Wädenswil

Bankwunder oder Zerstörung von Kulturgut?

Am vergangenen Sonntag, 9. Dezember, lud die reformierte Kirchenpflege zur Kirchgemeindeversammlung. Strittigster Punkt war die Neugestaltung des Innenraums. Die Kirchgemeindeversammlung stimmte der auf 10 Jahre begrenzten Entfernung von 16 Bankreihen mit grossem Mehr zu.

Sie sind grösstenteils aus einfachem Tannenholz gezimmert – und doch lieferten sich Befürworter und Gegner der Neugestaltung schon vor der Abstimmung einen erbitterten Schlagabtausch, der auch in den elektronischen sozialen Medien ausgetragen wurde. Doch wieso wurde über eine Neugestaltung abgestimmt? Im Jubiläumsjahr 2017 durften vor­über­gehend die Bänke seeseits in der Kirche entfernt werden. Dadurch konnten zahlreiche Feiern und Veranstaltungen durchgeführt werden, die ohne das Entgegenkommen der Denkmalpflege so nicht möglich gewesen wären. Daraus entstand der Wunsch, diese Sitzreihen dauerhaft zu entfernen, es bildete sich auch eine «IG Freiraum Kirche», die sich für dieses Vorhaben stark machte. Auf der anderen Seite befürchteten Historiker und Traditionalisten eine Zerstörung des Kircheninnenraums, da die Bankreihen ein gut sichtbares Bodenkreuz bilden. In einem längeren Prozess und im Gespräch mit der Denkmalpflege wurden verschiedene Varianten erörtert und besprochen. Weil die evangelisch-reformierte Kirche des Kantons Zürich in einem grossen Umbruch begriffen ist, soll die geplante Umgestaltung der Kirche auf 10 Jahre befristet sein. Dies ermöglicht, nach Ablauf dieser Frist die Situation neu zu beurteilen.

Der Präsident der Kirchenpflege, Peter Meier, konnte 300 Stimmbürger begrüssen
Im Vorfeld wurde nun bereits gestritten. Michael D. Schmid, Historiker und Verfasser des Buches «Quergebaut. Querkirchen im Kanton Zürich» machte deutlich: «Man kann es drehen und wenden, wie man will: Es ist und bleibt ein ausschliesslich destruktives Anliegen. Ein Kulturdenkmal, und mehr noch: Ein Stück Heimat wird zerstört.» Befürworter andrerseits riefen zum Besuch der Gemeindeversammlung auf, Pfarrer Frank Lehmann machte auf «Facebook» Werbung für den modernen Innenraum: «Der Vorwurf der Zerstörung ist mehr als absurd – es geht um eine 10-jährige Probephase und abgesehen davon könnte man die Bänke auch später jederzeit wieder einbauen. Es geht um Chancen für neue Formen – und jede Stimme zählt!»

Pfarrer Ernst Hörler trat für die Entfernung der 16 Bankreihen ein.

Während der Versammlung schliesslich konnte Pfarrer Ernst Hörler detailliert seine und die Sicht der Kirchenpflege darlegen. Eine geplante Diskussion, die auch kritische Fragen beinhaltet hätte, wurde durch einen Ordnungsantrag, der eine sofortige Abstimmung verlangte, unterbunden. Trotzdem wurde Andreas Hauser von der Arbeitsgruppe «Aus Liebe zu unserer Kirche», die eine moderate Verkleinerung von 2×3 Bankreihen wünschte, Redezeit zugestanden. Er wies darauf hin, dass auch sie Unterschriften gesammelt hätten, und dass auch sie innert Kürze 219 Unterschriften zusammenbrachten, die für eine moderate Lösung eintreten würden. Er verwahrte sich gegen den Vorwurf der Befürworter, «Ewiggestrige» zu sein und bezeichnete den von ihm präsentierten Vorschlag als Vernünftig. «Immerhin entfernt man Bänke im Herzen der Kirche», rief er der Kirchgemeinde zu. Schliesslich unterlag jedoch sein Antrag, nur 2×3 Bankreihen zu entfernen, jenem, der 2×8 verlangte. In der Schlussabstimmung zur Neugestaltung des Innenraums sprachen sich schliesslich 215 Stimmbürger für die Entfernung der Bänke aus, 54 dagegen.

Andreas Hauser von der Arbeitsgruppe «Aus Liebe zu unserer Kirche» trat für eine moderate Lösung von nur 2×3 entfernten Bankreihen ein.

Die Wahl von drei Stiftungsratsmitgliedern der Stiftung Kirchgemeindehaus, die Änderung des Entschädigungsreglements der Rechnungsprüfungskommission, die Festsetzung des Budgets 2019 sowie die Festsetzung des Steuerfusses 2019 gaben keinen Anlass zu längeren Diskussionen, die Anträge der Kirchenpflege wurden durchgewunken. (stb)