Wädenswil

Wädi-Slam der Lesegesellschaft ging in die 17. Runde

Am Dienstag, 24. März, fand der jährliche Wädi-Slam der Lesegesellschaft im ausverkauften Theater Ticino statt – diesmal zusammen mit dem Forum der ZHAW Wädenswil. Neun Poetinnen und Poeten traten auf. Jessica Brunner gewann den Wädi-Slam.

Und wieder kamen sie, die Poetinnen und Poeten, zum 17. Wädi-Slam am 24. März ins Theater Ticino. Diesmal beteiligte sich auch das Forum der ZHAW an der Durchführung, und das merkte man. Das Publikum im voll besetzten Theater verjüngte sich durch die fast 40 Studentinnen und Studenten der Hochschule um Jahrzehnte.

Neun Poetinnen und Poeten kämpften um die Gunst des Publikums

Jens Engelhart eröffnete, indem er feststellte, dass der Wädi-Slam bereits zu einer Legende zum Frühlingsanfang geworden sei. Er führte geschickt und charmant durch den Wettbewerb und schloss den Abend mit der Kür der Siegerin Jessica Brunner ab. In drei Gruppen wetteiferten die neun Vortragenden um die Gunst des Publikums und den Einzug in den Final.
Rolf Suters Protagonist kämpft mit der Schreibblockade, die ihn ins Thema «Weisses Blatt, schwarzes Loch» zog, wo das Schreibmaschinen-O ein Loch und das Ö Löcher macht. Natalie Leutholds «Ich» fand sich damit ab keinen grünen Daumen zu haben, dazu noch mit der Charaktereigenschaft, alles aufzuschieben, fertig zu werden. Sie könne nur unter Druck wie ein Rahmbläser produktiv sein. Folgt, dass mangels Aufmerksamkeit sogar der Kaktus stirbt. Bernadette Brusa wickelt die Gedankenkreise in die Rätselhaftigkeit der Frage nach dem passenden Mann ein. Führt mit der Banalität daraus heraus, ob wohl eher jener Glacé-Typ, der Ragetli-Glacé kauft, passen würde, oder doch eher einer, der einer anderen Sorte zuneigt und ob eine solcherart ausgelöste Lebenskrise vor dem Ableben noch angemessen sei.

Katharina Suter, Erste der zweiten Gruppe, forcierte die Doppeldeutigkeiten von Wörtern mit «Schw». Sodass jemand im «Schwafen schwarchte, Schweizer schwanken erleiden einen schweinen Schwächeanschwall». Andreas Iseli greift mit seinem Vortrag das ästhetische Empfinden frontal an. Da «frisst de Märtu» dem andern rücksichtslos den Znüni weg, die eine Frau tanzt füdli-blutt auf dem Balkon, der Nachbar stopft die Meersau lebendig durch den Schlitz in den Briefkasten. Das menschliche Unheil steigert sich. Am Schluss brennen alle Sicherungen durch. Andreas Kranzler trägt den Zweifel, ob der Vater als Vater genüge ins Publikum. Er schildert die Freude, wenn das Kind zum ersten Mal «Papa» sagt, aber auch die Mühe, die es macht und ihn jetzt erst an seinen Kindern erkennen lässt, welche Last er selber für die Eltern war.
Jessica Brunner, in der dritten Gruppe, trägt eine etwas ungewöhnliche Nennung der drei Buchstaben ADHS vor. Beim Ausfüllen der Steuererklärung leuchtet sofort ein: ADHS heisst «All Die Huere Stapel» von Belegen und Listen. Ihre Protagonistin kämpft mit Diagnosen wie miserable Objektpermanenz, miserable Fähigkeit zu registrieren. Das Hirn sei falsch verkabelt, aber sie sei nicht die einzige, fünf Prozent litten daran. Andi Waber stellt einen Vater mit einem Hammer im Loch vor, völlig mit sich selbst beschäftigt. Alles hängt an rostigen Nägeln. Da will er heraus und wieder lebendig leben. Antonia Prasser fragt erstaunt, wie das möglich sei. Theresa Sperling, Meisterin des Poetry-Slam, findet sich gut. Darf die das – eine Frau? Ja, ohne Frage. «Ich will keine Motte sein», greift den Raum, der ihr nicht zusteht, einzig darum, weil sie kann und weil sie will.

Im Final musste sich der Text von Jessica bewähren. Ein Briefwechsel mit der Welt, die nicht antwortet, sie allein, im Burnout verbrennen lässt; nicht ganz, noch kann sie sich an Menschlichkeit festklammern, nach langer Dauer heilen. Andreas Iseli spielt ein Interview mit einem Berufsbildner, der Einbrecher ausbildet und am Ende hofft, sie könnten ihr Niveau halten und würden nicht einbrechen. Auch Bernadette wollte im Final noch einmal gehört werden. Sie öffnete dem Publikum den Blick in eine Wunschwelt, in der sich Langeweile und erotische Phantasie zu Stubenmausi und Dyson-Bitch mischen.
Der Briefwechsel konnte sich durchsetzen. Es war knapp. Mit grossem Applaus verabschiedete sich das Publikum vom inhaltlich gehaltvollen Poetry-Slam. (e)

Teilen mit: