Richterswil

Leerkündigung: Profit durch das Leid anderer

Leerkündigung. Das Wort sorgt immer wieder für Schlagzeilen und es betrifft nicht nur Städte wie Zürich und Winterthur. Es passiert hier mitten unter uns, in Richterswil.

Text & Bild: Reni Bircher

Ungläubig starren Ruth und Hans Stierli auf das Schreiben in ihrer Hand, «Mitteilung einer Kündigung der vermietenden Partei von Wohn- und Geschäftsräumen», sachlich, unpersönlich, genau wie das Schreiben der Absenderin. Die Empfänger: fassungslos. Und in 21 weiteren Wohnungen an der Bächlistrasse 2–6 fand Ende April 2026 das gleiche Szenario statt: Die Wohnblöcke sollen für eine gross angelegte Sanierung geräumt werden, eine Sanierung, die gar nicht nötig ist, weil die frühere Eigentümerin, die Schindler Pensionskasse, bis im Jahr 2023 für eine gute Instandhaltung der Siedlung gesorgt und diese im Jahr 1994 sogar umfangreich saniert hat.
Dann ging die Immobilie an die Fundamenta Group Investment Foundation in Zug, welche es darauf anlegt Bauten aus den 1950/60er Jahren aufzukaufen, vormalige Mieter loszuwerden zwecks Sanierung und mit massiv höheren Mieten ihren Investoren Geld in den Rachen zu werfen.

Kleine heile Welt

Zurück in die Bächlistrasse. Das Ehepaar Stierli lebt seit 61 Jahren hier, hat in der gleichen 3½-Zimmer-Wohnung Kinder grossgezogen, deren Gspändli empfangen, während der Jahre mehrere Katzen umsorgt, Gespräche mit Nachbarn gehabt – diese blieben teils kurz, teils Jahrzehnte lang hier wohnen. Auf dem Spielplatz und am nah gelegenen Bach waren immer Kinder am Spielen – heute sind es schon weniger –, und für die Räbenchilbi wurde gemeinschaftlich auf dem Waschplatz der Tiefgarage Räben für den ganzen Siedlungsweg ausgehöhlt und geschnitzt.
Eine Einheit, ein Dorf im Dorf.
Die von 1964–1966 erbaute Siedlung zwischen der Zuger- und Mülibachstrasse umfasst insgesamt 18 Wohnblöcke (in 2er- und 3er-Gruppen arrangiert) mit viel Grünfläche, alle mit 2½-, 3½- und 4½-Zimmer-Wohnungen ausgestattet, ein Paradies für Familien und Singles.
Die Siedlung teilte sich in vier Eigentümerinnen, die NCR-Pensionskasse, die Schindler Pensionskasse, Oerlikon-Bührle Immobilien AG (heisst heute Allreal) sowie das Ehepaar Pahud (zwei Blöcke an der Zugerstrasse).
Die beiden Pensionskassen liessen zwischen 1994–2000 komplett sanieren. Die Bächlistrasse 2–6 gehörte zu den ersten, welche totalsaniert wurde: Aussenisolation, Isolierung von Kellerdecke und Estrichboden, neue Abwasserrohre, neue Fenster, es wurden neue Küchen und Bäder eingebaut sowie Keramikböden verlegt (Asbestentsorgung), die Balkone wurden vergrössert und zum Schluss die Innenwände neu gestrichen bzw. neu tapeziert. Das hat 2,5 Millionen Franken gekostet und eine Mietzinserhöhung von 5,5 % mit sich gebracht. Ausziehen musste niemand.

Wenn «Genug» nicht mehr genug ist

Im Sommer 2023 verkaufte die Schindler Pensionskasse beschriebene Dreiergruppe: «Aufgrund der periodischen Portfolioüberprüfung und anstehenden Neubauprojekten hat sich der Anlageausschuss 2022 dazu entschieden, die erwähnte Immobilie zu veräussern. Der Verkauf der gesamten Arealüberbauung (inkl. Nachbarliegenschaft mit anderem Eigentümer) wurde über einen externen Makler abgewickelt», schreibt Schindler PK.
Im Sommer 2025 führte die Swiss Prime Site Solutions als Eigentümervertreterin eine Mieterbefragung durch und behauptet in ihrem Schreiben an die Teilnehmer: «Die Zufriedenheit mit allen Aspekten – dem Mietverhältnis, dem Mietobjekt, der Liegenschaftsverwaltung und der Hauswartung – ist der Eigentümer Ihres Mietobjekts, der
Fundamenta Group Investment Foundation sehr wichtig. Sie ist bestrebt, Ihre Bewertungen und Kommentare in die Optimierung der Dienstleistungen und Prozesse einfliessen zu lassen».

Spannenderweise sind diese beiden Firmen an derselben Adresse in Zug zu finden, und eine Monika Gadola Hug, Head Client Relations (also einfach die Chefin Kundenbetreuung), arbeitet in beiden Firmen.
Auf den 1. April 2026 wurde die Ambassador Immobilien und Verwaltungs AG mit der Bewirtschaftung der Liegenschaft betraut.
Am 27. April wurde allen 21 Mietparteien an der Bächlistrasse 2–6 per 30. September 2027 gekündigt.

Die Vogel-Strauss-Technik

In besagtem Kündigungsschreiben steht, dass sich die 1964 erstellten Wohnblöcke im noch «grösstenteils ursprünglichen Zustand» befinden, was nachweislich nicht stimmt. Angeblich sei eine «umfassende Analyse des Gebäudes» durchgeführt worden und die bestehende Bausubstanz, der Energieverbrauch und die sicherheitstechnischen Anforderungen entsprächen heutigen Standards nicht mehr.
Die Fundamenta Group will die Häuser bis auf den Rohbau aushöhlen, den Grundriss ändern, Küchen, Nasszellen, Fenster und Türen erneuern, einen rückseitigen Balkon anbauen, eine Fotovoltaikanlage und Wärmepumpen einsetzen usw. Was letztere überaus sinnvolle Investition angeht, so wurden erst kürzlich an der Bächlistrasse 8–18 genau solche Anlagen installiert, ohne Mieterrausschmiss.
Ein Schreiben an die Liegenschaftenverwaltung sowie die Fundamenta wurde – man merke auf – von der Swiss Prime Site Solutions AG beantwortet, wo zwar eingeräumt wurde, dass mit «ursprünglichem Zustand» der nach dem Umbau 1994 gemeint sei und die aktuellen Sanierungspläne nicht «mit früheren Erneuerungsmassnahmen» vergleichbar seien. Durch wen und wann diese Gebäudeanalyse stattgefunden hat und welche Sicherheitsstandards die Wohnblöcke nicht erfüllen würden, wollten sie nicht sagen.
Die Anfrage an die Schindler PK, warum sie ihre Immobilie an eine eher einschlägig bekannte Investmentfirma verkauft haben, wollte sie nicht kommentieren.

Monopoly mit dem Zuhause anderer

Walter Angst, Co-Geschäftsleiter beim Mieterverband Zürich, kennt die Vorgehensweise der Fundamenta nur zu gut. «Es ist unbestritten, dass solch alte Gebäude saniert werden müssen, aber wenn ich mir die Bauprojekt ansehe, muss ich sagen, dass es doch eher einfach eine ‹Optimierung› der Mietpreise ist.» Nachher werden vielleicht Leute einziehen, die sich das als festen Wohnsitz oder auch als Zweitwohnung leisten können, aber die ganze Struktur des Wohnquartieres und somit auch die des Dorfes ändere sich durch solche Einschnitte in der Bevölkerung. Und: «Für die aktuellen Bewohner ist es schlicht eine Katastrophe.»
Egal, ob Familien mit Kindern oder Jugendlichen in der Ausbildung oder Senioren – sie alle sind umständehalber und/oder sozial eingeschränkt und gebunden. Ganz abgesehen vom Fehlen zahlbaren Wohnraums.
«Wenn es kein Umdenken gibt, dann werden noch viele solcher älteren Siedlungen in den Seegemeinden einer Leerkündigung oder einem Abriss zum Opfer fallen, anstatt sie einfach zeitgerecht zu sanieren und den Menschen weiterhin ihr Zuhause zu lassen.» Denn dies sei für die meisten Leute noch «machbar», selbst mit einer Mieterhöhung nach der Aufwertung.
Im krassen Gegensatz stehen die «Geisterhäuser», unbewohnte Neubauten, deren Erbau mutmasslich zur Geldwäsche genutzt werden. So ein Beispiel steht an der Burghaldenstrasse …

Kampfgeist

Die Mieterinnen und Mieter der Bächlistrasse haben nach dieser Hiobsbotschaft ziemlich schnell reagiert. In jedem Block wurden ein Vertreter sowie Stellvertreter ernannt, um die Angelegenheiten gegen aussen zu koordinieren und innerhalb zu kommunizieren. Dem Mieterverband wurde ein Gruppenmandat erteilt, beim Bezirksgericht die Anfechtung der Kündigung eingereicht und bei der Gemeinde den Baurechtsentscheid beantragt, zudem baten sie um ein Gespräch mit der Sozialbehörde und dem Ressort Planung & Bau.
Katharina Gubler ist eine dieser Vertreterinnen, im Block 2. Die Rentnerin wohnt seit ein paar Jahren hier, engagiert sich aktiv für das Dorf und seine Bewohner. Diese Kontakte, das soziale Eingebundensein und das Privileg einer schönen, zahlbaren Wohnung will sie nicht kampflos aufgeben. Ihre Nachbarin war schon länger auf der Suche nach einer Wohnung im Dorf und ist kürzlich ausgezogen. Kaum zwei Wochen später klebte am Namensschild an der Türe «Interim Homes Alpha», eine Firma, welche Wohnungen und Zimmer monateweise vermietet. «Ich war entsetzt, als ich das gesehen habe», sagt sie. Die Zimmer werden als WG für 1200–1400 Franken pro Monat vermietet, beinahe soviel, wie zuvor die ganze Wohnung gekostet hat. «Das ist doch einfach unterirdisch.» Auf Grund dieses schnellen Wechsels lässt sich eine direkte Verbindung der Fundamenta Group und Interim Homes vermuten.
Ruth und Hans Stierli haben sich kürzlich eine Wohnung angesehen – gleich gross, aber zum fast doppelten Mietpreis, den sie jetzt bezahlen –, die Wohnung aber nicht bekommen. «Möglicherweise wegen unseres Alters», meint Ruth, sind die beiden doch 81 und 85 Jahre alt.
Viele der betroffenen Mieterinnen und Mieter leiden seit der Kündigung an Schlaflosigkeit. «Tag und Nacht beschäftigt mich das», gesteht die alleinerziehende Gabriella della Vecchia. Ihre Nerven liegen blank. Auch das Kind leidet unter dem drohenden Verlust des Zuhauses, einem Ort, wo sie eingebunden ist und Spielkameraden hat. Gabrielle versteht die Welt nicht mehr: «Schau dir die Häuser an, die Wohnungen. Die sind in einem super Zustand!» An das Wunder, dass die Blöcke für die Mieterschaft gerettet werden kann, daran glaubt sie nicht mehr. Aber: «Ich möchte wenigstens so lange hierbleiben können, bis mein Kind die Schulstufe beendet hat, um nicht noch mehr Chaos in sein Leben zu bringen.» Selbst danachkann sie nicht mehr als CHF 1600 für eine Wohnungsmiete aufbringen.

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