Wädenswil

Lesetandem+ in der Stadtbibliothek Wädenswil

Die Stadtbibliothek Wädenswil ist ein Ort der Bücher und des Lesens, ein Ort der Sprache. In Zusammenarbeit mit der Soziokultur wurde ein Projekt gestartet, das Migrantinnen und Migranten mit einheimischen Menschen zum gemeinsamen Lesen und Sprechen zusammenbringt. In diesem Lesetandem+ können fremdsprachige Menschen besser Deutsch lernen und in ihrem Mentor, ihrer Mentorin einen Menschen unserer Kultur kennenlernen.

Text & Bilder: Ingrid Eva Liedtke

Die Sprache ist für uns Menschen eine der ersten Möglichkeiten der Verständigung. Sie schafft den Boden, auf dem man sich begegnen und kennenlernen kann. Wenn man sich kennt und versteht, ist man sich nicht mehr fremd. Angst, Widerstand und Abgrenzung sind nicht mehr unbedingt nötig. Das Projekt Lesetandem+ ist ein tolles Projekt: Einerseits, um die deutsche Sprache besser zu erlernen, und andererseits, um die beteiligten Menschen miteinander zu verbinden.
Dies ist die Basis des Lesetandems+, das die Stadtbibliothek Wädenswil zusammen mit der Soziokultur (Rebekka Schwarz ist die Verantwortliche für das Lesetandem+) lanciert hat. Zusammengefunden hat man, wie Gwyneth Hughes, die Leiterin der Stadtbibliothek, erzählt, weil Migrantinnen und Migranten sich nach Möglichkeiten erkundigten, noch besser Deutsch zu lernen.
In den bereits bestehenden Sprachkursen gehe es mehr um Grammatik und Rechtschreibung. In ihrem – wie Gwyneth Hughes es nennt – «Herzensprojekt» liege der Fokus auf dem Sprechen und der Kommunikation. Zwei Menschen befassen sich mit derselben Thematik und schliesslich miteinander.
Gwyneth Hughes: «Wenn man sich mit jemandem unterhält, sich über Gelesenes und verschiedenste Erfahrungen im Leben austauscht, lernt man die Sprache schneller und einfacher – und man baut eine Beziehung auf», führt sie aus.

Praktisches und Organisatorisches

Praktisch und organisatorisch geht das so: Die Stadtbibliothek sucht Mentorinnen und Mentoren und bildet einen Freiwilligenpool. Deren Daten werden an die Soziokultur weitergeleitet, welche dann Tandems bildet. Den Mentorinnen und Mentoren werden die Daten der Migrantinnen und Migranten mitgeteilt. Diese nehmen Kontakt auf, um einen ersten Termin in der Stadtbibliothek zu vereinbaren. Auf Wunsch kann für das erste Treffen auch jemand aus dem Team der Bibliothek dabei sein. Die Treffen finden während der offiziellen Öffnungszeiten in der Stadtbibliothek Wädenswil statt.
Gwyneth Hughes sieht die Bibliothek als einen Ort der Begegnung, und es ist liegt ihr sehr viel daran, diesen mit Inhalt zu füllen.
Unterstützt wird sie von Nicole Kostezer, Mitarbeiterin und Partnerin bei der Planung von Projekten. Sie hat dasselbe begeisterte Leuchten in den Augen wie Gwyneth Hughes. Es wird schnell klar: Da sind zwei engagierte Frauen am Werk, die die Stadtbibliothek Wädenswil nicht nur als «Bücherausleihe» betreiben wollen. In der Bibliothek gibt es zahlreiche Sitzecken und räumliche Möglichkeiten, um es sich allein oder im Tandem gemütlich zu machen, in Büchern zu schmökern oder mit anderen ein Gespräch zu führen.

Integration

Nicole Kostezer zum Lesetandem+: «Damit diese Form von Integration gelingen kann, ist es sehr wichtig, jemanden aus dem Kulturkreis zu kennen, in dem man lebt, und mit dieser Person gute Erlebnisse zu haben. Das erleichtert das Lernen der Sprache, von Sitten und Gebräuchen und führt – wie wir beobachten konnten – auch dazu, dass Migrantinnen und Migranten schneller selbstsicherer und mutiger im Sprechen werden.»
Dazu Gwyneth Hughes: «Genau. Wir sind nicht Lehrpersonen und sie nicht Lernende, sondern es geht darum, eine Beziehung aufzubauen. Es geht um Sprachförderung, was auch Integrationsarbeit ist. Das ist ein ganz anderes Setting, als wenn sie auf Ämter gehen und sich dort verständigen müssen – auch wenn hier ebenfalls die Sprache im Fokus ist.»
Nicole Kostezer: «Aber auch solche Situationen können geübt werden. Ich kenne das Beispiel einer Frau, die mit ihrer Mentorin gewisse Situationen in der Schule oder beim Kinderarzt einüben konnte. Die Mentorinnen können sehr individuell arbeiten.»
Gwyneth Hughes: «Daraus ergibt sich eine gute Bandbreite von sprachlichen wie auch grammatikalischen Lernfeldern.»
Nun, da es schon einige Erfahrungswerte gibt, würde man die Tandems wohl eher «Sprachtandem» nennen – auch wenn das Lesen eine Rolle spielt, aber nicht nur.
Dasselbe Angebot gibt es auch für Kinder. Dort geht es tatsächlich darum, besser lesen zu lernen. Mentorinnen und Mentoren unterstützen Kinder, die von der Schule geschickt werden, beim Lesenlernen. Auch dabei spielt die Beziehung eine zentrale Rolle. Da sind sich die beiden Bibliothekarinnen einig: Erfolgreiches Lernen geschieht meist in einer guten Beziehung, damit ohne Druck gelernt werden kann.

Anforderungsprofil für Mentorinnen und Mentoren

Das Projekt Lesetandem+ beruht auf freiwilliger Basis. Die Muttersprache der Mentorinnen und Mentoren muss Deutsch sein. Zudem werden eine gewisse Flexibilität und Offenheit vorausgesetzt, weil man es mit Menschen aus einem anderen Kulturkreis zu tun hat. Es könne vorkommen – so Hughes –, dass jemand plötzlich einen Job gefunden habe oder einen Arzttermin wahrnehmen müsse und daher nicht zum vereinbarten Tandem-Treffen erscheine. Dafür wird um Nachsicht gebeten. Bei Schwierigkeiten jeglicher Art, auch wenn die Chemie nicht stimme, solle man sich an die Bibliothekarinnen wenden. Diese nehmen dann Kontakt mit der Soziokultur auf.
Gwyneth Hughes: «Wir sind die Ansprechpersonen. Wir helfen auch, wenn Material gefragt ist.»

Verständigung

Die Verständigung klappt immer irgendwie. Wenn die sprachlichen Grundkenntnisse – vor allem am Anfang – nicht reichen, verständigt man sich mithilfe von Google Translator, was gerade für wichtige Daten und Abmachungen hilfreich ist.
Nicole Kostezer: «Alle haben ein Handy und können direkt über WhatsApp kommunizieren, Termine vereinbaren oder sich abmelden. Das klappt gut.»

Regelmässige Treffen und Freundschaften

Die Lesetandems treffen sich meistens einmal pro Woche. Aber das ist kein Muss.
Die beiden Frauen erzählen von Freundschaften, die so entstehen können.
Nicole Kostezer berichtet begeistert: «Wir haben ein Ehepaar, das sich mit einem Paar aus der Ukraine trifft. Sie verstehe sich so gut, dass sie nun auch privat etwas unternehmen möchten.»
Gwyneth Hughes bestätigt: «Ja, diese Menschen sind bereit, sich auf eine andere Kultur einzulassen – auf Menschen aus der Ukraine, aus Afghanistan, Iran oder dem Irak. Das sind andere Kulturen, aber die Menschen, die hierher flüchten mussten, wollen sich integrieren. Sie sehen, dass sie das stärkt und ihnen weiterhilft. Deshalb sind sie sehr motiviert.»
Nicole Kostezer: «Sie haben auch Kinder, die hier in der Schule sind. Sie wollen Teil unserer Gemeinschaft sein. Wenn wir das mit dem Lesetandem+ erleichtern können, ist das Ziel erreicht. Wenn dann noch Freundschaften entstehen, ist das wunderbar!»

Alle können lernen

Man ist sich einig, dass alle Beteiligten etwas lernen können. Gwyneth Hughes erinnert sich an einige berührende Momente. Sie erzählt von zwei Frauen, die sich über Frauenthemen unterhielten oder es sich gemeinsam auf Yogamatten bequem machten, um Bilder von verschiedenen Gerichten anzuschauen. Jede Seite kann voneinander lernen.
Gwyneth Hughes: «Das geht weit über die Sprache hinaus – auch wenn die Sprache das entscheidende Verständigungsmittel ist.»
Nicole Kostezer sieht diese Beispiele als Metapher dafür, wie einfach Menschen voneinander lernen, wenn sie durch Emotionen verbunden sind.
Diese menschlichen Begegnungen sind Hughes wie Kostezer ein zentrales Anliegen ihrer Arbeit in der Stadtbibliothek Wädenswil. Viele ihrer Projekte, wie zum Beispiel auch das «Erzählcafé», drehen sich um dieses Thema: Die Bibliothek soll ein Begegnungsort sein – ein dritter Ort, an dem man sich gerne aufhält. Ein Ort, an den man hingehen kann, weil man sich wohlfühlt und nichts tun muss. Das schliesst auch soziale Herausforderungen ein.

Freiwilligenarbeit

Für das Lesetandem+ wurden problemlos Mentorinnen und Mentoren gefunden. Sie arbeiten alle auf freiwilliger Basis. «Das ist glücklicherweise kein Problem. Für das Lesetandem+ haben wir jetzt zehn, bei den Kindern zwölf Freiwillige im Einsatz», so Hughes
Das Lesetandem+ läuft seit Herbst 2025 und soll noch ausgebaut werden. Migrantinnen und Migranten erfahren davon durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Kürzlich gab es ein Treffen mit Apéro für alle Freiwilligen.
«Wir arbeiten auch an einem Freiwilligenkonzept, denn es ist uns ein Anliegen, dass sie sich und ihre Arbeit als wertgeschätzt empfinden. Es ist immer ein Geben und Nehmen. Sie geben ihre Zeit und ihr Wissen, und wir laden sie dann einmal zu einem Essen oder einem Treffen ein, überreichen ein kleines Geschenk. Und wir wollen sie gut begleiten, auch mit Material», sagt die Bibliotheksleiterin weiter.
Kostezer bestätigt: «Der Austausch am Freiwilligen-Apéro wurde sehr geschätzt. Und das Projekt gibt den Freiwilligen auch das gute Gefühl, etwas Sinnstiftendes zu tun. Mit ihrer Arbeit tragen sie die Bibliothek nach aussen und vermitteln dieses neue Bild der Bibliothek als Ort der Begegnung.»

Ein Ort der Begegnung

Die Stadtbibliothek Wädenswil als Ort der Begegnung und Safe Place für alle – das ist wahrlich eine neue oder zumindest erweiterte Vorstellung von einem Haus, das früher vor allem den Büchern gehörte.
Das «Miteinander lesen und sprechen als Beitrag zur Integration von vormals ‹Fremden›» – das ist eine schöne Vision!
Gwyneth Hughes, die Bibliotheksleiterin, kann sich keinen schöneren Job als den ihren vorstellen. Sie hat Germanistik, Kunstgeschichte und Kulturmanagement studiert.

gwyneth.hughes@waedenswil.ch

Nicole Kostezer ist gelernte Primarlehrerin und hat bis vor ein paar Jahren noch unterrichtet. Jetzt arbeitet sie in der Bibliothek und unterstützt Gwyneth Hughes bei der Planung und Durchführung von Projekten. Sie empfindet ihre Arbeit als sehr befriedigend und vielseitig.

nicole.kostezer@waedenswil.ch

Teilen mit: