Wädenswil

Eine Kirche wie eine Brücke

Im Jubiläumsjahr der reformierten Kirche erfährt man von Anna Schori-Papadopoulos kunsthistorisch spannendes zum Bau der weitherum einmaligen Kirche. Nicht nur der Teufener Baumeister Grubenmann hat Spuren hinterlassen.

Vier für den Kirchenbau relevante Stationen beschreibt Anna Schori in ihren rund einstündigen Führungen. Nach einigen Bemerkungen zur Baustilistik erzählte sie vom Stillstand, der Aufgaben wahrnahm, die mit der heutigen Kirchenpflege vergleichbar sind; vom Untervogt und Säckelmeister Hans Caspar Blattmann, natürlich vom Architekten der Kirche, Baumeister Grubenmann sowie vom Stuckateur Peter Anton Moosbrugger aus dem vorarlbergischen Schoppernau.
Auf dem Vorplatz vor dem Haupteingang vermittelte die Kunsthistorikerin Interessantes zu den für die Querkirche verwendete Baustilen. Denn die spätbarocke Kirche weist auch Elemente aus anderen Baustilen auf, so etwa passt der romanische Glockenturm stilistisch so gar nicht zu den anderen Bauelementen der Kirche. Wie Anna Schori später verriet, könnte dies eine Reverenz an den alten Kirchenbau sein, der an gleicher Stelle stand und der neuen Kirche weichen musste. Ausserdem erinnerte Schori an die Ecksteinlegung vom 1. August 1764 sowie an die Kirchenweihe vom 23. August 1767.

Ein erster Blickwinkel war die Entstehungsgeschichte der neuen Kirche. Bereits in früheren Zeiten stand am selben Ort ein Gotteshaus; ursprünglich katholisch und der heiligen Maria gewidmet, danach im 16. Jahrhunert reformiert, wurde diese Kirche mit der Zeit der wachsenden Kirchgemeinde zu klein – ausserdem machte sich Renovierungsbedarf bemerkbar. Der Stillstand – also die damalige Kirchenpflege – beriet über das weitere Vorgehen und entschied sich demokratisch für eine Gemeindeabstimmung, die sich für einen Neubau aussprach. Daraufhin wurde der Teufener Baumeister Johann Ulrich Grubenmann kontaktiert, der damals bereits in Oberrieden eine Kirche gebaut hatte.

Der zweite Blickwinkel war jener des Säckelmeisters und Untervogts Hans Caspar Blattmann. Auf sein Betreiben hin war der Wädenswiler Bau der erste Sakralbau Grubenmanns, der die katholische Längsbauweise mit Chor überwand und so zur bedeutendsten Querkirche wurde. Dem Teufener Baumeister, der stets als Generalunternehmer auftrat und eigene Arbeiter mitbrachte, wurden 16 000 Gulden für seine Arbeit in Aussicht gestellt. Der Bau wurde schliesslich etwas teurer, da die Bauherrschaft Änderungen einbrachte und das Bauwerk «ferner viel schöner und propperer» ausgeführt wurde. Um die Mehrkosten zu decken, fand schliesslich die berühmte Gant der Kirchenörtern – also der Sitzplätze auf der Empore – statt. Auch sie auf Anregung auch des Säckelmeisters Blattmann, der am Zahltag der Plätze so 20 000 Gulden einnahm. Später wurden auch noch die Wyberbänke sowie die Plätze nahe der Kanzel versteigert. Am 19. Dezember 1767 rechnete Baumeister Grubenmann mit dem Stillstand ab; er erhielt für seine Arbeit schliesslich 39 000 Gulden, obendrein ein Trinkgeld von 3 000 Gulden.

Hans Ulrich Grubenmann war zur Zeit der Ernennung zum Baumeister der Wädenswiler Kirche bereits ein angesehener Ingenieur. Zu seiner Reputation trug auch der Bau der Schaffhauser Rheinbrücke bei, die nach dem Zusammenbruch der alten Brücke 1754 erneuert zu werden bedurfte. Grubenmann legte ein Modell einer Brücke vor, die 119 Meter Spannweite ohne Stützen in einem einzigen Bogen überwinden sollte. Da das Modell abgelehnt wurde, legte er ein zweites Modell mit einem Mittelpfeiler vor. Die beiden Bogen überspannten 56 und 63 Meter. Eine Anekdote besagt, dass Grubenmann bei der Eröffnung die Auflage beim Mittelpfeiler weggeschlagen haben soll, um seine Ingenieurskunst zu demonstrieren. Eine weitere Anekdote ist jene vor dem Wädenswiler Stillstand, die der Konstruktion des Teufeners erst vertraute, als er auf das präsentierte Modell draufstand, ohne dass es zusammenkrachte. Denn die Wädenswiler Kirche misst 35 Meter auf 18 Meter, ohne sichtbare stützende Säule. Dies ist der speziellen Dachstuhlkonstruktion zu verdanken, die zu den kühnsten Zimmer­manns­arbeiten hierzulande zählt. Gruben­mann kam hier seine Erfahrung als Brückenbauer zugute, denn ähnlich einer Brücke überspannt die Decke den gesamten Inneraum. Die Decke ist an hölzernen Hängesäulen am Dachstuhl aufgehängt.
Seine architektonische Genialität bewies Grubenmann auch bei den Emporen. Diese ziehen sich über die volle Länge an drei Seiten der Kirche hin, ebenfalls ohne Stütz­pfeiler. Anna Schori weist auf die hängenden Säulenkapitelle unter den Em­poren hin. Über diese Kapitelle werde immer noch diskutiert: «Die einen meinen, dass Grubenmann diese extra angebracht hat, um damit auszudrücken ‹seht her, ich brauche keine Säulen› – Tatsache ist jedenfalls, dass die Kapitelle Schrauben der Konstruktion verdecken.»
Grubenmann selber verewigte sich in der Kirche mit seinem Wappen. Dieses Wappen erkennt man, blickt man an die Wand hinter der Orgel (die erste Orgel wurde erst 1826 eingebaut).

Der letzte von Anna Schori betrachtete Blickwinkel richtete sich an die Decke – auf die filigranen Stuckaturen von Peter Anton Moosbrugger. Der Vorarlberger arbeitete zumeist mit seinem Bruder Andreas zusammen, in Wädenswil jedoch zeichnete er alleine für sein Meisterwerk verantwortlich. Die Stuckaturen sind sichtbare Zeichen des Barocks, bzw. des Rokokos, des Ausläufers des Barocks. Während die Wände kaum verziert sind, sind die Kirchendecke wie auch die Stichkappen oberhalb der Fenster reich verziert und zeigen Rocaillen, Voluten, Vasen, Ranken, Blüten, Blätter und Trauben. Auch die in schwarzem Stuckmarmor – also einem Imitat echten Marmors – gefertigte Kanzel stammt von Moosbrugger. Die Kanzel mit Holzkern mit ihrem schwungvollen Schalldeckel aus Rocaille-Stuck zählt zu den wichtigsten Rokoko-Kanzeln der Schweiz. (stb)
Weitere Führungen mit
Anna Schori-Papdopoulos
am Donnerstag, 29. Juni (18.00 Uhr), sowie am 22. Oktober (11.30 Uhr).

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