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Geschichte und Geschichten – eine Grenzwanderung Teil 2

Und hier geht es weiter durch die neuen «Bergquartiere» von Wädenswil, wo sich in der Vergangenheit viel Spannendes ereignet hat. Wir wollen Ihnen diese Geschichte und Geschichten nicht vorenthalten. Wir nehmen Sie weiter mit auf unserer Grenzwanderung und beginnen an der Sihl.

Das Wiesland geht steil hinunter zum Wald, über Nagelfluhfelsen bis zur Sihl. Der Name des Flusses scheint sehr alt zu sein, aus der Zeit vor der Entstehung der indogermanischen Einzelsprachen herzurühren. Möglicherweise bedeutet der Name schlicht «Fluss». Wikipedia sagt, «Sihl» sei keltisch und bedeute «die Starke». Es scheint, dass der Flussname nicht näher gedeutet werden kann. Auf jeden Fall gehören die Flussnamen zu den ältesten einer Landschaft. 

Die Sihl entspringt am Nordosthang des Druesbergs. Bei Einsiedeln wird sie zum Sihlsee gestaut, dem flächenmässig grössten Stausee der Schweiz. Wo heute der Sihlsee liegt, gab es bereits vor 15 000 Jahren einen Natursee von sogar noch grösserer Fläche. Etwas unterhalb von Schindellegi verlässt die Sihl den Kanton Schwyz, fliesst ein Stück weit durch den Kanton Zürich und begrenzt ihn dann von Hütten bis Sihlbrugg gegen den Kanton Zug. In diesem Abschnitt liegen bei Schönenberg Stromschnellen, der sogenannte Sihlsprung. 

Ich bin zu ungelenk, um der Grenze nach im steilen Waldstück hinunter zu klettern und nehme deshalb den Weg entlang der Sihl zweimal unter die Füsse: einmal hin zum Sihlsprung, unserem Startpunkt, und einmal zurück. Mein Hund dankt es und apportiert wie wild Stöcke aus der im Sommer nicht allzu wasserreichen Sihl oder erschnüffelt mit Inbrunst an jedem Grasbüschel die Markierungen seiner Artgenossen. Der Wanderbericht unserer Stella würde wohl ganz olfaktorischer Natur sein. 

Am Sihlsprung befinden wir uns in der Wildnis. Hier kann die Sihl mit einem Sprung von Fels zu Fels überquert werden. Daher der Name. Die Nagelfluh türmt sich beidseitig hoch und lehnt sich schwer gegen Wiesenhänge und steil abfallende Bewaldungen. Der Wald steht dunkel in der Schattendämmerung, fein durchwirkt mit einzelnen Sonnenfäden und Lichtpunkten. Ein magischer Ort der Naturwunder und der schauerlich schönen Geschichten und Sagen. Lugt da nicht gerade ein Troll hinter diesem Stein hervor? Und wispern nicht die Elfen leise aus feuchtem Moos?

Als ob ein Riese beim Spiel Kieselsteine in den nahen Bach geworfen hätte, liegen mannshohe Findlinge im Flussbett, umfangen vom dunkelgrünen Gewässer, das in kleinen Strudeln um die Gesteinsriesen wirbelt. Ihr dickes Mooskleid tragen sie hier unten in der dunklen feuchten Kühle auch im Sommer. Allerhand Treibgut staut sich und baut sich auf zu eigenartigen Formationen. Mächtige Laubbäume säumen das Ufer, neigen ihre Äste übers schäumende Wasser, dessen Gischt auch ihre Stämme in moosgrüne Samtmäntel kleidet. Sand- und Strandbänke haben sich gebildet und laden zu Abenteuern in dieser Dschungelidylle ein. 

Die Sihl hat sich hier tief in die Molasse eingefressen. Von der schmalen Gitterbrücke aus staunen wir hinunter in tosende Urgewalten, während es unser Vierbeiner vorzieht sich möglichst schnell auf die andere Seite zu begeben und da auf uns zu warten. 

Wir folgen der Sihl auf der Zuger Seite hinauf bis zur Sihlmatt. Der Wanderweg führt durch eine natürliche und eine in den Fels gehauene Galerie sowie einen Tunnel. In kleinen ausgewaschenen Felshöhlen nisten Vögel. Von weit oben fällt ein im Sommer zahmer Wasserfall ins Gelände neben dem Weg. Im Winter gefriert er bei entsprechenden Temperaturen zu einem wunderbar imposanten Eisschloss. 

Beim Durchqueren des dunklen und feuchten Tunnels zieht man automatisch immer den Kopf ein, weil er zu niedrig für den aufrechten Gang scheint. Vorsichtig setze ich einen Fuss vor den andern. Nach dem Tunnel eröffnet sich eine Ebene wie Schwemmland zur Sihlmatt. Das gleichnamige Restaurant ist ein beliebtes Ausflugsziel für Forellenliebhaber – es gibt den Fisch blau oder gebraten. Es liegt bereits auf Zuger Boden. 

Flarzhäuser und stattliche Bauernhöfe
Nach der Sihlmatt queren wir nach einem kurzen Waldstück die Sihl wieder über den Suhnersteg. Die zwei Bauernhäuser links oben sind altehrwürdig. Das eine gut erhalten und gepflegt, das andere ist am Zerfallen, das Dach schon halb eingestürzt, obwohl es immer noch bewohnt ist. Die Bauernhäuser der Zimmerberg-Gegend sind meistens mächtige Riegelbauten mit separater Scheune oder kleinere Flarz­ensembles. Der Flarz besteht aus mehreren zusammengebauten Wohnhäusern. Das Dach läuft parallel zur Zufahrtsstrasse. Es ist wenig geneigt. «Flarz» war ursprünglich eine verächtliche Bezeichnung für das durch sein fast flaches Dach gekennzeichnete, bescheidene Kleinbauern- und Arbeiterhaus. Die besser begüterten Mittellandbauern und die gutgestellten Weinbauern schauten auf diese zusammengebauten Häuschen herab und verglichen sie – mit Fladen. 

Von den früher üblichen Holzkonstruktionen kam man ab, als die frühindustrielle Heimarbeit im ausgehenden 18. Jahrhundert aufkam und damit auch die Bevölkerung zunahm. In der Folge wurden neue Häuser gebaut und man ging zum holzsparenden Fachwerkbau über. Wenn wohlhabende Bauern für ihre Neubauten diese neue Wandkonstruktion wählten, dann spielten dabei auch psychologische Faktoren eine Rolle. Man wollte auf gleicher Rangstufe stehen, wie die reichen Weinbauern am See. Im 19. Jahrhundert wurde der Steinbau Mode. Es entstanden eine Reihe von steinernen Wohnhäusern, die nicht selten mit der Scheune zusammengebaut waren. Vielfach wurden auch die Wände älterer Riegel- oder Ständerbauten übertüncht, um ein vornehmeres Erscheinungsbild zu erzeugen. Darin widerspiegelt sich der Einfluss der reichen Seegemeinden. Bei vielen Häusern des Zimmerberg-Gebietes ist festzustellen, dass man Rücksicht auf klimatische Begebenheiten nahm. Wenn möglich orientierte man die Stube nach Süden. Die Mauer der Wetterseite wurde oft um etwa einen Meter über die anstossende Wand hinausgebaut, sodass ein Windschutz entstand. Häufig kommen Klebdächer und Stirnbretter vor. 

Auch schöne Bauerngärten sind ab und an noch auszumachen. Sie erleben immer wieder mal ein Revival. Ihr Sortiment ist seit Jahrhunderten dasselbe: Sonnenblumen, Phlox, Salbei, Wermut, Basilikum, Lavendel, Rosmarin, Fenchel, Dill, Minze und Kamille – alles Küchenkräuter. Ferner gehören Gemüserabatten mit Schnittlauch, Peterli, Stangenbohnen, diversen Kohlarten und Salaten dazu. Mitte des 19. Jahrhunderts hat die Freude an schönen Gärten zugenommen und es kamen Blumen- und Rosengärten dazu. Oft sieht man auch die typischen Buchsumrandungen der Beete, denen momentan allerdings der Zünsler den Garaus macht. Die Gärten waren immer durch den Lebensstil und die Bedürfnisse ihrer Besitzer geprägt. 

Am Teufenbachweiher
Nachdem wir nun den Suhnersteg überquert und die Flussseite gewechselt haben, folgen wir der Sihl weiter bis zum Elektrizitätswerk. Das Kraftwerk Waldhalde wurde 1893 bis 1895 erbaut durch die AG Elektrizitätswerk an der Sihl. Die junge aufstrebende Industrie am linken Seeufer brauchte dringend billige Energie. Die Dorfbäche von Wädenswil waren zu wenig ergiebig. So kam man auf die Sihl: Das Gefälle zwischen der Hüttner Säge und dem Sihlmätteli von rund 70 Metern müsste sich nutzen lassen. Wädenswiler Industrielle gründeten eine Gesellschaft, um bei der Waldhalde ein Kraftwerk zu bauen. Der damalige Glaube an die Zukunft war gross und die 1400 Aktien zu 500 Franken für die Gründung der Aktiengesellschaft waren schnell verkauft. 

Zum Betrieb der Anlage wird Sihlwasser von Hütten her durch einen 2,2 km langen Stollen in den dafür ausgehobenen Teufenbachweiher geleitet. Das Kraftwerk nutzt dann die 72 Meter Höhenunterschied zum Turbinenhaus in der Waldhalde. Das entspannte Wasser wird anschliessend wieder der Sihl zugeleitet. 1908 ging das Werk im neu gegründeten Elektrizitätswerk des Kantons Zürich (EKZ) auf. 1965/66 wurde das Maschinenhaus total umgebaut und eine Turbine mit 2700 Kilowatt Leistung mit Drehstromgenerator für automatischen Betrieb eingebaut. 

Von der Waldhalde aus führt die Grenze direkt durch den Wald und das Unterholz weiter der Sihl entlang. Wir folgen dem Strässchen hinauf zum Teufenbachweiher. Der Weiher ist ein beliebtes Ausflugsziel für Spaziergänger und Hundehalter und hat, obwohl künstlich angelegt, durchaus seine idyllischen Ecken. Seit 2013 gibt es einen Naturlehrpfad. Baden allerdings ist ausdrücklich verboten und wohl auch gefährlich. 

Über die Schönau zum höchsten Punkt
Vom Teufenbachweiher aus müssen wir uns zur Finsterseebrugg begeben, um ab da wieder der Grenze zu folgen. Wir befinden uns jetzt auf Hüttner Boden. Flaches Gewässer, Kiesweg durch den Wald der Sihl entlang. Irgendwann überquert die Grenze nach rechts die Sihl und steigt den Wald hoch Richtung Höhronen. Mehrere Wege führen hinauf zum Hohen Ronen. Wir folgen dem Weg bis zur Hüttnerbrücke, wo wir den Fluss auch wieder queren und Richtung Schönau und Mistlibühl weiterwandern. Würde man nach der Schönau links weitergehen, käme man hinauf ins Mistlibühl. 

Das Mistlibühl, von «Bühl» für einen Hügel mit Aussicht und Rundsicht und der «Baummistel», die auf Bäumen wuchs, wird 1508 erstmals als Hof erwähnt. 1910 erwarb die Gemeinde Richterswil den Hof. Fortan gab es einen Pächter, und im Sommer wurde das hintere Mistlibühl als Ferienkolonie genutzt. 1922 brannte der Hof ab. 1923 wurde das heutige grosse Haus nur noch als Ferienhaus erbaut und eingeweiht. Man nennt es das hintere Mistlibühl. Das alte Försterhaus und das Bauernhaus, das seit 2010 einen neuen Besitzer hat, nennt man das vordere Mistlibühl. Auch ich, im Säuliamt aufgewachsen, war in der 4. Klasse im Klassenlager im Mistlibühl. Die für jedes Kind beeindruckenden Feuerrutschen sind mir in lebendiger Erinnerung geblieben. 

Die steilen Wiesenhänge in der Schönau sind eingezäunt. Auf dem Gelände befindet sich eine Hirschzucht. Oberhalb der Schönau zweigen wir in der Links-Kehre rechts ab und gelangen zum Kohlplatz mit einer schön renovierten Hütte. Bei dieser nehmen wir den Weg links hinauf und über die Hüttner Egg geht es im Zick-Zack hoch über den Sparenfirst bis zum höchsten Punkt dieser Bergkette zwischen Gubel ZG und Rossberg SZ, dem 1229 Meter hohen Namensgeber Höhronen. Von da verläuft der Weg in ständigem Auf und Ab. 

Chrungelifrau und Haagerimaa
Hier im märchenhaften Waldesdickicht treffen wir wieder auf zwei Sagengestalten, die noch heute im Volksbrauch verankert sind: Die Chrungelifrau und der Haaggerimaa. Die Chrungelifrau, das Wintergespenst, galt als Spinnstubendämonin. Sie hauste in einem Felsen beim Sihlsprung, dem «Chrungelichaschte». Von dort stammten auch die neugeborenen Kinder. Eheleute, die nie den «Chrungelichaschte» besuchten, erhielten «nur» Mädchen als Nachkommen. Soviel zum damaligen Stand der Gleichberechtigung … 

Man stellte sich die «Chrunglerin» als alte Frau mit zerzaustem Haar, Krallennägeln, zwei Höckern, je einer auf Brust und Rücken, und grausig zerlumpt vor. Ihre giftigen Augen hatten den «bösen Blick». Sie verknäuelte faulen Spinnerinnen zur Strafe das abgesponnene Garn, «verchrungelte» es. Wöchnerinnen schlug sie mit Birkenruten, hockte Mann und Frau als zentnerschweres «Schrätteli» auf die Brust und würgte sie bis beinahe zum Ersticken. Sie war der Kinderschreck, mit dem man Unfolgsamen drohte. Um der Unholdin den Wind aus den Segeln zu nehmen, kam der Brauch auf, dass in der «Chrungelinacht» – kurz vor Weihnachten – vermummte Burschen in die Häuser eindrangen und mit den Spinnerinnen Schabernack trieben, mit Ketten und Treicheln ein Höllenspektakel vollführten, natürlich auch den Kindern in ihren Betten Angst einjagten. Zu besänftigen waren diese «Chrungeler» mit Most, Schnaps und Kaffee oder gar einer «Nidlete in der Gelt». Oft kam es aber auch zu Prügeleien, wenn verschiedene Burschenschaften aufeinandertrafen und es zu Rivalitäten kam. Der Brauch ist nach wie vor lebendig, auch wenn es vielleicht ein wenig zahmer zu und her geht. 

War die Chrungelifrau eine Winterdämonin, so war der «Haaggerimaa» eigentlich ein Wasserdämon, von dem man sagte, dass er vor Neujahr herumwüte, vor allem in Hütten und Samstagern. Mit einer langen Hakenstange lauerte er auch im Hüttnersee Kindern auf und zog sie, wenn sie unvorsichtig waren, unerbittlich hinab in den Grund. Um ihn zu bannen zogen und ziehen noch heute die Burschen in der «Haagerinacht» kurz vor Silvester durch die Winternacht und tragen einen Rossgrind auf einer langen Stange, dessen Augen und Gebiss erleuchtet sind und dessen Maul sich auf- und zuklappen lässt. Zum Vertreiben des Dämons gehören Treicheln, Glocken und Peitschen. Die Haaggeri-Burschen lassen den Rossgrind durch Fenster blecken und erwarten als Lohn Tranksame oder klingende Münze.

 Der Text wurde im Jahrbuch der Stadt Wädenswil 2018 veröffentlich. Es ist erhältlich in den Wädenswiler Buchhandlungen, bei Stutz Medien und in der Kulturgarage.