Richterswil

Verstrickt und ab April zugenäht

Am letztjährigen World Wide Knit Day, dem 14. Juni 2025, fiel der Startschuss für die Richterswiler Openair-Ausstellung diesen April. Seitdem wird gestrickt, was das Zeug hält. Motto: bunt, bunter, Richti verstrickt.

Text & Bilder: Reni Bircher

Seit letztem Sommer wird also gestrickt, gehäkelt, gewoben – zuhause, aber auch in Gemeinschaft. Und wer gemeinhin vermutet, das sei doch «Frauenkram», der irrt – gewaltig. Seit November wird nämlich zum «Männerstricken» geladen, mit professioneller Begleitung.
Beim Treffen vom 30. Januar im Baggi-Kafi erhielt die Männerschar jedoch noch weitere Unterstützung: Mit etwas Verspätung trudelten «auffällig beschnauzte» Personen in der Lokalität ein und wurden mit Willkommensrufen und Klatschen begrüsst. Eine kleine Schar Frauen schloss sich der Strickgruppe an – mit angeklebten Schnurrbärten. Zwei davon sahen verdächtig nach Gemüsebürste aus, ein angemalter Bart liess befürchten, dass er die nächsten 20 Gesichtswäschen überdauert.
Die nun recht illustre Runde verteilte sich im Lokal, häkelte Kordeln, strickte bunte Quadrate oder liess sich von Fachmann oder Fachfrau anleiten und beraten. Beispielsweise von Adrian, der viele Jahre für Weihnachtsmärkte mit «Gloorreich» Strickwaren fertigte und verkaufte. Einerseits wird er bei dieser Aktion seine Wolle los, andererseits geniesst er das gemeinsame Tun und dass die Gemeinschaft etwas für das Dorf schafft.
In dieses Sinnieren, was das Stricken in Gesellschaft bewirken kann, erreicht Adrian ein Hilferuf seitens Andrea alias Andreas: «Ich chan das nöd ablupfe, es isch vill z’ äng!»
Auf die Rückfrage, wie sie «dass denn geschafft» habe, kommt zur Antwort ein Schulterzucken. Vom Nebentisch wirft Ursula alias Ursulus ein: «Also jetzt stellsch dich echli a ….»
Bei einigen Anwesenden hat seit der Schulzeit kein Strickwerk mehr das Tageslicht erblickt, umso interessanter, dass sie sich dem Projekt anschliessen wollen. Salopp findet denn Andrea/Andreas: «Wänn mer eus zum lisme rüeft, dänn chommed mir … wänn isch eigentlich s’Bierfäscht?»
Nun gut, soviel dazu.
Der Eifer, der hier von allen an die Wolle gelegt wird, ist aber schon beachtenswert, und die Stimmung ist ausgezeichnet. Spassfaktor hoch 2, denn Studien attestieren dem Stricken nicht nur eine entspannende Wirkung, sondern soll stressabbauend wirken, Ängste lindern und das Gehirn stimulieren.

Entdecken von Gemeinschaft

Im Laufe des Abends fielen nach und nach die falschen Schnurrbärte der Schwerkraft anheim – nur der aufgemalte Bart vermochte zu überdauern. Die Frauen berichteten, dass sie schon am Frauenstrickabend gewesen seien, am darauffolgenden Termin jedoch verhindert waren, deshalb sei das Männerstricken «infiltriert» worden.
Hansueli häkelte hochkonzentriert an einer roten Kordel, die länger und länger wurde. Er gehört zu einem der wenigen anwesenden Männer, welche das schon mal in der Schule gelernt haben. Gestrickt hat er deswegen trotzdem nie.
Wie sieht das bei den älteren Anwesenden aus, warum machen sie bei diesem Projekt mit? Pepe behauptete, nach ärztlichem Rat sei ihm ein Bier zum Stricken erlaubt worden; andererseits wäre er von seiner Frau dazu gezwungen worden … Über den Wahrheitsgehalt dieser Aussage darf spekuliert werden. Er sei «leicht genötigt» worden, gesteht Boris schmunzelnd, habe aber «total freiwillig» zugesagt. Inzwischen habe er die Häkelei im Griff, sei «total im Flow», deshalb habe nichts gegen einen weiteren Strickabend gesprochen.
Die hier entstandenen dicken Kordeln können für die Openair-Ausstellung um Geländer oder Astwerk gewickelt werden.
Santina alias Santino verfiel nach dem Frauenstricken ein wenig der wolligen Verführung und berichtete mit Begeisterung, was für tolle Anleitungen auf YouTube zu finden seien, weshalb ihr buntes Strickwerk einiges an Länge gewonnen hat. «Ich lisme jetzt eifach wiiter, bis öper seit ‹hör uf›». Es gibt ja genügend Bäume, die eingewickelt werden können. Claudia alias Claudio hatte seit 30 Jahren keine Stricknadeln mehr in den Fingern, hat aber sichtlich Spass und meinte, dass man Stricken irgendwie nicht verlerne.
Dany macht aus freien Stücken mit und erzählte, dass das erste Männerstricken eine tolle Sache gewesen sei, deshalb sei es für ihn keine Frage gewesen, ob er nochmals mitmachen wolle. Zudem sei er sehr gut instruiert worden, und sein Blick wanderte dabei Richtung Adrian.
André war das erste Mal beim Männerstricken. Ihn hatte eine Frauengruppe inspiriert, die beim Cinéglise während des Films gestrickt hätten. «Das isch dä Knaller gsi.»

Richterswiler für Richterswil

Laut Edi beteiligen sich sogar Schulklassen an dem Projekt und wollen auf dem Wisshusplatz ein Strickwerk umsetzen. Wie viele Menschen sich letztendlich für «Richti verstrickt» engagieren, ist ungewiss. Die Hoffnung ist natürlich, dass das Dorf möglichst bunt wird.
Die Anwesenden waren sich einig, dass die Lebendigkeit, die Aktionen und Veranstaltungen in der Gemeinde häufig von den Bewohnern initiiert und getragen werden. Ursula/Ursulus unterstrich dabei, wie praktisch und schön es doch sei, dass man in Richterswil zu Fuss oder mit dem Bus schnell und einfach an einer Veranstaltung teilnehmen oder spontan essen gehen kann. «Jeder hat heutzutage zu wenig Zeit, aber wenn ich hier etwas unternehmen kann, dann spart mich das doch enorm viel Zeit.» Ausserdem begegne man bekannten Gesichtern und muss sich nicht auswärts ins Getümmel stürzen.
Generell herrschte an diesem Abend im Raum eine entspannte und fröhliche Stimmung. Bis um 22 Uhr wurde Knäuel um Knäuel verstrickt, geredet und gelacht. Verarbeitet wird vor allem Restwolle, welche gerne weiterhin als Spende entgegengenommen wird, damit der Dorfkern im April möglichst bunt daherkommt. Auch weitere Lismerinnen und Lismer sind willkommen, egal ob Anfänger oder fortgeschritten. Ebenfalls gesucht werden Leute, welche dabei helfen, die Strickwerke in den zwei Wochen vor der Ausstellung an den verschiedenen Objekten anzubringen.

Nächstes (offenes!) Männerstricken: 5. März

Wolle und Wollreste können gebracht und abgeholt werden bei:
Rosa Träume, Dorfstrasse 5; Papeterie Köhler, Dorfstrasse 37.
Fertige Strickwerke können bis am 21. März in den beiden Geschäften abgegeben werden.
Gezielt ein eigenes Projekt umsetzen? Sehr gerne, aber bitte mit Sabina di Nunzio (Rosa Träume) oder Claudia Tanner (Papeterie Köhler) abstimmen was, wo, wie…

Richti verstrickt – Vernissage der Openair Strick-Galerie im Dorfkern: Samstag, 18. April.
Danach bleiben die Werke bis im Juni bestehen.

Weitere Infos: www.fachgeschaefte-richterswil.ch/richti-verstrickt oder bei den erwähnten ­Geschäften.

Teilen mit: