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Das Leben auf einer Wohngruppe zu Corona-Zeiten

Wie lebt es sich auf einer Wohngruppe der Stiftung Bühl, wenn sie corona-bedingt zu einem fast geschlossenen System wird? Wie gehen die Bewohner mit den verschiedenen Vorschriften, wie Maskentragen, Hände desinfizieren, Abstand halten, um?

Text und Bilder: Ingrid Eva Liedtke

Wir haben Florian Schoch, Wohngruppenleiter der Stiftung Bühl, befragt und Juliette Smayra, 19 Jahre alt, die auf der Wohngruppe Fuchsbau wohnt.

Herr Schoch, wie sieht das Leben auf den Wohngruppen zu Zeiten der Coronakrise aus?
Es herrscht, wie auch vor der Krise, eine lebendige Stimmung unter den Jugendlichen auf unserer Wohngruppe. Unsere Bewohnenden stören sich zwar an einzelnen Schutzmassnahmen, jedoch ist Corona für sie nicht das Hauptthema. Vielmehr stehen für sie ihre eigenen unmittelbaren Bedürfnisse im Vordergrund. Grundsätzlich kann man sagen, dass alles, wie ja auch in allen anderen Bereich des Zusammenlebens, ein bisschen komplizierter geworden ist. So mussten etwa diverse Abläufe im Wohnbereich überdacht und der aktuellen Situation angepasst werden.

Wie schwierig sind Schutzmassnahmen durchzusetzen? Wie schwierig ist das Abstandhalten für die Bewohner und Bewohnerinnen?
Die Jugendlichen sind entsprechend ihren Möglichkeiten sehr bemüht die Schutzmassnahmen einzuhalten. Es ist toll, wie viel Verständnis sie für die Situation aufbringen und wie kooperativ sie sich im Alltag verhalten. Es braucht jedoch viel Präsenz durch die Mitarbeitenden, um sie darin zu unterstützen. So muss darauf geachtet werden, dass Masken korrekt getragen und regelmässig gewechselt, die Hände regelmässig gewaschen und desinfiziert und Abstän­de eingehalten werden. Einzelnen Jugendlichen, gerade solchen, die ein wenig ausgeprägtes Nähe-Distanz-Empfinden haben, fällt das Einhalten der Abstandsregelung immer wieder mal schwer. Dies erfordert ebenfalls Präsenz und ein stetiges Thematisieren und Einfordern durch die Betreuenden.

Was sind Schwierigkeiten? Sind diese verschieden gelagert, je nach Person?
Wie erwähnt zeigen die Jugendlichen sehr viel Verständnis für die Situation und sind bemüht die Schutzmassnahmen einzuhalten, auch wenn sie deren Sinn nicht immer nachvollziehen können. Natürlich sind individuelle Unterschiede hinsichtlich der Einhaltung von Schutzmassnahmen feststellbar. So müssen z.B. einzelne Jugendliche vermehrt darauf hingewiesen werden die Maske korrekt zu tragen, andere wiederum im zwischenmenschlichen Kontakt ihrem Gegenüber nicht zu nahe zu kommen etc.

Leiden die Bewohner unter der Isolation?
Auf unserer WG leben Jugendliche mit individuell sehr unterschiedlichen kognitiven und emotionalen Entwicklungsstadien und entsprechend damit einhergehenden Bedürfnissen. Es gilt in Bezug auf Aussenkontakte ständig eine vertretbare Balance zwischen individuellen Freiheiten (z.B. bei stark Peergroup orientierten Jugendlichen) und Schutz von Mitbewohnenden, insbesondere von solchen, die zur Risikogruppe gehören, herzustellen.
Aktuell ist es so, dass sich die Jugendlichen von verschiedenen WG’s gegenseitig besuchen dürfen. Dies ist im Hinblick auf die sozialen Kontakte unserer Klientinnen und Klienten sehr erfreulich. Unsere Jugendlichen fühlen sich aktuell sozial nur wenig eingeschränkt. Auch in der Schule haben sie dadurch, dass die Klassen anders als die WG›s zusammengesetzt sind, verschiedene soziale Kontakte. Die Aufenthalte zu Hause an den externen Wochenenden und während der Schulferien konnten während der gesamten Corona-Pandemie immer planmässig stattfinden.

Wie beschäftigen sich Bewohner und Betreuende? Was ist an Freizeitgestaltung möglich? 
Dies war insbesondere während der Zeit, als die Schulen geschlossen waren, eine Herausforderung. Durch die enge Zusammenarbeit mit den Lehrpersonen unserer heilpädagogischen Schule war es möglich eine Tagesstruktur in Form von Home Schooling und begleiteten Einsätzen in Betrieben aufrecht zu erhalten. Zudem haben wir diverse Aktivitäten in und ums Haus und in der Natur unternommen. Die Begeisterung der Jugendlichen für zum Beispiel einfache Ausflüge mit Bräteln zu sehen, ist schön und motiviert uns für unsere Arbeit. Vereinzelt können aktuell Sportangebote mit reduzierter Teilnehmerzahl wieder stattfinden. Dadurch, dass zum Beispiel der bei den Jugendlichen beliebte FC Bühl noch nicht trainieren kann, besteht natürlich bei Einzelnen ein Bewegungsmangel. Diesem versuchen wir entgegenzuwirken, indem wir vermehrt Spaziergänge und Ausflüge anbieten.

Wie viele sind auf den Gruppen geblieben, respektive ganz nach Hause zu den Eltern gereist? Wie kommen die Familien klar mit der Zusatzbelastung?
Während der Schulschliessung im letzten Jahr, war es den Eltern freigestellt, ob sie ihre Jugendlichen zu Hause betreuen wollen. Von den sieben Jugendlichen auf unserer WG waren jeweils drei bis fünf anwesend. Seit die Schulen wieder geöffnet sind, ist unsere WG wieder vollständig besetzt. Dadurch, dass wir als systemrelevant eingestuftes Betreuungsangebot die Betreuung unserer Jugendlichen auch anbieten konnten, währenddem die Schulen geschlossen waren, hoffe ich, dass wir deren Familien in dieser speziell herausfordernden Situation entlasten konnten. Die Betreuung schulpflichtiger Kinder inklusive Home Schooling, währenddem man gleichzeitig selber arbeiten musste, war gesamtgesellschaftlich betrachtet, wie mir auch Eltern von Klientinnen und Klienten berichteten, eine grosse Belastung für Eltern.

Was sind die besonderen Herausforderungen für die Betreuenden? Wie geht es Ihnen damit?
Die Umsetzung der Schutzmassnahmen nimmt aktuell im pädagogischen Alltag viel Raum ein. Es braucht viel Energie seitens der Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen, um die Massnahmen aufrecht zu erhalten und bei Klientinnen und Klienten immer wieder Verständnis für die damit einhergehenden Einschränkungen in ihrem Alltag zu schaffen. Es ist aber auch sehr wichtig den Fokus auf andere Themen zu legen und eine positive Atmosphäre auf der Gruppe zu schaffen. Trotz allen Themen rund um Corona dürfen wir unsere Kernaufgaben, die Entwicklungsförderung unserer jugendlichen Klientinnen und Klienten, nicht vernachlässigen.

Was können wir lernen für die Zukunft?
Wir haben gemerkt, dass viele unserer Jugendlichen sehr viel Freude an weniger spektakulären Freizeitangeboten, wie Aktivitäten in der Natur, haben und dabei viel Spass haben können. Die durch den Lock Down erzwungene Abkehr von vermehrt konsumorientierter Freizeitgestaltung hat insofern durchwegs auch positive Aspekte. Wir werden auch in Zukunft vermehrt solche Angebote in unsere Programmgestaltung einfliessen lassen. Glücklicherweise hatten wir bisher auf unserer WG keine Corona-Erkrankungen. Die Umsetzung von Quarantäne- beziehungsweise Isolationsmassnahmen würden uns nochmals vor ganz andere Herausforderungen stellen.

INTERVIEW mit Juliette Smayra 
Juliette Smayra ist 19 Jahre alt und hat ein Down Syndrom. Sie lebt auf der Wohngruppe Fuchsbau der Stiftung Bühl. Wie ist es ihr geht, wie sie klarkommt mit den neuen von Corona bestimmten Regeln und damit, wie die Pandemie ihr Leben allenfalls einschränkt oder gar belastet, wollte ich von ihr wissen.

Juliette absolviert momentan die Ausbildungsstufe Gleis 1. Das Gleis 1 richtet sich an Jugendliche mit einer geistigen Behinderung, die eine engere Betreuung benötigen und eine nachschulische Perspektive im Bereich PrA (Praktische Ausbildung nach INSOS), im geschützten Rahmen oder in einer Tätigkeit an einem Beschäftigungsplatz ohne Leistungs- und Produktionsdruck, haben.
Jugendliche, welche das Gleis 1 besuchen, benötigen in der Regel noch zwei bis drei Jahre, damit sie gut vorbereitet in einer Anschlusslösung bestehen können. Sie sind auf ein schulisch-heilpädagogisches Förderangebot angewiesen und werden von einem Fachteam begleitet. Während des Aufenthaltes entwickeln sie ihre individuellen Kompetenzen in den Lernfeldern Schule, Arbeit und Freizeit.

Juliette, wie gefällt es Dir auf der Wohngruppe Fuchsbau zu wohnen?
Sehr gut!

Wie ist es da zu wohnen seit Corona?
Scheiss Corona! Ich mag es nicht, immer diese Maske zu tragen, vor allem nicht auch noch, wenn wir zusammen im Wohnzimmer sind. Und die ganze Zeit Hände desinfizieren finde ich auch blöd.

Juliettes Mutter erklärt mir, dass mit der Maske das Gesicht schwieriger zu lesen ist, was für Menschen mit gewissen sprachlichen Einschränkungen dann noch erschwerend ist.

Und Mami darf nicht mehr auf die Gruppe, in mein Zimmer kommen. Sie muss immer in der Garderobe warten.

Hast Du Angst vor Corona?
Nein, Angst habe ich keine, aber es nervt! Wenn wir in den Gemeinschaftsräumen sind, müssen wir immer Abstand halten.

Wurdet ihr auf der Gruppe aufgeklärt, hat man Euch erklärt, was Corona ist und warum man Abstand halten muss?
Ja, Herr Schoch, der Gruppenleiter, hat alles erklärt, das Maskentragen und die Massnahmen. Er hat auch einen Film gezeigt.

Wie gut kommst Du mit den Sicherheitsbestimmungen, wie zum Beispiel Maskentragen, Hände desinfizieren, Abstand halten, zurecht?
Gut, manchmal nervt es. Manchmal gibt es Streit, wenn mehrere zusammen auf dem Sofa sitzen wollen, beim Fernsehschauen. Manchmal gehe ich dann auch alleine in den Keller. Da kann man alleine Fernseh schauen. Aber es hat im Wohnzimmer auch einen Kachelofen, da kann man auch sitzen. Abstand halten finde ich nicht so schlimm, dass wir uns nicht umarmen dürfen. Das habe ich sowieso nicht so gerne.

Durftest Du an den Wochenenden immer nach Hause gehen?
Ja, ich durfte manchmal sogar jedes Wochenende nach Hause, normalerweise nur jedes zweite.

Was geht seit Corona nicht mehr? Was vermisst Du?
Ins Kino und ins Restaurant gehen. Ich möchte wieder einmal mit Freunden ins Kino gehen und zu Burger King oder McDonalds oder auch mit meinen Eltern und Geschwistern ins Restaurant. Ja, ich hätte mega Freude, wieder mal ins Kino zu gehen.

Fühlst Du Dich manchmal einsam oder ist Dir langweilig oder bist Du gar traurig, weil Du nicht viele Leute sehen kannst oder nicht viel unternehmen darfst?
Nein! Ich bin auch gerne alleine in meinem Zimmer und mache etwas für mich. Ich habe nicht so gerne viele Leuten und wenn es zu laut ist.

Was macht Ihr so auf der Gruppe zur Freizeitgestaltung und allenfalls Ablenkung?
Vor dem Wochenende besprechen wir das Programm, was wir unternehmen wollen. Also die, die am Wochenende auf der Gruppe bleiben. Wir chillen dann, machen Spiele. Manchmal mach ich das auch alleine auf meinem Zimmer. Wir gehen auch laufen. Ich nur, wenn der Hund dabei ist (Hund einer Betreuerin). Bei schönem Wetter gehen wir in den Wald. Wir haben auch schon Kartenlesen gelernt. Das war cool! Sonntags machen wir zusammen einen Brunch – mit Speck – und essen dann erst um 11.00 Uhr.

Bist Du froh, wenn Corona «vorbei» ist?
Ich freue mich unheimlich, wenn das Scheiss-Corona vorbei ist!
Letzthin bin ich im Waggerenhof in Uster schnuppern gegangen. Da musste ich einen Test machen.

War das unangenehm?
Nein.

Was hoffst Du, kann man bald alles wieder tun?
Ich hoffe, dass bald alles wieder offen ist. Restaurants und Kinos. 

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