Für die neue Ausstellung der Historische Gesellschaft Wädenswil haben die Kuratorinnen Anna Schneider und Rebekka Stutz nach Seemeitli und Seebuebe gefischt und dabei nicht nur Bekanntschaft mit Fischern, Seerettern, Rettungsschwimmerinnen, Seepolizisten, Forschenden, Tauchern und Seglerinnen gemacht, sondern auch viele Geschichten und Gegenstände an Land gezogen. In einem Gespräch, das von der Begeisterung der beiden Kuratorinnen belebt ist, erzählten sie von ihrem vollen Netz an Begegnungen und Erfahrungen.
Text & Bild: Ingrid Eva Liedtke
Die Menschen am See, ihre Beziehung zum See und ihre Geschichten dazu waren der Ursprung und bilden den Kern dieser Ausstellung.
Eine Vorstellung zu Beginn
Die beiden Kuratorinnen Rebekka Stutz und Anna Schneider haben unterschiedliche Interessen und Ausrichtungen, die sich gut ergänzen.
Anna Schneider ist eine freischaffende Kunst- und Fotografiehistorikerin, die hauptberuflich als Archivarin im Staatsarchiv Zug tätig ist. Nebenbei engagiert sie sich in kreativen Projekten wie eben dieser Ausstellung. Sie sagt: «Mich interessieren im Besonderen historische Fotografien. Es macht mir besondere Freude, gerade in einem Kontext wie bei der Vorbereitung dieser Ausstellung, auf alte Fotos zu stossen, die Zeitfenster sind und mir eine Geschichte erzählen – eine Geschichte von damals.»
Rebekka Stutz ist Germanistin und Kunsthistorikerin. Sie ist am Handwerk interessiert. Auch in der Kunst liegt ihr Fokus auf dem Handwerklichen, darauf, wie etwas entstanden ist. «Gebrauchskunst beziehungsweise Gebrauchsgegenstände interessieren mich sehr. Ihre Materialität interessiert mich, ich will wissen, wie die Dinge entstanden sind. Meine erste Ausstellung, die ich für die Historische Gesellschaft Wädenswil kuratieren konnte, befasste sich genau mit diesem Thema: Made in Wädenswil.»
Anna Schneider: «Ich bin der Maulwurf und beginne sofort zu graben, zu recherchieren, wenn sich mir eine Frage stellt. Mein Forschergeist wird geweckt.» Rebekka Stutz ergänzt: «Sie ist der Maulwurf und ich bin der Schmetterling.»
Verschiedene Herangehensweisen – viel partizipative Arbeit
Schnell wird klar, dass es diese verschiedenen Herangehensweisen braucht, um eine solche Ausstellung zu konzipieren. Beide erzählen begeistert davon und geben Einblick in die verschiedenen Entstehungsprozesse einer solch umfangreichen Ausstellung.
«Wir haben mit der Idee im ersten Quartal 2025 begonnen. Das ist generell schon eher knapp», sagt Rebekka Stutz. «Eine solche Ausstellung von Grund auf zu planen, braucht einiges an Zeit – an Recherche, Ideenentwicklung und Organisation. Wir brauchten auch Zeit, um Leihgaben zusammenzusuchen. Zudem braucht man eine Szenografie, den Ausstellungsbau, das heisst: Wie übertragen wir das Thema visuell in den Raum? Dann ist das Fundraising ein grosses Thema.»
Anna Schneider ergänzt: «Uns unterstützten freiwillige Kräfte aus dem Vorstand der HGW, auch beim Aufbau sind wir auf viele Freiwillige angewiesen.»
Rebekka Stutz: «Es sind etwa 50 Freiwillige, die rund 1000 Arbeitsstunden leisten – wenn nicht noch mehr!»
Die Grafik erfordere ebenfalls sehr viel Aufwand. Diese entstehe in Zusammenarbeit mit «Schuwey und Röllin», die ebenfalls einen grossen ehrenamtlichen Beitrag leisten würden.
Man arbeitete in verschiedenen Teams. Ein wichtiger Leitfaden dieser Ausstellung war das partizipative Arbeiten. Man wollte auch Leute aus der Bevölkerung – eben Seemeitli und Seebuebe – mit ins Boot holen. Daraus entstanden viele spannende Geschichten und eine grosse Motivation.
Leitthema
Anna Schneider: «Uns interessierte der Zürichsee – daraus entwickelte sich die Leitfrage und ein Identitätsthema: Was geht der See uns Wädenswilerinnen und Wädenswiler an?»
Rebekka Stutz: «Daraus entwickelten sich weitere Fragestellungen wie: Was wäre, würde der Zürichsee austrocknen? Was, wenn er nicht mehr da wäre? Die Antworten implizieren, was alles da ist und was uns damit verbindet und uns gemeinsam, im Kern, ausmacht.»
Anna Schneider: «So kamen wir zu all den Geschichten.»
Die Kuratorinnen initiierten zusammen mit Christian Winkler, dem Präsidenten der Historischen Gesellschaft, einen Workshop. Dazu durften die Teilnehmenden einen Gegenstand mitbringen – etwas, das sie mit dem See verbindet. Dabei gab es einige Überraschungen, und viele persönliche Geschichten kamen zutage.
Mit den interessierten Teilnehmerinnen und Teilnehmern wurden dann fünf Fragen ausgearbeitet, um damit Videoporträts zu erstellen. Mit diesen Fragen wurden gezielt Leute angeschrieben. Am Herbstmarkt wurde eine Videobox aufgebaut, in der Freiwillige aller Altersklassen interviewt wurden.
Rebekka Stutz: «Das war ein Experiment mit tollem Ausgang. Schlussendlich standen die Leute an, um ihre interessanten Voten abzugeben – sie waren teilweise neu und facettenreich.»
Herzblut und Humor
Beim Erzählen dieser Prozesse und Erlebnisse wird offensichtlich, mit wie viel Herzblut Stutz und Schneider sich dem Thema widmeten. Die Begeisterung für das Thema und das Erlebte ist omnipräsent und wirkt sehr ansteckend.
Anna Schneider: «Wir haben diese Geschichten gefischt – das Bild mit dem Fischernetz passt gut und verweist auch auf die vielen sprachlichen Wendungen und Metaphern, die rund um den See und das Wasser zu finden sind.» Rebekka Stutz: «Das war oft sehr witzig. Wir hatten wirklich sehr viel Spass an dieser Arbeit!»
Beiden ist Humor sehr wichtig. Er erleichtere und bereichere auch den Austausch mit den vielen Menschen, die sie im Zusammenhang mit dieser Ausstellung getroffen hätten. Da im Fundus der Historischen Gesellschaft kaum etwas zum Thema See zu finden war, mussten themenbezogene Objekte anderswo zusammengesucht werden. Rebekka Stutz: «Wir mussten beim Seerettungsdienst und bei allen See-Vereinen und -Institutionen anklopfen.» Anna Schneider: «Das war ziemlich aufwendig, verhalf uns aber zu vielen interessanten Kontakten, und wir haben viele tolle Objekte bekommen. Diese Objekte sind identitätsstiftend. Darum dienen sie in vielen Klubhäusern als Wandschmuck.»
Historischer Blickwinkel
Ein weiterer Blickwinkel war der historische: Was ist wann, wie und wo am See passiert? Aufschlussreiche Quellen waren im Staats- und Stadtarchiv, beim Gewässerschutz sowie beim AWEL zu finden. Es stellten sich Fragen nach dem Trinkwasser, dem Baden im See, der Schifffahrt – Themen zum Wasser, die nicht nur Wädenswil betreffen, sondern auch eine Verbindung zu den anderen Gemeinden schaffen, denn Wasser kennt keine Gemeindegrenzen.
Anna Schneider: «Wenn Wädenswil beim Gewässerschutz nicht mitmachte, hatte das Auswirkungen auf alle, die am See lebten. Wenn Wädenswil fand, es brauche keine Kanalisation, dann betraf das den ganzen See. Solche Zusammenhänge schaffen einen historischen Zugang und erzählen weitere Geschichten, die man im Staats- oder Stadtarchiv nachschauen muss – danach muss man manchmal graben. Da kommt der Maulwurf in mir zum Zuge.» Sie lacht.
Schritt in die Gegenwart
Dieses Jahr wagten die Kuratorinnen zudem den Schritt in die Gegenwart. Sie tauschten sich mit Forschenden der ZHAW aus zur Frage: «Wie können Mikroalgen in der Abwasserreinigung oder der Fischzucht genutzt werden?» In der Ausstellung wird eine solche Algenzucht zu sehen sein, und aus einem speziellen Forschungsprojekt werden Fischknusperli angeboten.
Beide unisono: «So spannen wir den Bogen von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft. Das Schiff hat nun Fahrt aufgenommen. Wir könnten noch unzählige Geschichten erzählen, aber wir hoffen, dass die Begeisterung, die das Aufbauen dieser Ausstellung begleitet hat, auch die Besucherinnen und Besucher zu begeistern vermag.»
Herausforderungen
Zu den grossen Herausforderungen gehört, wie die beiden Kuratorinnen ausführen, das Aufbereiten des vielen gesammelten Materials, sodass es im grossen Ausstellungsraum leicht bekömmlich und interessant für die Besucherinnen und Besucher dargestellt ist. Die recherchierten Geschichten müssen so erzählt werden, dass sie verständlich sind, und sie sollen in einer ansprechenden Form präsentiert werden. Die Ausstellung soll Tiefe haben und zugleich unterhaltend sein.
Was verbindet die Beiden mit dem See?
Rebekka Stutz muss überlegen – nicht, weil ihr nichts in den Sinn kommt, sondern weil sie gar nicht weiss, womit sie anfangen soll:
«Hmm, ja, sehr viel. Ich wohne nicht in Wädenswil, aber ebenfalls in einer Seegemeinde. Ich liebe es zu schwimmen. Ich liebe den See zu jeder Jahreszeit. Ich bin sehr gern am Wasser, allerdings auch an der Sihl. Wasser ist für mich eine enorme Lebensqualität.»
Anna Schneider ist eigentlich kein Seemeitli, wie sie sagt: «Ich bin aus Winterthur. Ich habe eher von aussen auf das Thema geschaut. Aber natürlich mag ich Wasser auch. Man könnte auch erwähnen, dass es tatsächlich Wädenswilerinnen und Wädenswiler gibt, die keinen besonderen Bezug zum Wasser haben!»
Auch dies habe zu vielen spannenden Gesprächen geführt und ermögliche es, ein Bild vom heutigen Wädenswil zu zeigen.
Seebueb – ein politischer Begriff
Auf jeden Fall sind der See und sein Wasser keine Selbstverständlichkeit. Darüber zu sprechen ist immer interessant. Für diese Ausstellung haben dies «Seemeitli» und «Seebuebe» getan. Dazu ist noch zu erwähnen, dass «Seebueb» ein politischer Begriff ist. Die Stadtzürcher nannten die Aufmüpfigen vom See «Seebuebe». Ursprünglich war dies im 18. Jahrhundert als Schimpfwort gedacht. Der Begriff begann sich mit der Zeit zu wandeln und wurde schliesslich stolz verwendet – auch in Zürich. Den Begriff «Seemeitli» gab es damals noch nicht.
In die neue Ausstellung der HGW über den See ist so viel Herzblut und Seewasser geflossen, dass jeder Besucherin und jedem Besucher klar wird, wie wichtig der See und sein Wasser für uns alle ist – und dass es keine Selbstverständlichkeit ist, stets sauberes Wasser zu haben und einen See, in dem man schwimmen kann.
Die lebendige Ausstellung hält viele Überraschungen bereit: Führungen durch die Ausstellung, einen geführten Spaziergang zum Thema «Häfen, Abfallberge und Badeplausch», eine Besichtigung des Seewasserwerks Horgen zur Frage «Wo kommt das Trinkwasser her?», eine Ausfahrt mit dem Ledischiff MS Ufnau, einen Zürichsee-Liederabend sowie Ausstellungs-Soirées mit den erwähnten Fischknusperli.
Damit hoffen die Kuratorinnen und die Historische Gesellschaft Wädenswil, den Besucherinnen und Besuchern der Ausstellung viele schöne Erlebnisse zu ermöglichen und sie zugleich zum Nachdenken anzuregen, was jede und jeder persönlich dazu beitragen kann, dass der See so bleibt.
Für die neue Ausstellung der Historische Gesellschaft Wädenswil haben die Kuratorinnen Anna Schneider und Rebekka Stutz nach Seemeitli und Seebuebe gefischt und dabei nicht nur Bekanntschaft mit Fischern, Seerettern, Rettungsschwimmerinnen, Seepolizisten, Forschenden, Tauchern und Seglerinnen gemacht, sondern auch viele Geschichten und Gegenstände an Land gezogen. In einem Gespräch, das von der Begeisterung der beiden Kuratorinnen belebt ist, erzählten sie von ihrem vollen Netz an Begegnungen und Erfahrungen.
Text & Bild: Ingrid Eva Liedtke
Die Menschen am See, ihre Beziehung zum See und ihre Geschichten dazu waren der Ursprung und bilden den Kern dieser Ausstellung.
Eine Vorstellung zu Beginn
Die beiden Kuratorinnen Rebekka Stutz und Anna Schneider haben unterschiedliche Interessen und Ausrichtungen, die sich gut ergänzen.
Anna Schneider ist eine freischaffende Kunst- und Fotografiehistorikerin, die hauptberuflich als Archivarin im Staatsarchiv Zug tätig ist. Nebenbei engagiert sie sich in kreativen Projekten wie eben dieser Ausstellung. Sie sagt: «Mich interessieren im Besonderen historische Fotografien. Es macht mir besondere Freude, gerade in einem Kontext wie bei der Vorbereitung dieser Ausstellung, auf alte Fotos zu stossen, die Zeitfenster sind und mir eine Geschichte erzählen – eine Geschichte von damals.»
Rebekka Stutz ist Germanistin und Kunsthistorikerin. Sie ist am Handwerk interessiert. Auch in der Kunst liegt ihr Fokus auf dem Handwerklichen, darauf, wie etwas entstanden ist. «Gebrauchskunst beziehungsweise Gebrauchsgegenstände interessieren mich sehr. Ihre Materialität interessiert mich, ich will wissen, wie die Dinge entstanden sind. Meine erste Ausstellung, die ich für die Historische Gesellschaft Wädenswil kuratieren konnte, befasste sich genau mit diesem Thema: Made in Wädenswil.»
Anna Schneider: «Ich bin der Maulwurf und beginne sofort zu graben, zu recherchieren, wenn sich mir eine Frage stellt. Mein Forschergeist wird geweckt.» Rebekka Stutz ergänzt: «Sie ist der Maulwurf und ich bin der Schmetterling.»
Verschiedene Herangehensweisen – viel partizipative Arbeit
Schnell wird klar, dass es diese verschiedenen Herangehensweisen braucht, um eine solche Ausstellung zu konzipieren. Beide erzählen begeistert davon und geben Einblick in die verschiedenen Entstehungsprozesse einer solch umfangreichen Ausstellung.
«Wir haben mit der Idee im ersten Quartal 2025 begonnen. Das ist generell schon eher knapp», sagt Rebekka Stutz. «Eine solche Ausstellung von Grund auf zu planen, braucht einiges an Zeit – an Recherche, Ideenentwicklung und Organisation. Wir brauchten auch Zeit, um Leihgaben zusammenzusuchen. Zudem braucht man eine Szenografie, den Ausstellungsbau, das heisst: Wie übertragen wir das Thema visuell in den Raum? Dann ist das Fundraising ein grosses Thema.»
Anna Schneider ergänzt: «Uns unterstützten freiwillige Kräfte aus dem Vorstand der HGW, auch beim Aufbau sind wir auf viele Freiwillige angewiesen.»
Rebekka Stutz: «Es sind etwa 50 Freiwillige, die rund 1000 Arbeitsstunden leisten – wenn nicht noch mehr!»
Die Grafik erfordere ebenfalls sehr viel Aufwand. Diese entstehe in Zusammenarbeit mit «Schuwey und Röllin», die ebenfalls einen grossen ehrenamtlichen Beitrag leisten würden.
Man arbeitete in verschiedenen Teams. Ein wichtiger Leitfaden dieser Ausstellung war das partizipative Arbeiten. Man wollte auch Leute aus der Bevölkerung – eben Seemeitli und Seebuebe – mit ins Boot holen. Daraus entstanden viele spannende Geschichten und eine grosse Motivation.
Leitthema
Anna Schneider: «Uns interessierte der Zürichsee – daraus entwickelte sich die Leitfrage und ein Identitätsthema: Was geht der See uns Wädenswilerinnen und Wädenswiler an?»
Rebekka Stutz: «Daraus entwickelten sich weitere Fragestellungen wie: Was wäre, würde der Zürichsee austrocknen? Was, wenn er nicht mehr da wäre? Die Antworten implizieren, was alles da ist und was uns damit verbindet und uns gemeinsam, im Kern, ausmacht.»
Anna Schneider: «So kamen wir zu all den Geschichten.»
Die Kuratorinnen initiierten zusammen mit Christian Winkler, dem Präsidenten der Historischen Gesellschaft, einen Workshop. Dazu durften die Teilnehmenden einen Gegenstand mitbringen – etwas, das sie mit dem See verbindet. Dabei gab es einige Überraschungen, und viele persönliche Geschichten kamen zutage.
Mit den interessierten Teilnehmerinnen und Teilnehmern wurden dann fünf Fragen ausgearbeitet, um damit Videoporträts zu erstellen. Mit diesen Fragen wurden gezielt Leute angeschrieben. Am Herbstmarkt wurde eine Videobox aufgebaut, in der Freiwillige aller Altersklassen interviewt wurden.
Rebekka Stutz: «Das war ein Experiment mit tollem Ausgang. Schlussendlich standen die Leute an, um ihre interessanten Voten abzugeben – sie waren teilweise neu und facettenreich.»
Herzblut und Humor
Beim Erzählen dieser Prozesse und Erlebnisse wird offensichtlich, mit wie viel Herzblut Stutz und Schneider sich dem Thema widmeten. Die Begeisterung für das Thema und das Erlebte ist omnipräsent und wirkt sehr ansteckend.
Anna Schneider: «Wir haben diese Geschichten gefischt – das Bild mit dem Fischernetz passt gut und verweist auch auf die vielen sprachlichen Wendungen und Metaphern, die rund um den See und das Wasser zu finden sind.» Rebekka Stutz: «Das war oft sehr witzig. Wir hatten wirklich sehr viel Spass an dieser Arbeit!»
Beiden ist Humor sehr wichtig. Er erleichtere und bereichere auch den Austausch mit den vielen Menschen, die sie im Zusammenhang mit dieser Ausstellung getroffen hätten. Da im Fundus der Historischen Gesellschaft kaum etwas zum Thema See zu finden war, mussten themenbezogene Objekte anderswo zusammengesucht werden. Rebekka Stutz: «Wir mussten beim Seerettungsdienst und bei allen See-Vereinen und -Institutionen anklopfen.» Anna Schneider: «Das war ziemlich aufwendig, verhalf uns aber zu vielen interessanten Kontakten, und wir haben viele tolle Objekte bekommen. Diese Objekte sind identitätsstiftend. Darum dienen sie in vielen Klubhäusern als Wandschmuck.»
Historischer Blickwinkel
Ein weiterer Blickwinkel war der historische: Was ist wann, wie und wo am See passiert? Aufschlussreiche Quellen waren im Staats- und Stadtarchiv, beim Gewässerschutz sowie beim AWEL zu finden. Es stellten sich Fragen nach dem Trinkwasser, dem Baden im See, der Schifffahrt – Themen zum Wasser, die nicht nur Wädenswil betreffen, sondern auch eine Verbindung zu den anderen Gemeinden schaffen, denn Wasser kennt keine Gemeindegrenzen.
Anna Schneider: «Wenn Wädenswil beim Gewässerschutz nicht mitmachte, hatte das Auswirkungen auf alle, die am See lebten. Wenn Wädenswil fand, es brauche keine Kanalisation, dann betraf das den ganzen See. Solche Zusammenhänge schaffen einen historischen Zugang und erzählen weitere Geschichten, die man im Staats- oder Stadtarchiv nachschauen muss – danach muss man manchmal graben. Da kommt der Maulwurf in mir zum Zuge.» Sie lacht.
Schritt in die Gegenwart
Dieses Jahr wagten die Kuratorinnen zudem den Schritt in die Gegenwart. Sie tauschten sich mit Forschenden der ZHAW aus zur Frage: «Wie können Mikroalgen in der Abwasserreinigung oder der Fischzucht genutzt werden?» In der Ausstellung wird eine solche Algenzucht zu sehen sein, und aus einem speziellen Forschungsprojekt werden Fischknusperli angeboten.
Beide unisono: «So spannen wir den Bogen von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft. Das Schiff hat nun Fahrt aufgenommen. Wir könnten noch unzählige Geschichten erzählen, aber wir hoffen, dass die Begeisterung, die das Aufbauen dieser Ausstellung begleitet hat, auch die Besucherinnen und Besucher zu begeistern vermag.»
Herausforderungen
Zu den grossen Herausforderungen gehört, wie die beiden Kuratorinnen ausführen, das Aufbereiten des vielen gesammelten Materials, sodass es im grossen Ausstellungsraum leicht bekömmlich und interessant für die Besucherinnen und Besucher dargestellt ist. Die recherchierten Geschichten müssen so erzählt werden, dass sie verständlich sind, und sie sollen in einer ansprechenden Form präsentiert werden. Die Ausstellung soll Tiefe haben und zugleich unterhaltend sein.
Was verbindet die Beiden mit dem See?
Rebekka Stutz muss überlegen – nicht, weil ihr nichts in den Sinn kommt, sondern weil sie gar nicht weiss, womit sie anfangen soll:
«Hmm, ja, sehr viel. Ich wohne nicht in Wädenswil, aber ebenfalls in einer Seegemeinde. Ich liebe es zu schwimmen. Ich liebe den See zu jeder Jahreszeit. Ich bin sehr gern am Wasser, allerdings auch an der Sihl. Wasser ist für mich eine enorme Lebensqualität.»
Anna Schneider ist eigentlich kein Seemeitli, wie sie sagt: «Ich bin aus Winterthur. Ich habe eher von aussen auf das Thema geschaut. Aber natürlich mag ich Wasser auch. Man könnte auch erwähnen, dass es tatsächlich Wädenswilerinnen und Wädenswiler gibt, die keinen besonderen Bezug zum Wasser haben!»
Auch dies habe zu vielen spannenden Gesprächen geführt und ermögliche es, ein Bild vom heutigen Wädenswil zu zeigen.
Seebueb – ein politischer Begriff
Auf jeden Fall sind der See und sein Wasser keine Selbstverständlichkeit. Darüber zu sprechen ist immer interessant. Für diese Ausstellung haben dies «Seemeitli» und «Seebuebe» getan. Dazu ist noch zu erwähnen, dass «Seebueb» ein politischer Begriff ist. Die Stadtzürcher nannten die Aufmüpfigen vom See «Seebuebe». Ursprünglich war dies im 18. Jahrhundert als Schimpfwort gedacht. Der Begriff begann sich mit der Zeit zu wandeln und wurde schliesslich stolz verwendet – auch in Zürich. Den Begriff «Seemeitli» gab es damals noch nicht.
In die neue Ausstellung der HGW über den See ist so viel Herzblut und Seewasser geflossen, dass jeder Besucherin und jedem Besucher klar wird, wie wichtig der See und sein Wasser für uns alle ist – und dass es keine Selbstverständlichkeit ist, stets sauberes Wasser zu haben und einen See, in dem man schwimmen kann.
Die lebendige Ausstellung hält viele Überraschungen bereit: Führungen durch die Ausstellung, einen geführten Spaziergang zum Thema «Häfen, Abfallberge und Badeplausch», eine Besichtigung des Seewasserwerks Horgen zur Frage «Wo kommt das Trinkwasser her?», eine Ausfahrt mit dem Ledischiff MS Ufnau, einen Zürichsee-Liederabend sowie Ausstellungs-Soirées mit den erwähnten Fischknusperli.
Damit hoffen die Kuratorinnen und die Historische Gesellschaft Wädenswil, den Besucherinnen und Besuchern der Ausstellung viele schöne Erlebnisse zu ermöglichen und sie zugleich zum Nachdenken anzuregen, was jede und jeder persönlich dazu beitragen kann, dass der See so bleibt.