleben organisieren, wenn sich die Tiere nicht einfach vertreiben lassen?
Für die betroffenen Anwohnerinnen und Anwohner dürfte die Antwort wenig befriedigend sein: Eine schnelle Lösung ist nicht in Sicht. Die Stadt beschäftigt sich mit dem Thema und sucht den Austausch mit den Betroffenen, gleichzeitig sind ihre Möglichkeiten begrenzt. Auch die Erfahrungen anderer Gemeinden machen wenig Hoffnung auf eine einfache Lösung.
Und solange die Saatkrähen im Tiefenhof ihre Schlaf- und Brutplätze behalten, wird wohl auch das morgendliche Krächzen weiterhin zum Wädenswiler Alltag gehören.
Saatkrähe: Corvus frugilegus
Saatkrähen sind sehr gesellige Vögel. Sie leben in Dauerehe, nisten in Kolonien und suchen ihre Nahrung in Trupps gemeinsam. Nur die nächste Nestumgebung wird verteidigt. Saatkrähen sind sehr kommunikativ und praktisch ständig im Austausch miteinander. Das birgt Konfliktstoff, zumal viele Saatkrähen in Wohnquartieren, Stadt- und Spitalparks nisten. Wer aber dem Treiben in einer Kolonie länger zuschaut, wird bei diesen intelligenten Tieren bald auch Faszinierendes wie die akrobatischen Flugspiele entdecken.
Quelle: Schweizerische Vogelwarte
Im Waldstück Tiefenhof hat sich eine grössere Saatkrähenkolonie angesiedelt. Für die einen gehören die Vögel zur Natur, die anderen stören sich am lauten Krächzen noch vor Sonnenaufgang. Auch in der Landwirtschaft sorgen die intelligenten Vögel für Schäden. Was kann Wädenswil gegen die Krähen unternehmen?
Text: Sabine Itting
Bild: Anja Kutter
Es ist früh am Morgen, wenn es im Waldstück Tiefenhof unruhig wird. Eine grosse Kolonie Saatkrähen sammelt sich in den Bäumen, kommuniziert lautstark miteinander und macht sich schliesslich auf die Nahrungssuche. Für die Anwohnerinnen und Anwohner rund um das Waldstück gehört das Krächzen inzwischen zum Alltag, allerdings nicht für alle auf dieselbe Weise.
Eine Anwohnerin nimmt den morgendlichen Lärm gelassen. «Ja, es ist wirklich laut», sagt sie. Selbst sei sie jedoch nicht sehr empfindlich. Sie könne aber gut verstehen, dass sich andere Anwohnerinnen und Anwohner durch den Lärm gestört fühlten.
Dass die Krähen Gesprächsstoff liefern, zeigt auch eine Diskussion in der Facebookgruppe «Wädenswil forever». Die Meinungen gehen dabei auseinander: Während einige den Lärm und die Verschmutzungen als sehr störend empfinden, sehen andere die Vögel als Teil der Natur, mit dem man sich arrangieren müsse.
Nachfragen bei Jagdaufsicht und Wildhüter bestätigen: Der Handlungsspielraum ist begrenzt. Saatkrähen sind anpassungsfähig und lernen schnell. Dass sich gegen die Vögel nicht einfach vorgehen lässt, zeigt auch ein Blick auf andere Schweizer Gemeinden. Das Problem ist nämlich nicht nur ein lokales.
Schwierige Nachbarn
Im März 2026 trafen sich in Emmen Vertreterinnen und Vertreter von 25 betroffenen Städten, Gemeinden und Kantonen zu einem Erfahrungsaustausch mit ernüchterndem Ergebnis: Eine einfache und dauerhaft wirksame Lösung gibt es offenbar nicht.
In verschiedenen Städten hat man diese Erfahrung bereits gemacht. Wurden Nester entfernt, Bäume zurückgeschnitten oder andere Vergrämungsmassnahmen ausprobiert, liess sich die Kolonie damit nicht dauerhaft vertreiben. Die Krähen reagierten auf die Veränderungen und suchten sich neue Brutplätze in der näheren Umgebung, mitunter nur wenige Meter oder Strassen weiter.
Stadt beobachtet die Situation
Bei der Stadt Wädenswil ist das Thema durchaus bekannt. Markus Hohl, Fachspezialist Biodiversität & Naturschutz, betont, dass die Stadt die Situation nicht auf die leichte Schulter nehme und sich mit dem Thema auseinandersetze. Gleichzeitig seien die Möglichkeiten, tatsächlich etwas gegen die Krähenkolonie zu unternehmen, sehr begrenzt.
Die Stadt steht mit den Anwohnerinnen und Anwohnern in Kontakt. Sie schlägt vor, einen regelmässigen Austausch zu organisieren. Gerade weil die zuständigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht ständig vor Ort sein können, seien die Beobachtungen der Menschen im Quartier wertvoll. So könnten Entwicklungen besser verfolgt, Informationen erhoben und Erfahrungen aus dem Alltag aufgenommen werden.
Damit setzt die Stadt zumindest auf Beobachtung und Austausch. Eine unmittelbare Lösung des Krähenproblems kann sie so allerdings nicht anbieten.
Wer ist für den Tiefenhof zuständig?
Das Waldstück Tiefenhof befindet sich im Besitz der gleichnamigen Eigentümergemeinschaft, weshalb auch beim zuständigen Verwalter der Zimmerberg Immobilien nachgefragt wurde. Von ihm war jedoch weder schriftlich noch telefonisch eine Auskunft zu erhalten – weder zur Einschätzung der Lage noch zu allfälligen Beschwerden oder eventuellen Absprachen mit dem Revierförster
Wo Nahrung verfügbar ist
Im Quartier Tiefenhof fällt der Zustand rund um das Waldstück auf: Immer wieder landen über den Zaun geworfene Essensreste und Flaschen im Grün. Ein Spaziergänger ärgert sich über diesen Abfall, auch wenn er selbst nicht im Quartier wohnt und vom Krähenlärm verschont bleibt. «Das ist eine Sauerei», findet er und denkt, dass ein besser gepflegter Wald das Problem entschärfen könnte. Dem widerspricht jedoch eine Auskunft von Sandro Scholl vom Amt für Landschaft und Natur des Kantons Zürich: Zwar locken leicht zugängliche Nahrungsquellen wilde Tiere an, sind aber für so eine mobile Kolonie kaum entscheidend.
Nicht nur der Lärm
Für die Landwirtschaft können die Vögel ebenfalls zum Problem werden. Landwirt Jürg Rellstab berichtet von Schäden auf seinen Erdbeerfeldern. Trotz Hagelschutznetzen schaffen es die Krähen an die Früchte. Sobald die ersten Erdbeeren beginnen, sich zu verfärben, holen sich die Vögel die Beeren. Besonders im vergangenen Jahr habe dies zu erheblichen Verlusten geführt.
Noch grösser seien die Probleme bei Kollegen, die Mais anbauen, erzählt Rellstab. Die jungen Pflanzen würden von den Krähen aus dem Boden gezogen. Erst wenn der Mais eine gewisse Grösse erreicht habe, etwa zehn Zentimeter, seien die Pflanzen weitgehend sicher. Bis dahin bleibt den Landwirten oft nichts anderes, als von Hand nachzusäen. Hier ist jedoch unklar, ob es sich um die Krähen aus dem Tiefenhof handelt.
Ein Problem, mit dem viele Gemeinden kämpfen
Die Lärmbelästigung im Tiefenhof steht nicht für sich allein. Die Vögel nutzen zunehmend Wäldchen, Alleen und Parks in oder nahe von Siedlungsgebieten, weil sie die notwendigen Nistplätze im Kulturland nicht mehr finden. Für die Bevölkerung kann das anstrengend werden. Saatkrähen sind sozial, leben in Kolonien und kommunizieren lautstark miteinander. Gerade am frühen Morgen und am Abend kann der Lärm als störend empfunden werden. Hinzu kommen mögliche Verschmutzungen durch Kot auf Wegen, Fahrzeugen oder Balkonen.
Im Herbst und Winter können sich zudem grössere Schwärme bilden, wenn sich einheimische Vögel mit zugewanderten Saatkrähen zusammenschliessen. Im Frühjahr verändert sich die Situation erneut, wenn die Brutzeit beginnt und die Jungvögel versorgt werden.
Natur oder Belastung?
Saatkrähen sind faszinierende Vögel. Sie gelten als intelligent und ausgesprochen lernfähig. Sie leben in sozialen Strukturen und passen sich an ihre Umgebung an. Genau diese Eigenschaften machen sie im Siedlungsraum zu schwierigen Nachbarn.
Was aus biologischer Sicht beeindruckend ist, kann für die Menschen, die unmittelbar neben einer Kolonie leben, ganz anders wirken. Wer morgens durch lautes Krächzen geweckt wird, dürfte die Situation anders beurteilen als jemand, der nur gelegentlich an den Vögeln vorbeikommt.
Die verschiedenen Stimmen rund um den Tiefenhof zeigen deshalb vor allem eines: Die Wahrnehmung des Problems ist unterschiedlich. Für manche gehören die Krähen zur Natur und damit zum Quartier. Für andere ist die Belastung inzwischen deutlich spürbar.
Für Wädenswil stellt sich damit die gleiche Frage wie für zahlreiche andere Gemeinden: Wie lässt sich ein möglichst verträgliches Zusammenleben organisieren, wenn sich die Tiere nicht einfach vertreiben lassen?
Für die betroffenen Anwohnerinnen und Anwohner dürfte die Antwort wenig befriedigend sein: Eine schnelle Lösung ist nicht in Sicht. Die Stadt beschäftigt sich mit dem Thema und sucht den Austausch mit den Betroffenen, gleichzeitig sind ihre Möglichkeiten begrenzt. Auch die Erfahrungen anderer Gemeinden machen wenig Hoffnung auf eine einfache Lösung.
Und solange die Saatkrähen im Tiefenhof ihre Schlaf- und Brutplätze behalten, wird wohl auch das morgendliche Krächzen weiterhin zum Wädenswiler Alltag gehören.
Saatkrähe: Corvus frugilegus
Saatkrähen sind sehr gesellige Vögel. Sie leben in Dauerehe, nisten in Kolonien und suchen ihre Nahrung in Trupps gemeinsam. Nur die nächste Nestumgebung wird verteidigt. Saatkrähen sind sehr kommunikativ und praktisch ständig im Austausch miteinander. Das birgt Konfliktstoff, zumal viele Saatkrähen in Wohnquartieren, Stadt- und Spitalparks nisten. Wer aber dem Treiben in einer Kolonie länger zuschaut, wird bei diesen intelligenten Tieren bald auch Faszinierendes wie die akrobatischen Flugspiele entdecken.
Quelle: Schweizerische Vogelwarte