Wädenswil

Lucy & Lucky Loops Freilichtspektakel

Wer Lucy & Lucky Loop begegnet, trifft nicht einfach auf ein Künstlerpaar, sondern auf zwei Menschen, die ihren Traum leben. Luzia Bonilla und Michael Kobi führen ein Leben, das sich konsequent der Kunst, der Bewegung und der Freiheit, aber auch ihrer Familie verschreibt. Sie wohnen in Wädenswil und sind auf vielen Bühnen, internationalen Festivals und in zahlreichen Gassen unterwegs.

Text: Ingrid Eva Liedtke
Bilder: zvg

Die Programme «Marionetta» und «Catastrofonia» von Lucy & Lucky Loop sind poetisches Freilichtspektakel – eine Mischung aus Akrobatik, Komödie, Musik und visueller Fantasie. Doch hinter der Leichtigkeit, die sie auf der Bühne zeigen, steht ein langer Weg, der von Entscheidungen, Umwegen und auch existenziellen Erfahrungen geprägt ist.

Michael und Luzia

Michael: «Ich bin 1979 geboren. Mein erster Berufswunsch war die Dimitri-Schule. Doch wenn man vernünftige Eltern hat, raten sie einem dazu, vorher etwas Schlaues zu lernen, bevor man Clown wird.»
Michael Kobi wurde Pflegefachmann, ein Beruf, auf den er immer zurückgreifen kann, wenn es irgendwie eng wird, wie zum Beispiel während Corona.
Sein Plan war dann, in die Entwicklungshilfe zu gehen. Doch eine Reise durch Indien machte diese Pläne – ist es im Nachhinein ein Glück? – zunichte und kostete Michael Kobi beinahe das Leben.
«Ich erkrankte an Malaria tropica, einer Form, die sehr schwer verläuft und tödlich enden kann. Auf der Rückreise kam ich in Paris ins Krankenhaus. Ich war im Koma, und man musste mich zur Blutwäsche an die Dialyse hängen. Ich habe nur knapp überlebt. Ich habe kaum Erinnerungen an diese Zeit, erinnere mich nur daran, dass Krankenschwestern und Ärzte mir wie Engel vorkamen. Ich fühlte mich gut aufgehoben und wusste, dass Sterben gar nicht schlimm ist.» Die Rekonvaleszenz brauchte ihre Zeit und einen starken Fokus. «Ich war wie ein alter Mann», erinnert sich Michael Kobi.

In dieser Zeit wurde klar, dass sein ursprünglicher Weg nicht mehr weiterführte. Der Wunsch, sich der Kunst zuzuwenden, kehrte zurück – stärker als zuvor. Er entschied sich für eine Ausbildung zum Bewegungsschauspieler an der Comart, einem Ableger der Schule von Jacques Lecoq in Paris.

Dort begegnete er Luzia Bonilla. Luzia Bonilla, Jahrgang 1985, ist im Tessin aufgewachsen.
«In diesen Tälern habe ich mich als Kind sehr wohlgefühlt», erzählt sie. «Mein Vater war Arzt (unsere beiden Väter übrigens). Er hätte sich wohl gewünscht, dass ich einen medizinischen Beruf erlerne. Darum habe ich auch einmal als Pflegerin geschnuppert, aber das war nichts für mich – es ging mir zu nahe. Ich spürte immer, dass ich Kunst machen möchte. Bei einem Sprachaufenthalt in Neuseeland bin ich per Zufall einer Gruppe von Strassenkünstlern begegnet und durfte mit ihnen mitziehen. Ich war so fasziniert von diesem Leben – ein Leben mit viel Bewegung, Artistik und Freisein.»
Ihre Eltern hätten sie immer unterstützt. Ihr Vater ist Peruaner und als Ältester von neun Kindern aufgewachsen. In ihn wurde investiert, und er durfte studieren. Er habe die Erwartungen der Familie erfüllt und sei immer sehr glücklich darüber gewesen – so sehr, dass er auch nach seiner Pensionierung in Lima weiter als Arzt arbeite.
Luzia erzählt: «Weil er ein so glücklicher Mensch ist, wollte er auch, dass ich glücklich bin. Meine Eltern haben mich sehr bei meiner Ausbildung unterstützt. Sie haben sich gut damit abfinden können, dass ich ihre Wünsche nicht erfüllen wollte. Auch jetzt, wo wir Kinder haben, ist mir meine Mutter eine grosse Unterstützung. Ohne sie könnten wir nicht alles tun, was wir tun. Ohne unsere Familien wäre unser Leben so nicht möglich!»

Eine gemeinsame Sprache finden

Die ersten Ausbildungsjahre waren geprägt von intensiver Arbeit: Stimmbildung, Gesang, Akrobatik, Tanz sowie Theaterformen wie Pantomime und Commedia dell’arte.
«Wir sind richtig eingetaucht», erinnern sich beide. Eine Liebesszene, die sie im Rahmen einer Übung entwickelten, wurde zum Anfang ihrer gemeinsamen Geschichte – künstlerisch wie privat.
Im dritten Ausbildungsjahr entstand ein erstes Bühnenstück, verbunden mit einer Tournee und der Erfahrung, wie man ein eigenes Programm entwickelt und vermarktet. «Das war enorm prägend», sagt Luzia Bonilla.
Bereits während der Ausbildung begannen sie gemeinsam aufzutreten – zuerst an kleinen Anlässen, auf kleinen Bühnen, mit kleinen Nummern.
Luzia: «Man sucht Gelegenheiten, um aufzutreten. Das Netzwerk wächst und trägt, erweitert sich immer wieder.»
Engagements führten sie an Festivals, zunächst als Strassenkünstler, oft auf Hutkollekte.
«So haben wir fünfzehn Jahre überlebt», sagt Michael Kobi mit einem Lächeln. Parallel dazu arbeiten Lucy & Lucky Loop in der Eventbranche und treten auch an Firmenanlässen auf, um so ihre Programme querzufinanzieren. Zudem besuchten die beiden noch eine Zirkusschule und erweiterten ihre Fähigkeiten: Luftakrobatik, Hula-Hoop, Cyr Wheel.
Michael: «Wir mischen gerne verschiedene Stile: Komödie, Theater, Musik und Akrobatik.»
Seit vier Jahren sind sie mit ihren eigenen Produktionen auf Tournee unterwegs. Deshalb sind sie auf Fundraising angewiesen. Heute arbeiten sie mit einem kleinen Team – für Produktion, Finanzierung, Regie und Kostümbild. «Aber etabliert ist man nie», sagt Luzia Bonilla.

Familie und dieser Beruf

Luzia: «Wir hatten lange Nebenverdienstjobs, und einige unserer Freunde haben aufgehört. Aber wir sind vollberuflich Artisten.»
Michael: «Ich habe bis ein paar Jahre vor und auch während Corona immer auch in der Pflege gearbeitet. Ich bin froh, habe ich diesen Beruf gelernt.»

Lucy & Lucky haben zwei Kinder, ein achtjähriges und ein fünfjähriges Mädchen.
Luzia: «Eigentlich wussten wir immer, wir wollen Kinder. Aber wir waren schon seit zehn Jahren zusammen und auf Tourneen und viel unterwegs. Und wir wussten auch nicht so recht, wie das nachher als Freigeist und Freimensch mit Kindern gehen soll.»
Michael ist der Freigeist, für das Management ist Luzia zuständig.
Michael: «Im Winter spielten wir in einem Varieté in Schaffhausen. Da hatten wir eine Künstlerwohnung. Wir mussten jeweils die Kinder in Wädenswil von der Schule abholen, und dann wurden sie von einem Babysitter betreut.»
«Es ist ein kleiner Nachteil», sagt die sehr positive Luzia, «dass die Kinder nicht denselben Rhythmus wie wir haben. Sie kommen oft mit uns mit, aber wir sind sehr froh, werden wir auch von unseren Eltern unterstützt.»
Die Familie lebt in einer WG auf einem Bauernhof, mit neun Erwachsenen und vier Kindern. «Wir sind eine Community und können aufeinander zählen.»
Da die Kinder sehr gerne in Wädenswil zur Schule gehen, nimmt das Artistenpaar weniger Engagements im Ausland an. Es ist ihnen wichtig, dass ihr Programm um die Schule der Kinder herum organisiert werden kann. Luzia sagt: «Am Anfang unserer Karriere war das nicht möglich. Jetzt können wir schon eher auswählen, und so passt es. Es ist gut, haben wir gewartet mit der Gründung einer Familie. Jetzt ist mehr Sicherheit da.»
Michael: «Pff … Sicherheit! Dann verletzt du dich, und dann ist alles anders.» Luzia entgegnet: «Ich fühle mich immer sicher, wohl und privilegiert. Ich geniesse mein Leben, und ich habe keine Angst, dass es morgen nicht mehr weitergeht. Zudem brauchen wir nicht so viel. Ich hatte noch nie das Gefühl, dass ich finanziell nicht durchkomme oder mir etwas nicht leisten kann.»

Tägliches Training

Um allfälligen Verletzungen und Abnutzung vorzubeugen, ist das Trainieren des Körpers sehr wichtig. Wenn man gut auf ihn achtet, kann man lange so arbeiten wie sie.
Luzia: «Wir müssen immer fit und trainiert sein, das heisst, muskulär gut aufgebaut. Die Muskeln sind ein Schutz, und darum braucht es tägliches Training. Wer wann trainiert, ist immer ein Thema bei uns – beinahe täglich.»

Programme «Marionetta» und «Catastrofonia»

Lucy & Lucky Loop sehen sich als zeitgenössische Zirkuskünstler. Sie machen Artistik, Komödie, Livemusik, Poesie und arbeiten dazu mit visuellen Effekten. Das Programm ist für Familien, aber auch für Erwachsene geeignet.
Verschiedenste Elemente werden gemischt. Das Erlebnis soll leicht sein, poetisch, lustig, komisch, immer auch musikalisch und artistisch.
Michael: «Wir arbeiten sehr wenig mit Sprache. So können wir unser Programm auf der ganzen Welt zeigen.»

«Marionetta ist eine Puppe, die nicht immer macht, was sie sollte: viel Luftakrobatik, Schalk, Poesie», erklärt Luzia. «Sie hängt an den Haaren, fliegt fünf Minuten lang!»
Luzia erklärt, dass sie dazu viel Vorbereitung benötigt, etwa die Kopfhaut aufzuwärmen und die Haare richtig zusammenzubinden, sodass überall das gleiche Gewicht lastet. In 15 Jahren seien immer wieder neue Teile dazugekommen, bis ein abendfüllendes Programm entstanden sei. So werde es aber nie langweilig.

«Catastrofonia» erzählt von einem Zirkuspaar, das gewisse Herausforderungen hat. Es ist eine Art Varieté aus verschiedenen Nummern, in denen zwei exzentrische Figuren eine Liebesbeziehung führen. Viele können sich wiedererkennen – im Idealfall jede und jeder.
Dolores ist sehr eitel, und Juan-José muss schauen, dass seine Frau zufrieden ist. Wenn sie dann einmal eingeschnappt ist, hat Juan-José seine grossen Momente. Das Programm ist vierjährig, und auch daran arbeiten die beiden fortwährend.

Wie ein Programm entsteht

Michael: «Zuerst entsteht der Titel, weil man ihn schon frühzeitig ankündigen muss. Dann erarbeiten wir das Programm. Man hat schon verschiedene Ideen, überlegt, ob es musikalisch sein soll, die Nummer mit den Haaren wurde geboren. Man fragt sich, welche zirzensischen Elemente Eingang finden sollen. Und dann beginnen wir, Geschichten darum herum zu bauen.»
Luzia: «Bei dieser Nummer haben wir mit einer Regisseurin gearbeitet. Wir haben manchmal viele Ideen, und sie sortiert und verwirft.»
Mit diesem Programm wollten die beiden viele Emotionen zeigen: die Ideen des Paares, Konflikte und Versöhnung, verschiedene Phasen einer Beziehung.

Hat Zirkus heutzutage noch Publikum?

Michael Kobi denkt, dass Lucy & Lucky Loop eine Nische bedienen: «Wir sprechen viele Familien an. Solche Programme funktionieren gut.»
Luzia: «Wir sind sehr nah bei den Leuten, gehen in die Dörfer, sind nur zu zweit – das vereinfacht es. Wir sind ein kleines Format. Wir spielen gerne auch in einem Tessiner Tal, auf einem Dorfplatz. Manchmal hat es keine Leute, dann fangen wir an, und langsam kommen die Zuschauer. Die Dörfer bezahlen einen Grundstock, und dann gibt es immer eine Kollekte – und so geht es. Wir spielen aber auch in Winterthur, also in grösseren Schweizer Städten. Wir sind moderne Gaukler.» Beide lachen.

Sie geniessen es, Open Air zu spielen – auch wenn es regnet oder ein Hund knurrend auf die Bühne kommt. So müssen sie sich immer neuen Gegebenheiten anpassen, was das «Gauklerleben» lebendig und reizvoll macht.
Michael: «Die Leute geniessen es auch, wenn es nicht immer so abläuft, wie sie es erwarten. Sie schauen genau hin und sind dann überrascht, was wir aus einer Situation machen – wie wir improvisieren.»

Am 23./24. Mai, um 19.30 Uhr, zeigen Lucy & Lucky Loop im Stoffelvarieté in der Au Wädenswil ihr Programm «Catastrofonia». Es gibt eine Kollekte am Ende der Vorstellung. Infos über die Shows findet man unter www.lucyandluckyloop.ch.

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