Peter Stamm zu Gast bei der Lesegesellschaft Wädenswil.
Kann man zum Mars fliegen, indem man sich wochenlang im Keller einbunkert? – Man kann. Vor über siebzig sehr aufmerksamen Zuhörerinnen und Zuhörern las Peter Stamm am Freitag, den 16. Januar, als Erstes einen längeren Auszug aus seiner Erzählung «Mars», in der sich ein Jugendlicher im Keller des Elternhauses eine Raumstation einrichtet, um dann in Echtzeit zum Mars zu fliegen. Der Junge ist besessen von seiner «Mission». Während er unterwegs zum Mars ist, kommuniziert er mit seinen Eltern, die ein einziges Stockwerk höher wohnen, nur per knappen WhatsApp-Nachrichten.
Das radikale Experiment des Sohnes, das immer mehr zu einer Metapher für die Beziehungsunfähigkeit und die Einsamkeit junger Menschen wird, stellt zunehmend auch die Beziehung der Eltern auf die Probe. Peter Stamm las den Schluss der Geschichte nicht, doch er versicherte, dass es seinen Figuren am Ende stets besser gehe als am Anfang …
Freimütig erzählte er im Gespräch mit Nicole Dreyfus auch von der Entstehung seiner Geschichten. Die Schauplätze, an denen sie spielen, sind alle recherchiert: Stamm ist zum Beispiel für die Geschichte «Jump and Run» zweimal zu den Friedenstruppen in den Kosovo gereist, um sich in den dortigen Alltag seiner Heldin einfühlen zu können. Er ist fasziniert von Misch- und Übergangssituationen, in denen Menschen versuchen, sich aus Zwängen zu befreien und einem Unbehagen zu entfliehen, aber ohne genau zu wissen, was auf sie zukommt.
Dabei erweist sich Peter Stamm einmal mehr als Meister der kurzen Strecke: Die Erzählungen im Buch «Auf ganz dünnem Eis», das im vergangenen Herbst erschienen ist, sind konzentriert und fokussiert, atmosphärisch dicht, die Figuren sind mit wenigen Strichen scharf gezeichnet, und doch bleibt manches offen. Oder wie es der Autor im Gespräch ausdrückte: «Mich interessiert das Gegenteil einer Netflix-Serie».
Das gilt auf jeden Fall auch für den Text «Wintern», den Stamm zum Abschluss las. Die Erzählung spielt während der nächsten Eiszeit: Ein Klimaforscher, der seit Jahren als Einziger in einem Walliser Ort ausharrt, um Daten zu sammeln, erlebt seinen Aufenthalt in einem alten Schloss als innere Befreiung: Es macht ihm nichts aus, dass ihn die Welt vergessen hat: «Ich bin nicht allein, ich bin der Einzige». Mit dieser Gewissheit im Gepäck macht er sich schliesslich auf den Weg, um durch das entvölkerte Wallis der Rhone zu folgen. Sein Ziel ist das Meer. (e)
Peter Stamm zu Gast bei der Lesegesellschaft Wädenswil.
Kann man zum Mars fliegen, indem man sich wochenlang im Keller einbunkert? – Man kann. Vor über siebzig sehr aufmerksamen Zuhörerinnen und Zuhörern las Peter Stamm am Freitag, den 16. Januar, als Erstes einen längeren Auszug aus seiner Erzählung «Mars», in der sich ein Jugendlicher im Keller des Elternhauses eine Raumstation einrichtet, um dann in Echtzeit zum Mars zu fliegen. Der Junge ist besessen von seiner «Mission». Während er unterwegs zum Mars ist, kommuniziert er mit seinen Eltern, die ein einziges Stockwerk höher wohnen, nur per knappen WhatsApp-Nachrichten.
Das radikale Experiment des Sohnes, das immer mehr zu einer Metapher für die Beziehungsunfähigkeit und die Einsamkeit junger Menschen wird, stellt zunehmend auch die Beziehung der Eltern auf die Probe. Peter Stamm las den Schluss der Geschichte nicht, doch er versicherte, dass es seinen Figuren am Ende stets besser gehe als am Anfang …
Freimütig erzählte er im Gespräch mit Nicole Dreyfus auch von der Entstehung seiner Geschichten. Die Schauplätze, an denen sie spielen, sind alle recherchiert: Stamm ist zum Beispiel für die Geschichte «Jump and Run» zweimal zu den Friedenstruppen in den Kosovo gereist, um sich in den dortigen Alltag seiner Heldin einfühlen zu können. Er ist fasziniert von Misch- und Übergangssituationen, in denen Menschen versuchen, sich aus Zwängen zu befreien und einem Unbehagen zu entfliehen, aber ohne genau zu wissen, was auf sie zukommt.
Dabei erweist sich Peter Stamm einmal mehr als Meister der kurzen Strecke: Die Erzählungen im Buch «Auf ganz dünnem Eis», das im vergangenen Herbst erschienen ist, sind konzentriert und fokussiert, atmosphärisch dicht, die Figuren sind mit wenigen Strichen scharf gezeichnet, und doch bleibt manches offen. Oder wie es der Autor im Gespräch ausdrückte: «Mich interessiert das Gegenteil einer Netflix-Serie».
Das gilt auf jeden Fall auch für den Text «Wintern», den Stamm zum Abschluss las. Die Erzählung spielt während der nächsten Eiszeit: Ein Klimaforscher, der seit Jahren als Einziger in einem Walliser Ort ausharrt, um Daten zu sammeln, erlebt seinen Aufenthalt in einem alten Schloss als innere Befreiung: Es macht ihm nichts aus, dass ihn die Welt vergessen hat: «Ich bin nicht allein, ich bin der Einzige». Mit dieser Gewissheit im Gepäck macht er sich schliesslich auf den Weg, um durch das entvölkerte Wallis der Rhone zu folgen. Sein Ziel ist das Meer. (e)