Richterswil

10 Jahre Zivilschutz Zimmerberg

Der Zivilschutz übernimmt in der Schweiz wichtige Aufgaben, wenn es um den Schutz der Bevölkerung geht und unterstützt Blaulichtorganisationen bei Notlagen mit Material, Gerätschaften und Personal. Der Zweckverband (ZVZZ) in Horgen hält seit 10 Jahren für die Region die Fäden in der Hand – und würde sich über Frauen freuen, die dabei mitziehen.

Text: Reni Bircher

Der Zivilschutz ist in erster Priorität ausgerichtet auf die Bewältigung von Katastrophen und Notlagen. In zweiter Priorität ist der Zivilschutz nach wie vor auch für den Einsatz im Falle eines bewaffneten Konflikts vorgesehen. Hierfür bedürfte es jedoch einer personellen und materiellen Aufstockung.
Die Aufgaben des Zivilschutzes bleiben im Katastrophen- und im Kriegsfall weitgehend dieselben: Leistungen bei Elementarschäden, wie etwa die Personenrettungen aus Trümmerlagen, technische Sicherungsarbeiten zur Schadensbegrenzung und Instandstellungsarbeiten, logistische Unterstützung beim Ausfall kritischer Infrastrukturen, Betreuung von schutzsuchenden Personen, Schutz der Kulturgüter, Bereitstellung und Betrieb der Schutzinfrastruktur sowie Kommunikationsinfrastruktur, Verstärkung der Führungsunterstützung und der Logistik u.v.a.
Es müssen jedoch keine Katastrophen hereinbrechen, um den Dienst des Zivilschutzes zu beanspruchen.
Vor über fünf Jahren übernahm Oberstleutnant Beat Klingelfuss die Geschäftsführung des Zweckverbandes Zivilschutz Zimmerberg. Wir haben mit dem Kommandanten über den ZVZZ im Allgemeinen und das Tätigkeitsfeld gesprochen.

In der Schweiz gibt es die Militärpflicht. Wer dafür untauglich ist, kann in den Zivilschutz eingeteilt werden. Und dann gibt es noch den Zivildienst. Herr Klingelfuss, bitte erklären Sie uns doch kurz, wer was macht.
Es gilt in der Schweiz, wie Sie richtig annehmen, die allgemeine Militärdienstpflicht für Männer ab 19 Jahren. Militärdienstpflichtige können, wenn sie keinen Militärdienst leisten wollen, zivilen Ersatzdienst leisten (Zivildienst).
Junge Stellungspflichtige, welche aus medizinischen Gründen nicht Militärdienst leisten können, können als «schutzdiensttauglich» ausgehoben werden und leisten dann Zivilschutz. In den Zivilschutz kann man auch nach dem 25. Lebensjahr noch eintreten. Wir haben mehrere Männer, welche erst spät eingebürgert wurden und dann in den Zivilschutz eingetreten sind.
Dann gibt es leider eine immer grösser werdende Gruppe, welche aus medizinischen Gründen als doppelt untauglich deklariert werden. Das können aber auch nur Momentaufnahmen dieses Menschen sein, und sie werden aus versicherungstechnischen Gründen als untauglich deklariert.

Im Kanton Zürich gibt es 37 Zivilschutzorganisationen (ZSO), eine davon ist die ZSO Zimmerberg. Sie umfasst die Seegemeinden zwischen Richterswil und Kilchberg, ebenso gehört Langnau und Adliswil dazu. Sie ist damit die drittgrösste Organisation im Kanton Zürich und somit für 130 000 Einwohnerinnen und Einwohner zuständig. Betrieben wird der ZSO Zimmerberg vom ZVZZ. Wie die Bezeichnung schon verrät, handelt es sich um einen Zusammenschluss. Wozu ein Zweckverband?
Ein Zweckverband ist eine vom Gemeindeamt vorgesehene Zusammenlegung verschiedener politischer Gemeinden zu einem bestimmten Zweck. Typischerweise geschieht dies für Aufgaben der öffentlichen Hand im Zusammenhang mit der Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Abfallentsorgung usw.
Da der Zivilschutz eine Aufgabe der Gemeinden ist, kommt auch in diesem Fall der Zweckverband oft als praktische Rechtsform zum Zuge. Beim ZVZZ haben alle neun Bezirksgemeinden und -städte ein Mitspracherecht. Die grossen Gemeinden/Städte (über 12 000 Einwohner) stellen zwei Delegierte, die kleineren einen Delegierten. Die Delegiertenversammlung (DV) ist analog der Gemeindeversammlung bzw. dem Parlament das höchste Organ des Zweckverbandes. Die DV wählt einen fünfköpfigen Vorstand, welcher als Exekutive die Geschäfte des Zweckverbandes überwacht.
Ich bin beim Zweckverband als Geschäftsführer angestellt. Daneben stellt die ZSO Zimmerberg den effektiven Zivilschutz dar, wo ich als Kommandant fungiere.

Der ZVZZ besteht nun seit zehn Jahren. Liess sich Ihrer Meinung nach umsetzen, was dem Verband vor seiner Gründung attestiert wurde?
Voll und ganz! Der Zusammenschluss der diversen kleinen Zivilschutzorganisationen im Bezirk hat zu enormer Professionalisierung geführt. Der Zivilschutz ist heute besser ausgerüstet, besser organisiert und effizienter. Ich darf mit Stolz behaupten, dass wir für Grossereignisse, Katastrophen oder Notlagen im Bezirk Horgen gewappnet sind, um der Bevölkerung zu helfen und die Partner im Bevölkerungsschutz (Polizei, Feuerwehr, Gesundheitswesen, Technische Betriebe und Gemeinde-führungsorgane) unterstützen zu können.
Mit der Gesetzesrevision (Bevölkerungs- und Zivilschutzgesetz) von 2021 wurden die Bestände der Zivilschützer massiv nach unten «korrigiert», indem das Alter und damit die Verweildauer der Mannschaft und Gruppenführer von 40 auf 34 Jahre gesenkt wurde. Dadurch wurden uns sechs Jahrgänge «weggenommen», also ungefähr ein Drittel an Personal. Sinnigerweise überrollte uns kurz darauf die Corona-Pandemie (dazu mehr weiter unten, Anm. d. Red.).
Mit diesen Zahlen können wir immerhin noch mit einem Sollbestand von 553 AdZS rechnen. Würden im Bezirk nach wie vor die kleinen, gemeindeeigenen ZSOs bestehen, hätten diese kaum genügend Personal, um sinnvolle Übungen und Einsätze sicherzustellen.

Wie ist der ZSO Zimmerberg mit Frauen ­aufgestellt?
Ich würde behaupten, dass der Zivilschutz für eine Frau, welche einen Dienst an der Öffentlichkeit bzw. der Gesellschaft leisten möchte, ideal ist. Die Ausbildung dauert nur zwei Wochen – nicht 17 wie beim Militär –, die WKs sind ebenfalls kürzer, die Ausbildung und Einsätze finden im Bezirk statt (keine auswärtige Übernachtung nötig).
Weshalb ihnen häufig der Militärdienst «attraktiver» scheint, ist mir nicht klar, denn mit diesem breiten Tätigkeitsfeld – egal ob Logistik, Fahrdienst, Betreuung, Führungsunterstützung oder auch Pionierarbeit – in dem wir beim Zivilschutz unterwegs sind, dürfte das vielfältiger und ansprechender sein.
Im ZSO Albis sind drei Frauen … wir sind offen und hätten gerne weibliche Unterstützung hier. (https://changethegame.zh.ch)

Der ZVZZ besteht aus einem Kommando, einer Stabskompanie sowie der Kompanie 1 mit Standort Thalwil, und der Kompanie 2 in Samstagern. Können Sie kurz erläutern, ­worum es sich dabei handelt und wie sie personell aufgestellt sind?
Das Kommando stellt die permanente Erreichbarkeit und die Führung des Zivilschutzes dar. Neben mir als Geschäftsführer/Kommandant ist da ein Stabsoffizier (mein Stellvertreter, Ausbildungsverantwortlicher), eine Zivilschutzstellenleiterin (Administratives) und ein Logistikoffizier (Material, Fahrzeuge, Schutzanlagen). Ausserdem eine 80-%-Stelle für die periodischen Schutzraumkontrollen im ganzen Bezirk.
Die Stabskompanie sowie die Kompanie 1 und 2 stellen die Milizformationen dar. Diese sind dezentral aufgestellt, da auch unser Einsatzmaterial dezentral eingelagert ist und wir uns je nach Ereignis nahe am Schadensplatz organisieren können.

Der ZVZZ hat mehrere Fachgebiete (Führungsunterstützung, Unterstützung (Pioniere), Betreuer, Logistik und Kulturgüterschutz), in denen Hilfe und Unterstützung in der Bevölkerung erwartet wird. Dabei sind sowohl fachliche wie auch persönliche Stärken und Fähigkeiten gefragt.
Wie platziert oder findet Ihr die richtigen Personen dafür?
Die Zuteilung und Grundausbildung in eines der Fachgebiete findet analog der Rekrutierung der Armeeangehörigen in einem der Rekrutierungszentren der Armee (Aushebung) statt. Wir erhalten die ausgebildeten Zivilschützer erst nach Abschluss der Grundausbildung, welche in Zürich – zentral in Andelfingen – stattfindet, zugeteilt.

Demnach verfügt Ihr nicht über eine Lagerhalle, wo alle Geräte und Materialien gelagert sind?
Die Anhänger sind in einzelnen Zivilschutzanlagen des Bezirks verteilt, genauso wie unsere Fahrzeuge.
Wir verfügen über mehrere Materialanhänger (MAZ), welche für unterschiedliche Einsätze gedacht sind. Beispielsweise den MAZ «Trümmer» mit Seilzugapparaten, Hebekissen, Rettungsdreibein usw. Der MAZ «KP Front» ist gepackt mit Zelt, Funk- und Handyantenne, Telefonanlage, Bildschirme usw. für die Führungsunterstützung bei einem Ereignis.
Kulturgüterschutz ist ebenfalls eine kleine Abteilung, welche Inventarlisten und Einsatzpläne bei Sammlungen, Archiven und Museen anfertigt, damit in einem Notfall die wertvollsten Gegenstände gerettet werden können. Die dafür Verantwortlichen erhalten immer eine Zusatzausbildung. Gerade wurden wir von einem Museum angefragt beim Umzug zu helfen, was für unsere Leute eine tolle Gelegenheit ist, ihr Wissen anzuwenden.

Ich schätze, dass das Material regelmässig auf Zustand und Funktionalität geprüft werden muss …
Das stimmt, das passiert einmal jährlich, letztmals diesen März durch unsere Materialwärter.

Kann die Arbeit im Zivilschutz ebenso freiwillig angetreten werden wie bei der Feuerwehr?
Ja – das ist prinzipiell möglich, passiert aber sehr selten. Freiwillige Zivilschützer kommen bei uns eigentlich nur vor, weil es Zivilschützer gibt, welche über das obligatorische Alter freiwillig eingeteilt bleiben und weiterhin Dienst leisten.
Natürlich wären die Frauen in unserer Organisation ebenfalls freiwillige AdSZ.

Wie würde Ihr Wahlspruch lauten, wenn Sie Leute für den Zivilschutz anwerben wollten?
Der Zivilschutz Zimmerberg agiert «professionell – effizient – verlässlich» und «Wir sind da, wenn es uns braucht».

Wäre ein Tag der offenen Türe ein Thema, um den Menschen zu zeigen, was Ihr leistet und möglicherweise, um Mitglieder zu gewinnen?
Das wäre schon möglich, haben wir auch schon gemacht und werden wir auch wieder machen. Es ist aber mit sehr grossem Aufwand verbunden.

Wie viele Menschen leisten beim ZVZZ Dienst, wie viele Festangestellte gibt es beim ZSO?
Der Sollbestand liegt bei 533 AdZS (Miliz).
Der Istbestand ändert sich im Laufe eines Jahres um ±50–80 AdZS, da wir Ende Jahr jeweils einen ganzen Jahrgang entlassen und uns im Laufe des Jahres die neuen AdZS nach absolvierter Grundausbildung zugeteilt werden.
Heute haben wir einen Istbestand von 502 Personen. 480 Stellenprozente sind Festangestellte.

Die Arbeiten vom Zivilschutz passieren oftmals ungesehen im Hintergrund … Haben Sie dazu Beispiele?
Während der ersten und zweiten Covid-Welle haben wir sehr viele Einsätze gehabt, haben die Hotline und das Contact Tracing unterstützt, haben im See-Spital, diversen Heimen und Behinderteneinrichtungen ausgeholfen. Gerade in den Altersheimen, als diese für sämtliche Besucher geschlossen wurden, haben wir grosse Dienste geleistet … Das war wohl der grösste Einsatz des Zivildienstes, der bisher gemacht wurde.
Wir waren unterstützend vor Ort bei der Anlaufstelle für Ukraineflüchtlinge im Frühling 2022.
Dann brach in einem Altersheim das Norovirus aus, zahlreiche Bewohner und auch Personal war erkrankt. Innert Tagesfrist boten wir sechs Zivilschützer auf, welche in Küche und Pflege eingesetzt wurden.
In einem anderen Altersheim fiel zwei Tage zuvor der Lift aus, und deshalb mussten die Mahlzeiten in den Stockwerken verteilt werden, was erheblich mehr Personal beansprucht hätte. So halfen vier unserer Leute bei der Essensverteilung und Geschirr wieder wegräumen, haben sich etwas mit den Senioren unterhalten, etwas vorgelesen, Spiele gemacht, damit sich die Menschen nicht so isoliert fühlten.

Der Zivilschutz ist aber nicht nur bei Notfällen unterwegs, Ihr leistet auch anderweitig Einsätze.
Das ist richtig, wir verrichten auch gemeinschaftliche Aufträge. Wir haben beispielsweise die Tour de Suisse in Rüschlikon und das Schwingfest in Horgen (2024) aufgebaut. Ein weiterer Grosseinsatz leisten wir zugunsten der diesjährigen Kilchberg-Schwinget im August/September. Alles Veranstaltungen mit überregionaler Bedeutung und einem ehrenamtlichen Organisations-komitee. Das ist wichtig. Dies sind Einsätze, wo wir gerade in Sachen Führung unsere Fertigkeiten üben können.
An der Räbechilbi Richterswil stellen wir jedes Jahr die Führungsinfrastruktur sicher. Dies mit dem KP Front, wo alle Telefone und Funknetze zusammen-laufen und Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienst etc. die Veranstaltung überwachen. Ob sich nun ein Kind verlaufen hat oder ein medizinischer Notfall vorliegt, vom KP Front aus wird alles Notwendige organisiert.

Was für Einsätze leistet Ihr im Ernstfall?
Diese sind mannigfaltig. Wir unterstützen bei Grossereignissen wie einem Grossbrand, einer Zugentgleisung, bei Erdbeben, Evakuationen, Probleme mit der Trinkwasserversorgung, Hochwasser, langanhaltende Trockenheit …

Was könntet Ihr in den beiden letztgenannten Fällen ausrichten?
Beides kam noch nie zum Einsatz. Doch bei langanhaltender Trockenheit könnten wir für die Landwirte Leitungen legen und mit Pumpen und Ausgleichsbecken unterstützen, damit die Tiere nicht verenden.
Beim Hochwasser könnten wir die Feuerwehr kapazitätsmässig unterstützen, um etwa Unterführungen auszupumpen. Wir sind eigentlich dann vor Ort, wenn die Möglichkeiten der Blaulichtorganisationen ausgeschöpft sind.

Ändern sich die Aufgaben und/oder Vorkehrungen in diesen weltpolitisch unsicheren Zeiten?
Die Aufgaben prinzipiell nicht, jedoch die Wahrnehmung in der Bevölkerung. Unsere Aufgaben in Falle eines bewaffneten Konfliktes sind nach wie vor dieselben – rückten in letzter Zeit jedoch vermehrt in den Fokus der Bevölkerung.

Nun noch zu Ihrer Person. Herr Klingelfuss, was ist Ihr Werdegang und was gefällt Ihnen an diesem Posten als Geschäftsführer der ZVZZ?
Ursprünglich bin ich gelernter Automechaniker und habe nach der Lehre sechs Jahre auf dem Beruf gearbeitet. Parallel habe ich die Kaderlaufbahn beim Militär eingeschlagen. Als Berufsmilitär war ich bei diversen Auslandseinsätzen (UNO oder neutrale Überwachung) zugegen und Ausbildner für Leute, die eben solche Einsätze machen wollen.
Im Oktober 2020 habe ich die Stelle als Geschäftsführer beim ZVZZ angetreten. Diese Führungsaufgabe ist zwar lokal angesiedelt, aber sehr vielfältig. Spannend an meinem Beruf ist die Verknüpfung der politischen Ebene in allen Gemeinden, ebenso wie mit dem Kanton.
Kinder habe ich keine, das wäre wohl wegen meiner häufigen Abwesenheit in all den Jahren nicht verantwortungsvoll gewesen – auch nicht wegen dem gemeinsamen Hobby von meiner Frau und mir: Wir sind Fallschirmspringer.

www.zvzz.ch

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