Aktuell Wädenswil

Ein Wädenswiler entdeckt tiefes Schachtsystem im Muotatal

Rund um den Pragelpass, dem Übergang vom Muota- zum Klöntal, besteht ein ausgedehntes Karstsystem. Das Karst-system Bödmeren-Silberen ist die grösste und bekannteste Karstlandschaft der Schweiz, geprägt von zerklüfteten Kalkfelsen (Karrenfeldern), Dolinen und einem riesigen, darunter liegenden Höhlensystem, dem Hölloch mit über 212 km erforschter Länge. Das unwirtliche Gelände ist schon länger Ziel von Höhlenforschern.

Text / Interview: Stefan Baumgartner
Bilder / Grafik: zvg

Eine Höhlenforschergruppe mit dem 20-jährigen Hüttner Simon Ziegler suchte im Oktober 2025 mehrere Tage lang in diesem Gebiet die Karrenfelder auf über 2000 Metern nach möglichen Öffnungen in tiefere Schächte und Höhlen ab. Sie fand mehrere kleinere Einstiege, die immerhin hundert und mehr Meter Länge unter den Boden führten. Unerwartet stiess sie dabei aber auch auf eine grosse Höhle. Im Gespräch mit dem Wädenswiler Anzeiger berichtet Simon Ziegler über sein Hobby und von der Entdeckung des Schachts.

Zuerst: Der entdeckte Schacht trägt einen witzigen Namen:
Wie kam’s dazu?
Bei Höhlenforschern ist es üblich, dass die Entdecker die Höhle oder eben den Schacht auch benennen. Damals waren wir während jenen Tagen, in den wir das Gebiet erforschten, alle etwas kränkelnd und hustend, so dass die Entdeckung den Namen «Hustenschacht» bekam.

Wie viele Personen waren an der Entdeckung beteiligt?
Während dieser Forschungswoche waren wir zu sechst unterwegs. Sebastian Pingel (Schönenberg ZH), Patrick Iff (Schlieren), Sorin Schmassmann (Bern), Thierry Lefèvre (Schwerzenbach) und Raimon Bon (Gränichen), alles Mitglieder der AGH.
Bei der Entdeckung des Schachtes waren Sebastian, Sorin, Patrick und ich dabei.

Viele Karstspalten führen wohl ins Nichts. Wann und wie wurde klar, dass die ­Entdeckung ziemlich bedeutend ist?
Es war ein Zufallsfund. Meistens sind die Höhlen, die man horizontal betritt, interessanter, da der frühere Gletscher die senkrechten Löcher häufig mit Geröll gefüllt hat. Bei diesem unscheinbaren Schacht diskutierten wir erst, ob wir überhaupt einsteigen sollten. Zwei waren noch in einer anderen Höhle, also gingen wir kurz rein. Anstatt des üblichen Schuttbodens ging’s um eine Kurve, wo es dann 25 m senkrecht runter ging. Danach folgte ein schmaler, aber hoher Gang. Da keimte Hoffnung auf. Und als wir dann oben am grossen Schacht standen, war klar, dass wir da etwas Grösseres gefunden haben. Wir liessen einen Stein in die Tiefe fallen, und nach Flugzeit rechneten wir mit etwa 60 Metern Tiefe. So seilte ich mich mit 100 Meter Seil in die Tiefe – da schluckt man ein Meter vor Seilende schon leer, wenn man sieht, dass es unten immer noch dunkel ist.
Rein von den Dimensionen her ist die Höhle einzigartig. Wir haben zwar schon längere gefunden, aber der 170 m tiefe Schacht mit den grossen Hallen ist einzigartig.

Kommt keine Angst auf, wenn man weiss, dass man Neuland betritt?
Es ist eher das Gegenteil der Fall. Aufregung, Adrenalin! Das Gefühl, der erste Mensch zu sein, der hier durchgeht, die Aufregung – und die Spannung, was kommt als nächstes?

Gabs bei der Entdeckung und Erforschung auch Hindernisse oder Gefahren?
Eigentlich nicht. Die Gefahr von losen Steinen in den Schächten mussten wir immer im Auge behalten. Zusätzlich ging uns mehrfach das Seil aus, deswegen brauchten wir Nachschub aus dem Material-Lager.

Was sind die nächsten Schritte in der ­Erforschung des Hustenschachts?
Wir haben erst vier Touren in dieser neuen Höhle absolviert. Nun ist der Eingang schneebedeckt. Im Sommer werden wir in der ganzen Höhle die Nebengänge erforschen. Davon hat es über 80, und wir hoffen, die Fortsetzung des grossen Ganges zu finden.

Bis jetzt gibt’s noch keine Verbindung von der «Silberen» ins Hölloch, aber man weiss, dass die Gebiete miteinander verbunden sind. Haben die Forschungsreisen zur «Silberen» das Ziel, diese Verbindung zu suchen?
In diesem Karstgebiet fliesst ein Teil des Wassers ins Muotatal, der andere fliesst ins Klöntal ab. Das betreffende Gebiet ist Richtung Klöntal, es ist aber überhaupt nicht klar in welche Richtung das Wasser fliessen wird. Wasserfärbungen werden das zeigen. Da man jedoch überhaupt nicht weiss, wohin das Wasser fliessen wird, sind die Messungen relativ aufwändig. Realistisch wäre beispielsweise zuhinterst im Hölloch, doch bis dahin wären wir etwa 10 Stunden unterwegs. Daher ist das ein grösseres Projekt.
Bis jetzt gibt es noch keine begehbare Verbindung, aber man weiss, dass eine Verbindung besteht. Unser Vereinsziel ist auch, die Verbindung zwischen den beiden Systemen zu finden.

Auch im Gebiet Hoch-Ybrig gibt es Höhlen. Wie wahrscheinlich ist es, dass auch dieses System mit dem Karstfeld und dem Hölloch verbunden ist?
Das ist nahezu ausgeschlossen. Die Karstschichten des Hölloch sind viel zu tief unter dem Hoch-Ybrig, als dass da eine Verbindung bestehen könnte. Wir haben da auch unterschiedliche Gesteinsschichten.

Du und die weiteren Entdecker sind alle sehr jung. Woher kommt diese Neugier, in die Tiefe zu gehen?
Ich selbst bin seit meiner frühen Kindheit mit meinem Vater unterwegs in Höhlen. Als ich 12 war, hatte mein Vater einen Unfall, der ihm das Hobby verunmöglichte. Deshalb war ich mit dem Sohn eines anderen Höhlenforschers unterwegs, und in der Folge wurde die Gruppe immer grösser. Wir sind Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Höllochforschung AGH.

Wie weit ist Höhlenforschung vergleichbar mit Bergsteigen?
Erstaunlich wenig. Wir klettern wenig, wir arbeiten mit Fixseilen. Zu unserer Ausrüstung gehören auch Gummistiefel und eine Art «Über-
gwändli». Was vielleicht vergleichbar ist, ist das Entdecken von Neuland mit Erstbesteigungen von Bergen.

Was sind Höhlenforscher? Mehr Wissenschafter oder Abenteurer?
Wir sind keine Wissenschafter, bzw. die wenigsten arbeiten in diesem Bereich. Das Abenteuer überwiegt. Natürlich vermessen und kartografieren wir neue Gänge und unterhalten Messstationen, aber wir sind Laien.

Gab’s auch mal gefährliche Momente?
Ich bin unfallfrei bis auf kleinere Bagatellen. Einige Schreckmomente gab es mit altem Material. Natürlich gibt es auch Sachen, die wir nicht steuern können – aber das gibt es in den Bergen auch.

Werden in den Höhlen auch Überreste früheren Lebens gefunden?
Ja, das kommt vor, und in unserem Verein kümmert sich eine Person darum. Finden wir Knochen, geben wir diese ab. Wenn sie interessant genug sind, werden sie von der Kantonsarchäologie bestimmt. Wir finden etwa in jeder vierten Höhle Knochen, aber oft sind es verirrte Schafe, Ziegen oder Gämsen. Einmal fanden wir die Überreste eines 5000 Jahre alten Steinbocks.

Was ist höher gewichtet? Der sportliche Aspekt oder der Forschergeist?
Für mich ganz klar der Forschergeist und der Teamspirit. Wir haben jedoch im Verein schon einige Mitglieder, die etwa vom Bergsport kommen, und denen auch der sportliche Aspekt wichtig ist.

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