11. Juni, die Sommerferien haben gerade begonnen. So mancher ist schon mit Sack und Pack weg oder steht in den Startlöchern. Die erreicht eine böse Rückkehr, die anderen nehmen das Einschreiben schon entgegen: Leerkündigung.
Text & Bild: Reni Bircher
Als Journalistin versuche ich immer möglichst neutral, sachlich und umfassend recherchiert zu schreiben. Auch wenn ich selbstverständlich eine eigene Meinung und eine eigene Sichtweise der Dinge habe. Das ist nicht immer einfach, zugegeben, gerade wenn ich über die Leerkündigung an der Bächlistrasse schreibe (siehe Richterswiler Anzeiger Juni 2026), wo ich aufgewachsen bin und meine Eltern noch immer wohnen, und die vorliegenden Ausbaupläne in mehrfacher Hinsicht recht wenig Sinn machen.
Jetzt muss ich persönlicher werden, was mir die Leserschaft verzeihen möge, denn bei dem eingangs erwähnten Einschreiben handelt es sich um die Massenkündigung in drei Wohnblöcken an der Erlenstrasse, wo ich seit zehn Jahren mit meiner Familie lebe. Man könnte also sagen, dass gerade drei Generationen einer Familie auf der Strasse stehen.
Heimtückisch
Ganz fies ist der von der Eigentümerin gewählte Zeitpunkt. Viele reisen in den Sommerferien für mehrere Wochen weg, besonders Familien mit schulpflichtigen Kindern. Sie haben keine Ahnung, dass daheim eine Hiobsbotschaft auf sie wartet. Die Frist, eine Kündigung anzufechten, läuft nach 30 Tagen ab. Es kann mir keiner weismachen, dass der Kündigungszeitpunkt seitens Eigentümerin nicht wohlkalkuliert worden ist.
Jene, die später in Urlaub gefahren sind, verbringen ihre Ferien mit dem Wissen, dass ihnen ihr Zuhause weggenommen wurde.
Die Daheimgebliebenen treibt der Umstand sowieso um. Die ganze Zeit. Man schwebt in einem Zustand von Ratlosigkeit, Trauer, Wut, Empörung, Verzweiflung und Resignation – ein Gefühlssumpf, dem nur schwer zu entkommen ist. Trotz Anfechtung der Kündigung, trotz Zusammenschluss unter den betroffenen Mietern, welche individuell nach Lösungsansätzen suchen und diese den anderen mitteilen, fühlt man sich «erschlagen» und zwischendurch wie gelähmt.
Hilfe vom Gemeinderat
Gleich am ersten Tag habe ich unseren Gemeindepräsidenten Marcel Tanner über das Geschehen informiert. Er schlug vor, eine Umfrage bei den Mietern zu machen, wer bereit wäre, eine höhere Miete zu zahlen, wenn die Eigentümerin eine Etappierung in Betracht ziehen würde. Wären es genügend Parteien, ein saniertes Haus zu füllen, könnte das für die Eigentümerin ein Anreiz sein. Danach würde er am Gespräch mit einer Erlenstrasse-Delegation und der Verwaltung/Eigentümerin teilnehmen und prüfen, ob die Mietzinserhöhung entsprechend des Sanierungsaufwandes im gesetzlich erlaubten Bereich liege.
Am 30. Juli hatten sich neun Mietparteien positiv für den Vorschlag von Marcel Tanner ausgesprochen, worauf ich mit der Eigentümerin telefonisch Kontakt aufnahm und unseren Gedanken formulierte. Dort wurde mir gesagt, dass die Eigentümerin mehrere Varianten «angeschaut» habe, auch eine Etappierung, sie hätte sich dann aber für die Leerkündigung als den «am möglichsten gangbaren Weg» entschieden …
Was bleibt …
Streitigkeiten zwischen mir und meinem Mann in den letzten 22 Jahren kann man locker an einer Hand abzählen. Und wir haben uns noch am gleichen Tag, als die Kündigung kam, gesagt, dass wir auch diese Hürde gemeinsam meistern werden. Trotzdem bekümmert es mich, wenn er still und in Gedanken versunken am Esstisch sitzt. Ich werde dann unruhig, fühle mich hilflos und es macht mir Angst.
Sein Tinnitus hat sich in den letzten Wochen verstärkt, stressbedingt. Ich litt etwa zwei Wochen an einer Entzündung der Speiseröhre – kein Wunder, denn ich verspüre eine unglaubliche Wut in mir, die ich einfach nicht loswerde. Von den Schlafproblemen rede ich erst gar nicht.
Unsere Tochter hat ein Jobangebot abgelehnt; einerseits, weil sie sich in einem anderen Bereich weiterbilden will, andererseits weil sie sagt, dass wir ja nicht wissen, wo wir hinziehen werden.
Wer die Immobilienportale konsultiert, der sieht, dass es nicht gerade viele Möglichkeiten hat in Richterswil-Samstagern. Jedenfalls keine zahlbaren, denn ganz ehrlich: wir alle – oder die meisten – haben nicht in dieser Siedlung gewohnt, weil wir finanziell grosse Sprünge machen können. Die meisten Leute, sowohl von der Erlen- wie der Bächlistrasse, möchten doch hierbleiben, in dem Dorf, in dem sie aufgewachsen und/oder seit vielen Jahren zuhause sind und ein soziales Umfeld aufgebaut haben.
… und was verschwindet
Als wir hierhergezogen sind, passierte das aus mehreren Gründen. Dieser Umzug kostete – trotz der immensen Hilfe von Freunden und Verwandten – ein kleines Vermögen, schufen wir uns doch auch die einen oder anderen Möbel an, die vor allem unserem Sammeltick, Wissensdurst und grossen Liebe zur Musik standhalten mussten. Ob das alles in einer neuen Wohnung Platz hat oder passt?
Nach und nach verändert und vervollständigt sich ein Zuhause, es ist Rückzugsort, Ausdruck von Persönlichkeit und eigenen Bedürfnissen. Das alles wird zum grossen Teil verschwinden.
Ich sitze auf unserem begrünten Balkon, der mit seiner Grösse schon fast ein weiteres Zimmer ausmacht. Die Bienen summen von Blüte zu Blüte, manche davon stammen aus einem der Bienenhäuschen auf unserem Balkon. Raupen laben sich an den Pflanzen, die aus den Eiern der vorbeiziehenden Schmetterlinge geschlüpft sind.
Am Haus gegenüber haben die Mauersegler ihre Nester unter dem Dach verlassen und sind in den Süden gezogen. Unter demselben Dach brüten auch immer Spatzen und Hausrotschwänzchen, krallen sich an den Mauern fest und picken die Mücken weg. In unserem Dachstock leben Fledermäuse, die man am Abend beobachten kann.
Mehrere grosse Tannen bieten Schutz und Aussichtspunkt für Gartenvögel und Raubvögel. Das Krähenpaar sitzt nun lieber dort, um den Überblick zu haben, denn auf ihrem Stammplatz, dem Hausdach gegenüber, ist es ihnen wohl zu heiss geworden.
Was und wer von all dem bleibt oder nach der Totalsanierung zurückkommt, ist fraglich. Sicher ist, dass hier nicht nur Existenzen, sondern auch ein Habitat zerstört wird. Hoffen wir, dass uns wenigstens eine Mieterstreckung gewährt wird und wir alle noch irgendwo in Richterswil bleiben können.
11. Juni, die Sommerferien haben gerade begonnen. So mancher ist schon mit Sack und Pack weg oder steht in den Startlöchern. Die erreicht eine böse Rückkehr, die anderen nehmen das Einschreiben schon entgegen: Leerkündigung.
Text & Bild: Reni Bircher
Als Journalistin versuche ich immer möglichst neutral, sachlich und umfassend recherchiert zu schreiben. Auch wenn ich selbstverständlich eine eigene Meinung und eine eigene Sichtweise der Dinge habe. Das ist nicht immer einfach, zugegeben, gerade wenn ich über die Leerkündigung an der Bächlistrasse schreibe (siehe Richterswiler Anzeiger Juni 2026), wo ich aufgewachsen bin und meine Eltern noch immer wohnen, und die vorliegenden Ausbaupläne in mehrfacher Hinsicht recht wenig Sinn machen.
Jetzt muss ich persönlicher werden, was mir die Leserschaft verzeihen möge, denn bei dem eingangs erwähnten Einschreiben handelt es sich um die Massenkündigung in drei Wohnblöcken an der Erlenstrasse, wo ich seit zehn Jahren mit meiner Familie lebe. Man könnte also sagen, dass gerade drei Generationen einer Familie auf der Strasse stehen.
Heimtückisch
Ganz fies ist der von der Eigentümerin gewählte Zeitpunkt. Viele reisen in den Sommerferien für mehrere Wochen weg, besonders Familien mit schulpflichtigen Kindern. Sie haben keine Ahnung, dass daheim eine Hiobsbotschaft auf sie wartet. Die Frist, eine Kündigung anzufechten, läuft nach 30 Tagen ab. Es kann mir keiner weismachen, dass der Kündigungszeitpunkt seitens Eigentümerin nicht wohlkalkuliert worden ist.
Jene, die später in Urlaub gefahren sind, verbringen ihre Ferien mit dem Wissen, dass ihnen ihr Zuhause weggenommen wurde.
Die Daheimgebliebenen treibt der Umstand sowieso um. Die ganze Zeit. Man schwebt in einem Zustand von Ratlosigkeit, Trauer, Wut, Empörung, Verzweiflung und Resignation – ein Gefühlssumpf, dem nur schwer zu entkommen ist. Trotz Anfechtung der Kündigung, trotz Zusammenschluss unter den betroffenen Mietern, welche individuell nach Lösungsansätzen suchen und diese den anderen mitteilen, fühlt man sich «erschlagen» und zwischendurch wie gelähmt.
Hilfe vom Gemeinderat
Gleich am ersten Tag habe ich unseren Gemeindepräsidenten Marcel Tanner über das Geschehen informiert. Er schlug vor, eine Umfrage bei den Mietern zu machen, wer bereit wäre, eine höhere Miete zu zahlen, wenn die Eigentümerin eine Etappierung in Betracht ziehen würde. Wären es genügend Parteien, ein saniertes Haus zu füllen, könnte das für die Eigentümerin ein Anreiz sein. Danach würde er am Gespräch mit einer Erlenstrasse-Delegation und der Verwaltung/Eigentümerin teilnehmen und prüfen, ob die Mietzinserhöhung entsprechend des Sanierungsaufwandes im gesetzlich erlaubten Bereich liege.
Am 30. Juli hatten sich neun Mietparteien positiv für den Vorschlag von Marcel Tanner ausgesprochen, worauf ich mit der Eigentümerin telefonisch Kontakt aufnahm und unseren Gedanken formulierte. Dort wurde mir gesagt, dass die Eigentümerin mehrere Varianten «angeschaut» habe, auch eine Etappierung, sie hätte sich dann aber für die Leerkündigung als den «am möglichsten gangbaren Weg» entschieden …
Was bleibt …
Streitigkeiten zwischen mir und meinem Mann in den letzten 22 Jahren kann man locker an einer Hand abzählen. Und wir haben uns noch am gleichen Tag, als die Kündigung kam, gesagt, dass wir auch diese Hürde gemeinsam meistern werden. Trotzdem bekümmert es mich, wenn er still und in Gedanken versunken am Esstisch sitzt. Ich werde dann unruhig, fühle mich hilflos und es macht mir Angst.
Sein Tinnitus hat sich in den letzten Wochen verstärkt, stressbedingt. Ich litt etwa zwei Wochen an einer Entzündung der Speiseröhre – kein Wunder, denn ich verspüre eine unglaubliche Wut in mir, die ich einfach nicht loswerde. Von den Schlafproblemen rede ich erst gar nicht.
Unsere Tochter hat ein Jobangebot abgelehnt; einerseits, weil sie sich in einem anderen Bereich weiterbilden will, andererseits weil sie sagt, dass wir ja nicht wissen, wo wir hinziehen werden.
Wer die Immobilienportale konsultiert, der sieht, dass es nicht gerade viele Möglichkeiten hat in Richterswil-Samstagern. Jedenfalls keine zahlbaren, denn ganz ehrlich: wir alle – oder die meisten – haben nicht in dieser Siedlung gewohnt, weil wir finanziell grosse Sprünge machen können. Die meisten Leute, sowohl von der Erlen- wie der Bächlistrasse, möchten doch hierbleiben, in dem Dorf, in dem sie aufgewachsen und/oder seit vielen Jahren zuhause sind und ein soziales Umfeld aufgebaut haben.
… und was verschwindet
Als wir hierhergezogen sind, passierte das aus mehreren Gründen. Dieser Umzug kostete – trotz der immensen Hilfe von Freunden und Verwandten – ein kleines Vermögen, schufen wir uns doch auch die einen oder anderen Möbel an, die vor allem unserem Sammeltick, Wissensdurst und grossen Liebe zur Musik standhalten mussten. Ob das alles in einer neuen Wohnung Platz hat oder passt?
Nach und nach verändert und vervollständigt sich ein Zuhause, es ist Rückzugsort, Ausdruck von Persönlichkeit und eigenen Bedürfnissen. Das alles wird zum grossen Teil verschwinden.
Ich sitze auf unserem begrünten Balkon, der mit seiner Grösse schon fast ein weiteres Zimmer ausmacht. Die Bienen summen von Blüte zu Blüte, manche davon stammen aus einem der Bienenhäuschen auf unserem Balkon. Raupen laben sich an den Pflanzen, die aus den Eiern der vorbeiziehenden Schmetterlinge geschlüpft sind.
Am Haus gegenüber haben die Mauersegler ihre Nester unter dem Dach verlassen und sind in den Süden gezogen. Unter demselben Dach brüten auch immer Spatzen und Hausrotschwänzchen, krallen sich an den Mauern fest und picken die Mücken weg. In unserem Dachstock leben Fledermäuse, die man am Abend beobachten kann.
Mehrere grosse Tannen bieten Schutz und Aussichtspunkt für Gartenvögel und Raubvögel. Das Krähenpaar sitzt nun lieber dort, um den Überblick zu haben, denn auf ihrem Stammplatz, dem Hausdach gegenüber, ist es ihnen wohl zu heiss geworden.
Was und wer von all dem bleibt oder nach der Totalsanierung zurückkommt, ist fraglich. Sicher ist, dass hier nicht nur Existenzen, sondern auch ein Habitat zerstört wird. Hoffen wir, dass uns wenigstens eine Mieterstreckung gewährt wird und wir alle noch irgendwo in Richterswil bleiben können.