Richterswil

Möbelschleppen für einen guten Zweck

Seit dem Ausbruch des Ukrainekrieges haben die Arbeiter im Beschäftigungsprogramm des Asylbereichs alle Hände voll zu tun: sie richten nebst ihren sonstigen Aufgaben zusätzlich Unterkünfte für Schutzbedürftige mit gespendeten Möbeln ein. Der Richterswiler Anzeiger hat sie dabei begleitet.

Text & Bilder: Reni Bircher

Am Morgen noch waren die Arbeiter des Beschäftigungsprogramms mit ihrem sieben Meter langen blauen Bus unterwegs, um Möbel abzuholen und im Lager abzuladen. Am Nachmittag wird eine Wohnung eingerichtet, die zwei Tage später von einer sechsköpfigen Familie bezogen werden soll, Flüchtlinge aus der Ukraine.
Silas Hunziker ist Zivildienstleistender und seit Januar hier in Richterswil im Asylwesen tätig. Nach der Winterpause beginnt er sein Psychologie-Studium. Als sich der Flüchtlingsstrom aus der Ukraine in Bewegung setzte, war die Gemeinde für die Einrichtung von entsprechenden Unterkünften mehr denn je auf Möbelspenden angewiesen. Ursprünglich wäre es die Aufgabe des Zivis gewesen, eine Inventarliste über die Sachspenden zu führen. Diese sind inzwischen so zahlreich, dass dafür keine Zeit mehr ist: «Vor der Ukrainekrise haben wir ein-, zweimal pro Woche Möbel geholt, haben für die Gemeinde Karton und Abfall entsorgt – einfach so kleinere Aufgaben, die wir erledigt haben», führt der junge Mann aus. Durch den Online-Aufruf der Gemeinde für die Möbelspenden, sind die Arbeitseinsätze deutlich gestiegen. «In den ersten zwei Tagen haben sich über dreissig Leute gemeldet, die etwas spenden wollten», freut sich Silas. Inzwischen ist der blaue Bus beinahe täglich auf Achse.

Den Überblick behalten

In den Büroräumen an der Breitenstrasse stapeln sich Bettdecken und -kissen, Bettwäsche, Zierkissen und vieles mehr, das nach Bedarf gleich hier für die nächste Einrichtung zusammengestellt wird. Kleidung, Spielsachen und so weiter gehen in den Laden von Oksana Endres. «Am Vormittag hat ein Arbeitskollege schon alle Möbel im Lager bereitgestellt für die Wohnung, die wir nachher einrichten werden», erklärt Silas. Ebenso Geschirr und Küchenutensilien, das benötigte Bettzubehör und Frotteewäsche steht in Taschen parat.
Kurz bevor wir die Büroräume des Asylbereichs verlassen, kommt ein Mann hinzu, der freudig berichtet, dass er in den kommenden Tagen einen Arbeitsvertrag unterschreiben kann. Vor wenigen Wochen wurde ihm die Aufenthaltsbewilligung erteilt, und er fand schon kurz danach eine Anstellung in einem Restaurant. Seine Freude darüber wird von allen Anwesenden geteilt und er wird von Herzen beglückwünscht.
Mit dem blauen Ungetüm und zwei freiwilligen Helfern geht es Richtung See zur angemieteten Garage, die als Lager dient. Dort verstauen die Männer die vorbereiteten Möbel im Laderaum des Busses. «Wir ordnen im Lager die Sachen so gut wie möglich, wenn wir sie bis zu ihrem Gebrauch abladen», erklärt Silas das Vorgehen. «Wir haben dabei einen groben Überblick und können recht gut beurteilen, ob wir die benötigten Gegenstände zur Verfügung haben, die für die Einrichtung von einem Zimmer oder einer Wohnung benötigt werden».
Dass die Gemeinde auf den Kauf von Möbeln verzichtet, findet Silas gut: «Ich persönlich finde das super, denn gerade in der heutigen Zeit von Ressourcenknappheit, dem Grundgedanken von Nachhaltigkeit und dem Entgegenwirken einer Wegwerfgesellschaft, ist die Wiederverwertung der Ware wirklich wichtig», ereifert sich der junge Mann. Ausserdem würden sich die Leute darüber freuen, wenn ihre Sachen noch weiter verwendet würden.
Der Transporter ist voll, eine zweite Fahrt wird später für die kleineren Sachen nötig sein. Es geht also weiter, Richtung Feuerwehrdepot.

Mitdenken und mitmachen

Dort ist eine Wohnung frei geworden, die noch genutzt werden kann, bis es zum Neubau des Feuerwehrgebäudes kommt. Ein Esstisch, das Sofa und eine komplette Elternschlafzimmereinrichtung wurden von den Vormietern gleich dem Asylbereich überlassen. Ein Glücksfall. «Ich bin zuständig für die Einrichtung und Bereitstellung der Zimmer oder Wohnungen für Flüchtlinge», erzählt Silas Hunziker. Den Geflüchteten soll der Grundbedarf an Möbeln, Bettwäsche, Frotteewäsche, Geschirr und ein Minimum an Kochutensilien zur Verfügung stehen. Dazu muss er wissen, wie viele Leute die Räumlichkeiten beziehen werden und nach Möglichkeit deren Alter. «Ich weiss, dass bei der Familie, die hier einziehen wird, schulpflichtige Kinder sind, also muss ich darauf achten, dass sie ein Schreibpult im Zimmer haben werden». Weil die Zimmer recht klein sind, wird ein Stockbett aufgebaut für zwei Kinder, damit sie den Raum darunter zum Spielen und Arbeiten nutzen können. «Wir machen es so gut, wie es eben möglich ist, aber schliesslich ist es auch kein Wunschkonzert», erklärt der Zivi. «Wir schauen mit den Leuten vorzu, was sie noch benötigen oder was anders gestellt werden muss, das ist kein Problem».

«Cooler Kreislauf»

In Richterswil gibt es schon seit 1990 ein Beschäftigungsprogramm für Asylsuchende. Das sind Leute, die noch auf ihren Asylentscheid warten und dann bessere Chancen für eine Arbeitsbewilligung haben. Sie helfen im Beschäftigungsprogramm gemeindeeigene Aufgaben zu erledigen. Müssen beispielsweise in einer Schule Räumungsarbeiten oder ein Umzug vorgenommen werden, kann sich die Schule an das Beschäftigungsprogramm wenden, um kein externes Unternehmen anstellen zu müssen. «Das finde ich eine super Sache», erklärt Silas, «denn mit diesen Aufgaben haben die Leute eine Beschäftigung und verdienen sich ein ‹Taschengeld› dazu, die Gemeinde muss nicht zusätzliches Personal engagieren, und den Menschen, welche die Hilfe beanspruchen, ist auch gedient. Somit profitieren alle von diesem Arrangement».

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