Richterswil

Interessierten Tür und Tor geöffnet

Die EVP lud am 30. August die Bevölkerung zum Themenabend «Ukraine-Flüchtlinge bei uns» ein, passenderweise im neuen Durchgangszentrum im ehemaligen Paracelsus-Spital. Kantonsrat Tobias Mani und Regierungsrat Mario Fehr durften den Abend vor unerwartet vielen Gästen eröffnen.

In der Cafeteria mussten zusätzliche Sitzgelegenheiten beschafft werden, denn das Interesse der Bevölkerung war gross, etwas über die Unterbringung und das Schicksal der im Durchgangszentrum einquartierten Flüchtlinge aus der Ukraine zu erfahren.
Regierungsrat Mario Fehr äusserte seine Einschätzung über das generell grosse Interesse an den Flüchtlingen, weil diese Opfer eines Krieges seien, dessen Auswirkungen man hier unmittelbar spüre. «Meines Wissen nach gibt es derzeit 58 UNO-Länder mit kriegerischen Auseinandersetzungen», erläutert Fehr, «der in der Ukraine ist für uns jedoch unmittelbarer erlebbar, weil er mitten in Europa ist, er stärkere Auswirkung auf uns hat und von dort mehr Menschen zu uns gelangt sind». Die letzten grossen Flüchtlingsbewegungen fanden 1999 und 2015 statt, damals gelangten 40 000 bis 50 000 Menschen in die Schweiz. Nun sind es bereits 60 000 Flüchtlinge, davon sind an die 11 000 im Kanton Zürich. Alle Gemeinden um den Zürichsee würden die Quote von 0,9% übererfüllen, das liesse dem kantonalen Sozialamt etwas Luft. «Mit dem Durchgangszentrum leistet Richterswil einen wichtigen Beitrag und dafür sind wir sehr dankbar», sagte der Regierungsrat weiter.
Dieses Durchgangszentrum bietet 170 Plätze, davon sind derzeit 130 belegt. Durchschnittlich bleiben die Schutzbedürftigen zwanzig Tage in der Unterkunft. Seit der Eröffnung Anfang Juni dürften an die 500 Menschen schon hier gewesen sein, bevor sie einer Gemeinde zugeteilt worden sind. Aussergewöhnlich zeigt sich die Zusammensetzung: sie ist jung, 70% sind Frauen, und jeder 5. Geflüchtete ist im schulpflichtigen Alter. Das stellt auch die Schulen vor besondere Herausforderungen.

24-Stunden-Betrieb

Das Kantonale Sozialamt beauftragte die privatrechtliche Organisation ORS Service AG (Organisation for Refugee Services) mit dem Betrieb des Durchgangszentrums und der Betreuung der Schutzbedürftigen. Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erkennt man an der blauen Weste. Das geschulte Betreuungspersonal ist rund um die Uhr vor Ort im Einsatz, ist Ansprechpartner für sämtliche Fragen und Belange.
Der ORS-Zentrumsleiter Peter Schmid berichtete von der Inbetriebnahme des Gebäudes, als er am 23. Mai in noch gänzlich unmöblierten Räumlichkeiten stand und wusste, dass am 1. Juni die ersten Klienten, wie sie bei der ORS bezeichnet werden, hier einziehen werden. «Das Wichtigste war, dass jeder einen Schlafplatz und etwas zu Essen hat», gewichtet Schmid die darauffolgenden Tage.
Als Erstes finde ein Eintrittsgespräch statt, das beispielsweise klären soll, ob ein medizinisches Problem bestehe, allenfalls wird kompetent geholfen. Raphaela Stutz ist diplomierte Rettungssanitäterin und arbeitet Teilzeit auf der Krankenstation, hinzu kommen ortsansässige Ärzte und Gynäkologen, welche das ORS unterstützen. Es folgt eine Bettenzuweisung, das Team gibt Bett- und Frotteewäsche aus, sie erklären den Klienten die Hausordnung und es gibt einen Kurs, in dem das Leben und die Gepflogenheiten der Schweiz nahegebracht werden. Der Alltag im Zentrum sei nicht viel anders als in einer normalen Familie: «Das Leben passiert einfach», erklärt der gebürtige Luzerner, «und hier drinnen eben mal 130».
Schmid bittet das an diesem Abend anwesende Team nach vorne, und das erntet viel Applaus von den ­Besuchern. «Wir sind so stark, weil wir ein starkes Team sind», findet der Zentrumsleiter. «Wir haben viel bewegt und erreicht, aber ohne unser externes House-keeping-­Team würde das auch nicht funktionieren», ist Schmid überzeugt, und noch weitere Personen gesellen sich nach vorn. Nicht anwesend ist das Catering-Team, welches täglich 260 warme Mahlzeiten plus das Frühstück stellt.
Auf dem folgenden Rundgang erhielten die Besucher einen Einblick in die diversen Räumlichkeiten, in denen die Schutzbedürftigen leben: gut eingerichtete Spielzimmer für die Kinder, gemütliche Aufenthaltsräume, Gymnastikzimmer, das Sanitätszimmer und die Waschküche, wo die Ukrainerinnen und Ukrainer ihre Sachen selber waschen können. Ein momentan leer stehendes Zimmer mit zwei Etagenbetten und Nasszelle wäre schon bereit zum Bezug. Auch das Materiallager und Büroräumlichkeiten dürfen teilweise besichtigt werden, wo Gespräche geführt, Termine geplant, Dokumente aufbewahrt werden.

Eine Ukrainerin berichtet

Nach dem Rundgang stellt Kantonsrat Tobias Mani den Anwesenden die Ukrainerin Anna Kornus vor. Sie ist seit Kriegsausbruch zusammen mit ihrer vierjährigen Tochter und ihrer Schwester in der Schweiz. Eine Flucht, so wie es andere durchmachen mussten, sei ihr erspart geblieben, erklärt sie in Englisch, welches Mani übersetzt. Sie sei am 23. Februar mit Tochter und Schwester in Ägypten in den Ferien gewesen, als ihr Mann sie anrief und vom Kriegsausbruch berichtete. «Ich war insofern glücklich, dass mein Kind das nicht miterleben musste und auch nicht verstand, was es für uns bedeutet», gesteht die junge Frau. So wurde aus den Ferien eine Katastrophe, doch der Zufall wollte es, dass ein flüchtig Bekannter sie einlud, nach Wädenswil zu kommen. Die drei Ukrainerinnen kamen für einen Monat bei diesem Ehepaar unter, bevor ihnen das Sozialamt ein Zimmer in der Au zuweisen konnte. Dort hätten sie über die Kirche viele wunderbare Menschen kennengelernt, welche ihnen mit Kleidern und Möbeln ausgeholfen haben, die ihnen wertvolle Tipps und Hilfe anbieten konnten, um den Alltag in einem fremden Land zu meistern.
Im Sommer unternahm Anna mit ihrer Tochter mit einem Auto die beschwerliche Reise nach Kiew auf sich, um sich ein Bild von der Situation zu machen. Bereits einen Tag später schlugen Bomben nahe ihrem Wohnhaus ein, und das ganze Desaster mit eigenen Augen zu sehen, war für sie ein Schock: «Dass es im 21. Jahrhundert überhaupt noch Krieg gibt – nicht nur in der Ukraine – ist für mich unbegreiflich. Ich kann nicht beschrieben, wie furchtbar es ist, eine solche Zerstörung zu sehen … ich habe die ganze Zeit geweint».
Auf die Zukunft und die Unterschiede zwischen ihrer Heimat und der Schweiz angesprochen, erzählt sie von ihrer sehr guten Anstellung in der staatlichen Lebensmittel- und Getreide-Gesellschaft und dass sie noch eine Wohnung in einem schönen Haus habe. Es sei schwierig für sie hier, denn wie jeder andere Flüchtling weltweit, sei auch sie hier «nur Gast». Das wisse sie und das sei in Ordnung, aber es gebe auch Leute, die sie das spüren lassen würden. Anna ist dankbar, dass die Schweizer so vielen Geflüchteten ein Zuhause angeboten haben, auch ihr und ihrer Familie. Sie könne durchaus verstehen, dass es Menschen gibt, die hier bleiben wollen, weil ihnen der Ukraine nichts geblieben ist und sie ein neues Leben begonnen haben. Anna jedoch wartet jeden Tag auf den Anruf ihres Mannes und ihrer Eltern, dass der Krieg zu Ende ist und sie nach Hause kommen können.

Podiumsdiskussion

Am darauffolgenden Podium nahmen Andrea Lübberstedt, Leiterin kantonales Sozialamt, Eveline Tschurr, Schulpflege Horgen und Flüchtlingsbegleiterin, der Richterswiler Gemeinderat Renato Pfeffer und Pfarrerin Andrea Spörri teil. Sie berichteten von ihrer Arbeit unter den gegebenen Umständen, den Herausforderungen, Erfolgen und Zukunftsaussichten.
«Die wahre Arbeit findet nicht beim Kanton, sondern in den Gemeinden statt», findet die Leiterin des kantonalen Sozialamt Andrea Lübberstedt. Doch auf dem Sozialamt brauchte man innert wenigen Stunden nach den ersten Kriegsbildern einen Plan. «Wir mussten Antworten finden, Leute zusammenbringen und vor allem einfach da sein für die vielen Menschen, die es irgendwie in unser Land geschafft hatten».
Ähnlich rasch musste die Schule reagieren, denn jedem Kind in der Schweiz wird die Schulbildung garantiert. Gesamtschweizerisch wird eine Mangel an Lehrkräften beklagt, und dass das Schuljahr im Kanton Zürich mit einer Rekordschülerzahl von über 157 000 Kindern gestartet hat, von denen viele aus der Ukraine stammen, fordert die Schule extrem. Eveline Tschurr gehört der Schulpflege Horgen an und ist seit Jahren Flüchtlingsbegleiterin. Sie berichtete, dass der Unterschied von den Ukrainern zu anderen Geflüchteten sei, dass sie möglichst schnell wieder nach Hause wollen. «Der Anspruch dieser bildungsnahen Eltern an uns war dann, dass die Kinder eine Überbrückung bekommen, um zuhause den schulischen Anschluss zu gewährleisten», erläutert Tschurr. Das Schulsystem in der Ukraine sei jedoch ein anderes, und irgendwann musste der Entscheid gefällt werden, dass unser System nicht umgekrempelt werde für diesen Zeitraum. «Wir bieten Unterstützung, um zu gewährleisten, damit sich die Kinder hier anpassen und wohlfühlen können».
Nachdem für die Gemeinde Richterswil klar geworden war, was mit diesem Kriegsausbruch und dem Flüchtlingsstrom auf sie zukommen werde, wurde eine Taskforce gebildet und nach Lösungen gesucht. Es sei drei glücklichen Zufällen geschuldet, dass rasch Lösungsansätze gefunden wurden, führt Gemeinderat und Sicherheitsvorsteher Renato Pfeffer aus. So gab es im AZ Wisli leere Wohnungen für die ersten Ankömmlinge aus der Ukraine. Des Weiteren stand der Umzug des Tertianums zurück an die Gartenstrasse bevor, und der Gemeinderat übernahm das Provisorium in Samstagern. Als Letztes stand das Paracelsus-Gebäude leer, und der Kanton konnte sich mit der Eigentümerin und der Gemeinde einigen, hier ein Durchgangszentrum einzurichten.
Laut Pfeffer werden die Flüchtlinge in der Bevölkerung nicht als Bedrohung wahrgenommen, was vermutlich auch an dem hohen Frauen- bzw. Kinderanteil liege. Ihm würden mehr Fragen nach der Sicherheit bezüglich der Schutzbunker gestellt.
Die Kirche versucht möglichst direkt Hilfe zu leisten. So wurde die Sanierung des alten Kirchgemeindehauses sistiert und für die Kleider- und Warenbörse für Flüchtlinge zur Verfügung gestellt. «Unsere Kirche liegt in unmittelbarer Nähe zum ORS und bleibt nun den ganzen Tag offen für Menschen, die hier Zuflucht suchen», sagte Pfarrerin Andrea Spörri. Dies werde gerne genutzt und trotz grosser Sprachbarrieren würden Begegnungen und Gespräche stattfinden.
Beim Schlusswort forderte Tobias Mani die Besucherinnen und Besucher auf, ihre Eindrücke zu vertiefen und den Gastreferenten oder dem ORS-Team Fragen zu stellen. Den Hausregeln entsprechend wurde beim Apéro kein Alkohol ausgeschenkt.

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