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«Matto regiert» im SeesichtTheater

In der aktuellen Saison bringt die Theatergruppe «Bühne frei» ein spannendes Kriminalstück aus der Welt zwischen Wahn und Realität auf die Bühne. «Matto regiert» des Schweizer Autors Friedrich Glauser ist schon eine Herausforderung für den Leser; wie die Theatergruppe das Stück auf die Bühne bringt: schlichtweg genial!

Text & Bild: Stefan Baumgartner

In diesem Krimi thematisiert Autor Glauser seine wiederholten Internierungen in psychiatrischen Kliniken. «Matto regiert» gilt als Schlüsselroman und löste bei seinem Erscheinen 1937 einen Skandal im bernischen Gesundheitswesen aus, deckt er doch Missstände und skurrile Behandlungsmethoden auf.

Heil- und Pflegeanstalt Randlingen. Frau Doktor Ursula Borstli, Anstaltsdirektorin (gespielt von Vona Bürki), kehrt nach einem sechsmonatigen Kuraufenthalt zurück in die Anstalt, die sie mit strengem Regime und konservativen Heilmethoden leitet. Zu ihren Ehren wird ein kleines Fest organisiert, an dem auch die Insassen der Anstalt teilnehmen und sogar eine Stunde länger aufbleiben dürfen. Es kommt zu einem verbalen Schlagabtausch mit Dr. Laduner (Sibille Brunold), die die Klinik in Borstlis Abwesenheit mit modernen, aber riskanten Behandlungsmethoden leitete – die Sterblichkeit habe sich unter ihrer Leitung vervierfacht, rechnet ihr Oberpflegerin Johanna Weihrauch (Seraina Lüdi) vor.

Am folgenden Morgen wird Borstli zuerst vermisst, so dass Wachtmeister Studer (Thomas Lüdi) auf den Plan tritt. Er, der von sich selbst sagt, dass er «eine Nase wie eine Trüffelsau» habe, muss schliesslich erfahren, dass Borstli tot im Heizungskeller liegt und später auch, dass sie ermordet wurde.

Und so beginnt sich das Karussell der Verdächtigen zu drehen – ein Fall zwischen Realität und Wahn, denn sowohl die Insassen haben Gründe, Borstli verschwinden zu lassen, andrerseits machen auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter samt und sonders keinen gefestigten Eindruck. So plagen Pfleger Ernst Gilgen (Martin Höhn) finanzielle Probleme und Existenzängste, und Schwester Jutzeler (Romy Stehr) setzt sich als Gewerkschafterin für bessere Arbeitsbedingungen ein und scheut keinen Konflikt mit der Anstaltsleitung.

Nur die Empfangsdame Lidia Dreyer (Zoe Khadka) scheint frei von jedem Verdacht, stellt sie sich doch mit allen gut und trinkt auch gerne mal frühmorgens einen Schnaps.

Wie ernst ist die Liaison zwischen Schwester Irma (Regula Höhn) und dem Patienten Caplaun (Manuel Loosli)? Die Schwester – wenn auch mutig – bringt sich in einer schwierige Situation, die den Vorgesetzten nicht verborgen bleibt. Schaffen sie die Flucht nach Frankreich? (Die Figur des Caplaun wird übrigens direkt mit Autor Glauser in Verbindung gebracht.)

Patient Hansruedi Schmocker (grandios gespielt von Jonathan Mantione) bedrohte einst einen Bundesrat mit einer Pistole und liess diesen auf dem Bundesplatz tanzen. Denkwürdig seine Aussage zu einer Radioansprache Hitlers im Radio:

« (…) der nützt doch nur die Sorgen und Ängste der Leute aus – wie kann man nur so blöd sein und dem hinterherlaufen (…) – den müsste man einsperren, der ist wahnsinnig, nicht ich!» Parallelen zur heutigen Zeit sind durchaus vorhanden und machen nachdenklich.

Betroffen macht auch die Figur der Patientin Vreni Leibundgut (Laura Wirth). Sie spricht nur auf den Knien und ist durch Erniedrigungen ihrer Brüder schwer traumatisiert. Himmelhoch jauchzend und Sekunden später zu Tode betrübt – das ist Patientin Fränzi Fässler (Janina Klöti). Immer wieder zieht sie die Aufmerksamkeit auf sich – ging einer ihrer Scherze zu weit? Oder wurde die Routine des autistischen Patienten Pieterlin (Elia Lüdi) zu stark gestört? Pieterlin braucht klare Routinen, sieht nie jemanden direkt an, wirkt mechanisch und gefühllos. 

Schliesslich ist da auch noch Klara Schül (Mara Brunold), Schizophrenie-Patientin. Sie sieht als einzige Matto (Christos Papadopoulos), den dubiosen, die Anstalt beherrschenden Geist. Schül malt, manchmal auf ihren Körper, aber auch auf Leinwand (und in jeder Vorstellung wird ein Bild von ihr zugunsten der Stiftung Bühl versteigert!).

Es ist nicht Studers bester Fall. Er muss sich von Dr. Laduner vorführen lassen, die sich sogar über ihn lustig macht, und er verantwortet auch den Selbstmord des Pflegers Gilgen. Auch Studer spürt schliesslich den Geist Mattos …

Schliesslich eskaliert die Situation, die Anstalt versinkt im Chaos. Und wer hat nun Dr. Borstli auf dem Gewissen? Das Stück läuft noch bis 5. April, darum wird die Täterschaft auch nicht verraten. Noch hat es für die verbleibenden Spieltage freie Plätze …

seesichttheater.ch

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