Im April 2026 übergibt Esther Ramirez ihr Amt als Stadtschreiberin von Wädenswil ihrem Nachfolger Oliver Küng. Sie tritt per Ende April 2026 in den Ruhestand. Seit Januar 2019 hat sie die Geschicke des Stadthauses geleitet und diverse Projekte, wie die aufwändige Digitalisierung, durchgeführt. Nun freut sie sich auf eine ruhige und unverplante Zeit.
Text: Ingrid Eva Liedtke
Bild: zvg
Esther Ramirez wohnt in Stäfa und geniesst jeden Morgen ihren schönen Arbeitsweg mit dem Kursschiff über den See.
«Zehn Minuten, in denen ich nichts mache», sagt sie mit einem Lächeln, als ob sie gerade an die morgendlichen Stimmungen auf dem See denkt, die jeden Tag ein wenig anders schön sind. «Sonst bin ich immer auf Draht. Kaum bin ich hier im Stadthaus, geht es los.»
Die umtriebige Frau liebt ihren Beruf als Stadtschreiberin von Wädenswil. Er füllt sie sehr aus, wie sie sagt, und sie weiss noch nicht, wie es sich anfühlen wird, wenn sie dann im Mai pensioniert ist.
Personalchefin und ein offener Mensch
Esther Ramirez ist als Stadtschreiberin die Personalchefin der 380 städtischen Angestellten. Das sind alles verschiedene Menschen. Eine gute Zusammenarbeit ist ihr ein sehr wichtiges Anliegen.
Esther Ramirez beschreibt sich so: «Ich bin ein offener Mensch, liebe Gesellschaft und pflege gerne Beziehungen.»
Ihr Mann ist ein lateinamerikanischer Musiker, für den sie das Management macht.
Ramirez, die gerne kocht, aber froh ist, dass ihr Mann den Haushalt schmeisst, liebt den lebendigen Austausch in ihrem «Künstlerhaushalt», einem Ort vieler Gäste, die sie gerne bewirtet. Und so sind ihre Wochenenden ausgefüllt mit Einladungen und Besuchen sowie Ausflügen bei und mit Freunden oder den beiden Enkelkindern, zu deren Familie sie auch eine schöne Beziehung pflegt.
«Ich habe kein eigentliches Hobby, aber ich bin gerne am See, bin ein richtiges Seemeitli und schwimme viel», erzählt sie und fügt lachend an: «… aber nur in warmem Wasser. Eisbaden ist nichts für mich.» Wenn dann noch Zeit bleibt, liest sie gerne oder verrichtet Gartenarbeit. Aber manchmal sitzt sie gerne allein in ihrem wilden Garten, ohne etwas zu tun, und beobachtet, was sich da allenfalls ereignet. Sie erlaubt sich dann den Blick für die kleinsten Bewegungen und kleinen Dinge und wird belohnt mit schon fast mystischen Wahrnehmungen. «Plötzlich bewegt sich aus dem Nichts ein Blatt oder eine Pflanze neigt sich leicht zu mir hin – ohne den leisesten Windhauch», raunt sie.
Das Amt der Stadtschreiberin
Die Aufgaben einer Stadtschreiberin in Wädenswil umfassen laut offizieller Beschreibung die operative Leitung und Führung der Stadtverwaltung, die Sicherstellung der gesetzmässigen und bürgernahen Verwaltungsprozesse, die Vor- und Nachbereitung der Geschäfte für die Sitzungen des Stadtrats sowie die Teilnahme mit beratender Stimme. Es gehört auch die Führung der Zentralen Dienste mit den Stabstellen Rechtsdienst, Personaldienst, Informatik sowie Informationsverwaltung und Kommunikation dazu. Weiter führt sie die Abteilungsleitung Präsidiales sowie die übrigen Abteilungsleitungen in personellen und administrativen Belangen. Oft hat sie zudem die Leitung von organisationsübergreifenden Projekten inne.
Sie lacht, wenn sie diesen Beschrieb hört, und fügt an, dass dies wirklich viele Aufgaben seien, die tatsächlich manchmal anspruchsvoll seien, da es auch darum gehe, viele verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Charakteren und Befindlichkeiten zu einer guten Zusammenarbeit zu motivieren.
«In der Stadtverwaltung arbeiten 380 Personen, die ich nicht alle direkt führe. Ich bin die Personalchefin. Aber natürlich gibt es dazwischen Hierarchiestufen. Die gute Zusammenarbeit ist die Basis. Wir arbeiten an Themen wie Wertschätzung und Kultur beim Arbeiten (Unternehmenskultur), auch Humor und Herzlichkeit sind mir sehr wichtig. Ich will den Menschen im Fokus haben und eine Politik der offenen Türe betreiben. Jede und jeder, der hier arbeitet, ist genau gleich wichtig. Probleme will ich, wenn möglich, auf der Sachebene lösen. Was von mir kommt, ist das Organisationsübergreifende – das geht alle etwas an.»
Digitalisierung und KI
Esther Ramirez’ Zeit im Stadthaus Wädenswil war geprägt von einer grossen Digitalisierungsphase.
«Man kann Papierprozesse nicht so einfach digital übertragen, ohne umzudenken. Es braucht neue Standardisierungen. Die digitalen Prozesse sind weniger flexibel. Auch die Ablage ist digital. Die ganzen Abläufe, das Einrichten der neuen Prozesse, waren eine grosse Herausforderung – jeder kleinste Schritt musste neu gedacht werden.»
Sie sieht in der Digitalisierung ihr grosses Projekt, das sie in den Jahren im Wädenswiler Stadthaus verwirklicht hat – ein komplexes und anspruchsvolles Unterfangen.
«Durch die neuen Abläufe entwickelten sich auch verschiedene Funktionen weiter. Die Personaldienste wurden professionalisiert. Die ganze Digitalisierung brauchte weitere Ressourcen, was dazu führte, dass neue Stellen aufgebaut werden mussten.»
Als weitere Herausforderung wartet nun schon ein KI-Projekt, das in die Zukunft reicht. Die ganze Informationsverwaltung verlange nach speziellen Tools, denn mit diesen sensiblen Daten könne man nicht einfach ChatGPT nutzen.
«Wir machen nun bei einem Pilotprojekt von egovpartner (E-Government) mit, das die Beschaffung und Einführung von KI-Basisdiensten beinhaltet. Wichtig dabei ist eine sichere und datenschutzkonforme Infrastruktur (KI-Plattform), die den Gemeinden und Städten zur Verfügung stehen wird – eine sehr komplexe Angelegenheit.»
Weitere Projekte und Erfolge
Bei der Frage nach weiteren Projekten muss Esther Ramirez eine Weile überlegen. «Ich kann jetzt gar nichts so aus dem Stegreif nennen. Ich habe so viel gearbeitet. Vielleicht bin ich da manchmal auch zu bescheiden.»
Sie überlegt. «Es ist schwierig zu sagen, was mir besonders gelungen ist. Besonders am Herzen lag mir immer, diesen Spirit auszustrahlen, dass mir jeder Einzelne ein Anliegen ist.»
Schliesslich erinnert sie sich doch an Verbesserungen, die sie durchgebracht hat, wie zum Beispiel, dass die Stadtverwaltung ein Case Management bei Langzeitkrankheit eingeführt hat, das auch eine Wiedereingliederung beinhaltet. «Wir haben eine Zusammenarbeit mit einer Einrichtung aufgegleist. Da dürfen sich Mitarbeitende bei Problemen und Anliegen melden.»
Auch die Umkleidezeit sei ein Thema gewesen, das es anzuschauen galt. Jetzt gehört die Umkleidezeit zur Arbeitszeit. Die Themen «Arbeitssicherheit» und «Gesundheitsschutz» seien wiederbelebt worden.
«Es gibt so vieles zu nennen diesbezüglich: Treppengeländer, Putzmittel, Absturzsicherungen, Schutz vor den Fenstern im Bürobereich. Auch für Mitarbeitende, die anders manuell arbeiten, zum Beispiel bei der Gas- und Wasserversorgung, der Kehrichtverarbeitung und des Recyclings, braucht es Vorkehrungen.»
Sie schlussfolgert: «Der Job ist wahnsinnig vielseitig. Ich komme mit sehr vielen Themen in Berührung. Ich lernte das alles auch schon in der Ausbildung, habe dort einzelne Fachthemen schon durchgearbeitet. Unterdessen ist die Weiterbildung ‹Gemeindeschreiber› mehr auf Führung fokussiert.»
Esther Ramirez’ grösster Erfolg – sie erinnert sich wieder – war der Sieg im Streit um die Kirchenglocken, ein Lärmschutzthema. Es ging darum, ob die Kirchenglocken nachts schlagen dürfen. Es gab Beschwerden.
«Ich liess Lärmmessungen durchführen und legte sie dem Stadtrat vor und beantragte, dass die Glocken weiterschlagen dürfen. Der Stadtrat beschloss dies gemäss Antrag. Dann wurde der Fall weitergezogen bis vor Bundesgericht. Da zeigte sich, dass mein Antrag und der Stadtratsbeschluss wasserdicht waren. Ich sah die Kirchenglocken als Kulturgut und argumentierte damit, dass das nächtliche Läuten sogar manchen schlaflosen Menschen Struktur gebe. Man muss wissen, dass ein gekipptes Fenster ein Menschenrecht ist. Trotzdem wurden die Lärmgrenzen durch das Läuten nicht überschritten.»
Es gebe auch vieles, das von aussen an die Verwaltung herantrete, wie zum Beispiel die Gemeindeordnung, die 2020/2021 neu geschrieben werden musste oder die gesetzliche Grundlage für elektronische Verwaltungsverfahren, die ab 2027 auch der Bevölkerung zur Verfügung gestellt werden müssen.
«Als ich neu als Stadtschreiberin begonnen hatte, wurde gerade die Fusion umgesetzt. Das war für die Verwaltung auch eine grosse Herausforderung. Und dann folgte Corona!»
«Wenn sich die Zusammensetzung im Stadtrat ändert, gibt das jedes Mal Bewegungen. Die Verwaltung arbeitet für den Stadtrat und natürlich auch für die Bevölkerung. Nun geht auch noch der Präsident. Das bringt immer Wandel. Einzelne Abteilungsleitungen bekommen dann möglicherweise einen neuen Vorstehenden, und jeder Einzelne ist in seiner Art prägend.»
Menschliche Anliegen
Obwohl Esther Ramirez all diese Projekte, Herausforderungen und Erfolge freuen, sind ihr die menschlichen Anliegen genauso wichtig – die Mitarbeitenden und deren persönliche Fähigkeiten. Von sich selbst als Vorgesetzte erwartet sie Offenheit und Zugänglichkeit für Probleme der Mitarbeitenden und das gemeinsame Finden von passenden Lösungen.
Politische Ausrichtung
Esther Ramirez sieht ihren Job als neutral an.
«Es gibt Gemeindeschreiber, die sich politisch engagieren. Ich persönlich finde das schwierig. Ich muss den Stadtrat ja in rechtlichen Fragen beraten. Meiner Meinung nach ist es besser, wenn das möglichst neutral vonstattengeht. Natürlich bringt jeder Mensch immer seine Tendenzen mit ein. Aber ich finde, es braucht da eine Abgrenzung.»
Fällt es schwer aufzuhören?
Der Stadtschreiberin Esther Ramirez fällt es schwer, ihren Job und die vielen interessanten Aufgaben niederzulegen. Sie ist ambivalent, was ihre Pension betrifft.
«Ich liebe meinen Job und vor allem die Menschen, mit denen ich arbeite. Aber ich habe mit 16 mit einer Lehre begonnen zu arbeiten. Ich arbeite jetzt also schon 49 Jahre lang, und vorher absolvierte ich die Volksschule. Nun kommt eine Zeit ohne Struktur, die ich selber gestalten kann. Darauf freue ich mich schon, auch wenn ich noch nicht so genau weiss oder wissen will, wie es sich anfühlen wird.»
Pläne
Es gebe keine konkreten Pläne, denn diese würden die Tage schnell wieder füllen. Ramirez wünscht sich leere Zeit. Sie sinniert:
«Ich bin sehr naturverbunden und möchte einfach gerne die Natur beobachten und daraus selber meine Schlüsse ziehen. Die Natur als Lehrerin interessiert mich, und auch der spirituelle Aspekt dabei. Wir haben einen naturnahen Garten. Da will ich einfach sein, in diesem harmonischen Chaos, und schauen, was mir begegnet, was ich mit meinen Sinnen aufnehmen kann, was mir gezeigt wird. Sitzen oder zu Fuss unterwegs sein – langsam, beobachten. Vielleicht auch den Informationswahnsinn vermindern oder für mich ganz abstellen. Das ist doch ein grosses Zukunftsprojekt!»
Sie hat sich gerade selbst überzeugt, und es scheint, als schaue sie freudig und voller Neugier in die Zukunft.
Im April 2026 übergibt Esther Ramirez ihr Amt als Stadtschreiberin von Wädenswil ihrem Nachfolger Oliver Küng. Sie tritt per Ende April 2026 in den Ruhestand. Seit Januar 2019 hat sie die Geschicke des Stadthauses geleitet und diverse Projekte, wie die aufwändige Digitalisierung, durchgeführt. Nun freut sie sich auf eine ruhige und unverplante Zeit.
Text: Ingrid Eva Liedtke
Bild: zvg
Esther Ramirez wohnt in Stäfa und geniesst jeden Morgen ihren schönen Arbeitsweg mit dem Kursschiff über den See.
«Zehn Minuten, in denen ich nichts mache», sagt sie mit einem Lächeln, als ob sie gerade an die morgendlichen Stimmungen auf dem See denkt, die jeden Tag ein wenig anders schön sind. «Sonst bin ich immer auf Draht. Kaum bin ich hier im Stadthaus, geht es los.»
Die umtriebige Frau liebt ihren Beruf als Stadtschreiberin von Wädenswil. Er füllt sie sehr aus, wie sie sagt, und sie weiss noch nicht, wie es sich anfühlen wird, wenn sie dann im Mai pensioniert ist.
Personalchefin und ein offener Mensch
Esther Ramirez ist als Stadtschreiberin die Personalchefin der 380 städtischen Angestellten. Das sind alles verschiedene Menschen. Eine gute Zusammenarbeit ist ihr ein sehr wichtiges Anliegen.
Esther Ramirez beschreibt sich so: «Ich bin ein offener Mensch, liebe Gesellschaft und pflege gerne Beziehungen.»
Ihr Mann ist ein lateinamerikanischer Musiker, für den sie das Management macht.
Ramirez, die gerne kocht, aber froh ist, dass ihr Mann den Haushalt schmeisst, liebt den lebendigen Austausch in ihrem «Künstlerhaushalt», einem Ort vieler Gäste, die sie gerne bewirtet. Und so sind ihre Wochenenden ausgefüllt mit Einladungen und Besuchen sowie Ausflügen bei und mit Freunden oder den beiden Enkelkindern, zu deren Familie sie auch eine schöne Beziehung pflegt.
«Ich habe kein eigentliches Hobby, aber ich bin gerne am See, bin ein richtiges Seemeitli und schwimme viel», erzählt sie und fügt lachend an: «… aber nur in warmem Wasser. Eisbaden ist nichts für mich.» Wenn dann noch Zeit bleibt, liest sie gerne oder verrichtet Gartenarbeit. Aber manchmal sitzt sie gerne allein in ihrem wilden Garten, ohne etwas zu tun, und beobachtet, was sich da allenfalls ereignet. Sie erlaubt sich dann den Blick für die kleinsten Bewegungen und kleinen Dinge und wird belohnt mit schon fast mystischen Wahrnehmungen. «Plötzlich bewegt sich aus dem Nichts ein Blatt oder eine Pflanze neigt sich leicht zu mir hin – ohne den leisesten Windhauch», raunt sie.
Das Amt der Stadtschreiberin
Die Aufgaben einer Stadtschreiberin in Wädenswil umfassen laut offizieller Beschreibung die operative Leitung und Führung der Stadtverwaltung, die Sicherstellung der gesetzmässigen und bürgernahen Verwaltungsprozesse, die Vor- und Nachbereitung der Geschäfte für die Sitzungen des Stadtrats sowie die Teilnahme mit beratender Stimme. Es gehört auch die Führung der Zentralen Dienste mit den Stabstellen Rechtsdienst, Personaldienst, Informatik sowie Informationsverwaltung und Kommunikation dazu. Weiter führt sie die Abteilungsleitung Präsidiales sowie die übrigen Abteilungsleitungen in personellen und administrativen Belangen. Oft hat sie zudem die Leitung von organisationsübergreifenden Projekten inne.
Sie lacht, wenn sie diesen Beschrieb hört, und fügt an, dass dies wirklich viele Aufgaben seien, die tatsächlich manchmal anspruchsvoll seien, da es auch darum gehe, viele verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Charakteren und Befindlichkeiten zu einer guten Zusammenarbeit zu motivieren.
«In der Stadtverwaltung arbeiten 380 Personen, die ich nicht alle direkt führe. Ich bin die Personalchefin. Aber natürlich gibt es dazwischen Hierarchiestufen. Die gute Zusammenarbeit ist die Basis. Wir arbeiten an Themen wie Wertschätzung und Kultur beim Arbeiten (Unternehmenskultur), auch Humor und Herzlichkeit sind mir sehr wichtig. Ich will den Menschen im Fokus haben und eine Politik der offenen Türe betreiben. Jede und jeder, der hier arbeitet, ist genau gleich wichtig. Probleme will ich, wenn möglich, auf der Sachebene lösen. Was von mir kommt, ist das Organisationsübergreifende – das geht alle etwas an.»
Digitalisierung und KI
Esther Ramirez’ Zeit im Stadthaus Wädenswil war geprägt von einer grossen Digitalisierungsphase.
«Man kann Papierprozesse nicht so einfach digital übertragen, ohne umzudenken. Es braucht neue Standardisierungen. Die digitalen Prozesse sind weniger flexibel. Auch die Ablage ist digital. Die ganzen Abläufe, das Einrichten der neuen Prozesse, waren eine grosse Herausforderung – jeder kleinste Schritt musste neu gedacht werden.»
Sie sieht in der Digitalisierung ihr grosses Projekt, das sie in den Jahren im Wädenswiler Stadthaus verwirklicht hat – ein komplexes und anspruchsvolles Unterfangen.
«Durch die neuen Abläufe entwickelten sich auch verschiedene Funktionen weiter. Die Personaldienste wurden professionalisiert. Die ganze Digitalisierung brauchte weitere Ressourcen, was dazu führte, dass neue Stellen aufgebaut werden mussten.»
Als weitere Herausforderung wartet nun schon ein KI-Projekt, das in die Zukunft reicht. Die ganze Informationsverwaltung verlange nach speziellen Tools, denn mit diesen sensiblen Daten könne man nicht einfach ChatGPT nutzen.
«Wir machen nun bei einem Pilotprojekt von egovpartner (E-Government) mit, das die Beschaffung und Einführung von KI-Basisdiensten beinhaltet. Wichtig dabei ist eine sichere und datenschutzkonforme Infrastruktur (KI-Plattform), die den Gemeinden und Städten zur Verfügung stehen wird – eine sehr komplexe Angelegenheit.»
Weitere Projekte und Erfolge
Bei der Frage nach weiteren Projekten muss Esther Ramirez eine Weile überlegen. «Ich kann jetzt gar nichts so aus dem Stegreif nennen. Ich habe so viel gearbeitet. Vielleicht bin ich da manchmal auch zu bescheiden.»
Sie überlegt. «Es ist schwierig zu sagen, was mir besonders gelungen ist. Besonders am Herzen lag mir immer, diesen Spirit auszustrahlen, dass mir jeder Einzelne ein Anliegen ist.»
Schliesslich erinnert sie sich doch an Verbesserungen, die sie durchgebracht hat, wie zum Beispiel, dass die Stadtverwaltung ein Case Management bei Langzeitkrankheit eingeführt hat, das auch eine Wiedereingliederung beinhaltet. «Wir haben eine Zusammenarbeit mit einer Einrichtung aufgegleist. Da dürfen sich Mitarbeitende bei Problemen und Anliegen melden.»
Auch die Umkleidezeit sei ein Thema gewesen, das es anzuschauen galt. Jetzt gehört die Umkleidezeit zur Arbeitszeit. Die Themen «Arbeitssicherheit» und «Gesundheitsschutz» seien wiederbelebt worden.
«Es gibt so vieles zu nennen diesbezüglich: Treppengeländer, Putzmittel, Absturzsicherungen, Schutz vor den Fenstern im Bürobereich. Auch für Mitarbeitende, die anders manuell arbeiten, zum Beispiel bei der Gas- und Wasserversorgung, der Kehrichtverarbeitung und des Recyclings, braucht es Vorkehrungen.»
Sie schlussfolgert: «Der Job ist wahnsinnig vielseitig. Ich komme mit sehr vielen Themen in Berührung. Ich lernte das alles auch schon in der Ausbildung, habe dort einzelne Fachthemen schon durchgearbeitet. Unterdessen ist die Weiterbildung ‹Gemeindeschreiber› mehr auf Führung fokussiert.»
Esther Ramirez’ grösster Erfolg – sie erinnert sich wieder – war der Sieg im Streit um die Kirchenglocken, ein Lärmschutzthema. Es ging darum, ob die Kirchenglocken nachts schlagen dürfen. Es gab Beschwerden.
«Ich liess Lärmmessungen durchführen und legte sie dem Stadtrat vor und beantragte, dass die Glocken weiterschlagen dürfen. Der Stadtrat beschloss dies gemäss Antrag. Dann wurde der Fall weitergezogen bis vor Bundesgericht. Da zeigte sich, dass mein Antrag und der Stadtratsbeschluss wasserdicht waren. Ich sah die Kirchenglocken als Kulturgut und argumentierte damit, dass das nächtliche Läuten sogar manchen schlaflosen Menschen Struktur gebe. Man muss wissen, dass ein gekipptes Fenster ein Menschenrecht ist. Trotzdem wurden die Lärmgrenzen durch das Läuten nicht überschritten.»
Es gebe auch vieles, das von aussen an die Verwaltung herantrete, wie zum Beispiel die Gemeindeordnung, die 2020/2021 neu geschrieben werden musste oder die gesetzliche Grundlage für elektronische Verwaltungsverfahren, die ab 2027 auch der Bevölkerung zur Verfügung gestellt werden müssen.
«Als ich neu als Stadtschreiberin begonnen hatte, wurde gerade die Fusion umgesetzt. Das war für die Verwaltung auch eine grosse Herausforderung. Und dann folgte Corona!»
«Wenn sich die Zusammensetzung im Stadtrat ändert, gibt das jedes Mal Bewegungen. Die Verwaltung arbeitet für den Stadtrat und natürlich auch für die Bevölkerung. Nun geht auch noch der Präsident. Das bringt immer Wandel. Einzelne Abteilungsleitungen bekommen dann möglicherweise einen neuen Vorstehenden, und jeder Einzelne ist in seiner Art prägend.»
Menschliche Anliegen
Obwohl Esther Ramirez all diese Projekte, Herausforderungen und Erfolge freuen, sind ihr die menschlichen Anliegen genauso wichtig – die Mitarbeitenden und deren persönliche Fähigkeiten. Von sich selbst als Vorgesetzte erwartet sie Offenheit und Zugänglichkeit für Probleme der Mitarbeitenden und das gemeinsame Finden von passenden Lösungen.
Politische Ausrichtung
Esther Ramirez sieht ihren Job als neutral an.
«Es gibt Gemeindeschreiber, die sich politisch engagieren. Ich persönlich finde das schwierig. Ich muss den Stadtrat ja in rechtlichen Fragen beraten. Meiner Meinung nach ist es besser, wenn das möglichst neutral vonstattengeht. Natürlich bringt jeder Mensch immer seine Tendenzen mit ein. Aber ich finde, es braucht da eine Abgrenzung.»
Fällt es schwer aufzuhören?
Der Stadtschreiberin Esther Ramirez fällt es schwer, ihren Job und die vielen interessanten Aufgaben niederzulegen. Sie ist ambivalent, was ihre Pension betrifft.
«Ich liebe meinen Job und vor allem die Menschen, mit denen ich arbeite. Aber ich habe mit 16 mit einer Lehre begonnen zu arbeiten. Ich arbeite jetzt also schon 49 Jahre lang, und vorher absolvierte ich die Volksschule. Nun kommt eine Zeit ohne Struktur, die ich selber gestalten kann. Darauf freue ich mich schon, auch wenn ich noch nicht so genau weiss oder wissen will, wie es sich anfühlen wird.»
Pläne
Es gebe keine konkreten Pläne, denn diese würden die Tage schnell wieder füllen. Ramirez wünscht sich leere Zeit. Sie sinniert:
«Ich bin sehr naturverbunden und möchte einfach gerne die Natur beobachten und daraus selber meine Schlüsse ziehen. Die Natur als Lehrerin interessiert mich, und auch der spirituelle Aspekt dabei. Wir haben einen naturnahen Garten. Da will ich einfach sein, in diesem harmonischen Chaos, und schauen, was mir begegnet, was ich mit meinen Sinnen aufnehmen kann, was mir gezeigt wird. Sitzen oder zu Fuss unterwegs sein – langsam, beobachten. Vielleicht auch den Informationswahnsinn vermindern oder für mich ganz abstellen. Das ist doch ein grosses Zukunftsprojekt!»
Sie hat sich gerade selbst überzeugt, und es scheint, als schaue sie freudig und voller Neugier in die Zukunft.