Ein Stück Wädenswiler Handwerks- und Kunstgeschichte geht zu Ende.
Text & Bilder: Sabine Itting
Zwischen Rahmenleisten, unzähligen Kunstdrucken, Werkzeugen und Kisten voller Erinnerungen steht René Schmuckli in seinem Laden an der Türgass. Nach über vier Jahrzehnten neigt sich eine Ära dem Ende zu. «Es war eine wunderschöne Zeit», sagt der 70-Jährige ruhig. «Aber nun freue ich mich darauf, mehr mit Familie und Freunden zu unternehmen. Ich habe viele Hobbys und Projekte.»
Ein Laden voller Geschichte
Wer den Laden betritt, merkt schnell: Hier steckt Geschichte drin. Und je länger man sich umsieht, desto mehr entdeckt man: Rahmen in allen Grössen, Naturhölzer, Bücher, alte Musterformen, Leimtopf, Goldpinsel, selbst gefertigte Rahmen aus einer Zeit, in der alles noch Handarbeit war. Schmuckli kennt jedes Stück und weiss etwas darüber zu erzählen.
Vom Bastelgeschäft zum Fachatelier
Seine berufliche Laufbahn begann ursprünglich anders: Er lernte Eisenwaren- und Haushaltswarenhändler und arbeitete anschliessend drei Jahre bei einem Grossverteiler. Doch der Wunsch, selbstständig und kreativ zu sein, begleitete ihn schon früh.
Vor 47 Jahren ergab sich die Gelegenheit, ein Geschäft an der Schönenbergstrasse zu übernehmen. 1978 begann er dort mit dem «Bastel- und Hobbyzentrum» mit Holzzuschnittservice und einer kleinen Rahmenabteilung. 1980 zog er an die Türgass, wo «Schmuckli-Einrahmungen und Vergolderei» bis Weihnachten 2025 ansässig bleibt.
Die Anfangsjahre waren geprägt von der damaligen Rezession. Doch das Geschäft erholte sich, entwickelte sich weiter und wurde zu einer festen Adresse in Wädenswil und der Region. Das Bastelsortiment verschwand später, dafür nutzte Schmuckli einen Teil des Ladens als Galerie. Einheimische und externe Künstler stellten ihre Werke aus – manche dauerhaft, manche temporär.
Kunst, Einrahmungen und Begegnungen
Verkauft wurden Bilder lokaler Kunstschaffender, oft im Tausch gegen Rahmen, ebenso wie Werke überregionaler Künstlerinnen und Künstler, die Schmuckli an Kunstauktionen erworben hatte. Mit den Jahren wuchs vor allem der Einrahmungsservice. Schmuckli bot Rahmen «von günstig bis hochwertig», und die Nachfrage stieg stetig. In der Region hatte er lange Zeit nur wenige Mitbewerber und baute sich so eine treue Kundschaft auf. Viele kamen nicht nur wegen eines Bildes, sondern auch für ein Gespräch. «Manchmal war ich auch ein wenig Seelsorger», sagt er schmunzelnd.
Die Freude an der Arbeit – an Rahmen, Bildern und den Menschen – ist ihm bis heute anzumerken. «Wichtig war mir immer eine faire, persönliche Beratung.» Und er betont: Ohne seine erste Frau hätte sich das Geschäft nie in diesem Umfang entwickeln können.
Unterstützung und Partnerschaft
Seit über 26 Jahren steht ihm seine Lebensgefährtin Esther Meier zur Seite. Sie beherrscht sämtliche Einrahmungsarbeiten und war
nicht nur im Laden in Wädenswil, sondern auch in einem später aufgebauten Engros-Bereich unverzichtbar. Bei dessen Nachfolger wird sie weiterhin in derselben Branche tätig bleiben. Gemeinsam gingen sie als gut eingespieltes Team beruflich durch viele Stationen.
Vergolderei – autodidaktische Präzision
Besonders geschätzt wurden Schmucklis Naturholzrahmen, Übereck vergoldete Modelle ohne sichtbaren Gehrungsschnitt, lasierte, gemalte, eiserne und solche aus Aluminium. Formen für Eckverzierungen liegen bis heute im Hinterzimmer – ein kleiner Kulturschatz, über dessen Zukunft noch entschieden wird.
Sein Vergolderkönnen ist bemerkenswert: Nach nur zwölf Lektionen in einer Vergolderei eignete er sich das Handwerk autodidaktisch an und verfeinerte es an unzähligen Übungsstücken mit viel Geduld und Präzision weiter.
Ein Treffpunkt für Kunstliebhaber
Über die Jahre wurde der Laden weit mehr als eine Werkstatt. Er war ein Treffpunkt für Kunstinteressierte, ein Ort für Gespräche, Begegnungen und kulturelle Höhepunkte. Unvergessen bleibt der Sommer 1999, als der Wädenswiler Künstler Jürg Theodor Bühler seine Werke hier zeigte. Zur Vernissage gab es eine Weindegustation, die Ausstellung zog zahlreiche Gäste an. «Das waren schöne Momente», erinnert sich Schmuckli. Ein Stück Wädenswiler Kulturgeschichte entstand in diesen Räumen.
Noch heute finden sich Spuren dieser Zeit. Viele Holzschnitte von Bühler stehen weiterhin in den Regalen. Und nun, da «alles raus muss», können Kunstliebhaber wahre Schnäppchen machen: Moderne Werke, feine Zeichnungen, klassische Impressionisten – vieles zu stark reduzierten Preisen. Wer vorbeikommt, entdeckt hochwertige Drucke und Einzelstücke, die sonst kaum mehr erhältlich sind.
Ausverkauf und Abschied
Einen Nachfolger gibt es nicht. «Das Geschäft ist für kleine Fachbetriebe extrem schwierig geworden», sagt Schmuckli. In den letzten Jahren habe er seinen Laden mehr als Hobby geführt. «Leben könnte man davon oft nicht mehr. Alles soll billig sein, vieles wird im Internet bestellt, echtes Handwerk ist kaum noch gefragt.»
Trotzdem blickt er gelassen in die Zukunft. Ein neuer Lebensabschnitt wartet, und Langeweile wird es sicher nicht geben. Er freut sich auf mehr Zeit mit seiner Partnerin, den Kindern, den sechs Enkelkindern, Kollegen und Kolleginnen. Rund um ihr Haus in einem kleinen Weiler fallen stets Arbeiten an. Vieles erledigt er selbst, nur den Garten überlässt er gerne seiner Lebensgefährtin.
Eine besondere Leidenschaft ist die Modelleisenbahn. Aufgewachsen am Bahnhof Wädenswil faszinierten ihn Züge schon von klein auf. Heute gilt seine Liebe der Rhätischen Bahn – detailverliebt, heimelig, klein. Hinzu kommen das Töfffahren, für das er früher oft zu wenig Zeit fand, sowie das 3D-Drucken: Damit stellt er Figuren und Bauteile für seine Modellbahn her, die er anschliessend mit viel Geduld und Sorgfalt bemalt.
Die letzten Schätze
Jetzt, kurz vor der Schliessung, gibt der Laden noch einmal alles her: Schachtelweise Bilderrahmen, hochwertige Kunstdrucke – darunter Werke von Monet, Kandinsky, Klimt sowie von Einheimischen wie Bühler und Scheidegger. Alles zu absoluten Bestpreisen – denn Kunst soll Freude machen, nicht im Keller verstauben.
Im Hinterzimmer lagern wahre Zeitzeugen: Gussformen für Rahmen, aufwendig verzierte Jugendstilbücher und viele Kunstbücher.
Ein letzter Blick in den Laden zeigt: Hier lebt nicht nur Handwerk, sondern auch Geschichte, Leidenschaft und Begegnung – und das noch bis zum 24. Dezember um 16 Uhr, da sich danach die Türen endgültig schliessen.
Ein Stück Wädenswiler Handwerks- und Kunstgeschichte geht zu Ende.
Text & Bilder: Sabine Itting
Zwischen Rahmenleisten, unzähligen Kunstdrucken, Werkzeugen und Kisten voller Erinnerungen steht René Schmuckli in seinem Laden an der Türgass. Nach über vier Jahrzehnten neigt sich eine Ära dem Ende zu. «Es war eine wunderschöne Zeit», sagt der 70-Jährige ruhig. «Aber nun freue ich mich darauf, mehr mit Familie und Freunden zu unternehmen. Ich habe viele Hobbys und Projekte.»
Ein Laden voller Geschichte
Wer den Laden betritt, merkt schnell: Hier steckt Geschichte drin. Und je länger man sich umsieht, desto mehr entdeckt man: Rahmen in allen Grössen, Naturhölzer, Bücher, alte Musterformen, Leimtopf, Goldpinsel, selbst gefertigte Rahmen aus einer Zeit, in der alles noch Handarbeit war. Schmuckli kennt jedes Stück und weiss etwas darüber zu erzählen.
Vom Bastelgeschäft zum Fachatelier
Seine berufliche Laufbahn begann ursprünglich anders: Er lernte Eisenwaren- und Haushaltswarenhändler und arbeitete anschliessend drei Jahre bei einem Grossverteiler. Doch der Wunsch, selbstständig und kreativ zu sein, begleitete ihn schon früh.
Vor 47 Jahren ergab sich die Gelegenheit, ein Geschäft an der Schönenbergstrasse zu übernehmen. 1978 begann er dort mit dem «Bastel- und Hobbyzentrum» mit Holzzuschnittservice und einer kleinen Rahmenabteilung. 1980 zog er an die Türgass, wo «Schmuckli-Einrahmungen und Vergolderei» bis Weihnachten 2025 ansässig bleibt.
Die Anfangsjahre waren geprägt von der damaligen Rezession. Doch das Geschäft erholte sich, entwickelte sich weiter und wurde zu einer festen Adresse in Wädenswil und der Region. Das Bastelsortiment verschwand später, dafür nutzte Schmuckli einen Teil des Ladens als Galerie. Einheimische und externe Künstler stellten ihre Werke aus – manche dauerhaft, manche temporär.
Kunst, Einrahmungen und Begegnungen
Verkauft wurden Bilder lokaler Kunstschaffender, oft im Tausch gegen Rahmen, ebenso wie Werke überregionaler Künstlerinnen und Künstler, die Schmuckli an Kunstauktionen erworben hatte. Mit den Jahren wuchs vor allem der Einrahmungsservice. Schmuckli bot Rahmen «von günstig bis hochwertig», und die Nachfrage stieg stetig. In der Region hatte er lange Zeit nur wenige Mitbewerber und baute sich so eine treue Kundschaft auf. Viele kamen nicht nur wegen eines Bildes, sondern auch für ein Gespräch. «Manchmal war ich auch ein wenig Seelsorger», sagt er schmunzelnd.
Die Freude an der Arbeit – an Rahmen, Bildern und den Menschen – ist ihm bis heute anzumerken. «Wichtig war mir immer eine faire, persönliche Beratung.» Und er betont: Ohne seine erste Frau hätte sich das Geschäft nie in diesem Umfang entwickeln können.
Unterstützung und Partnerschaft
Seit über 26 Jahren steht ihm seine Lebensgefährtin Esther Meier zur Seite. Sie beherrscht sämtliche Einrahmungsarbeiten und war
nicht nur im Laden in Wädenswil, sondern auch in einem später aufgebauten Engros-Bereich unverzichtbar. Bei dessen Nachfolger wird sie weiterhin in derselben Branche tätig bleiben. Gemeinsam gingen sie als gut eingespieltes Team beruflich durch viele Stationen.
Vergolderei – autodidaktische Präzision
Besonders geschätzt wurden Schmucklis Naturholzrahmen, Übereck vergoldete Modelle ohne sichtbaren Gehrungsschnitt, lasierte, gemalte, eiserne und solche aus Aluminium. Formen für Eckverzierungen liegen bis heute im Hinterzimmer – ein kleiner Kulturschatz, über dessen Zukunft noch entschieden wird.
Sein Vergolderkönnen ist bemerkenswert: Nach nur zwölf Lektionen in einer Vergolderei eignete er sich das Handwerk autodidaktisch an und verfeinerte es an unzähligen Übungsstücken mit viel Geduld und Präzision weiter.
Ein Treffpunkt für Kunstliebhaber
Über die Jahre wurde der Laden weit mehr als eine Werkstatt. Er war ein Treffpunkt für Kunstinteressierte, ein Ort für Gespräche, Begegnungen und kulturelle Höhepunkte. Unvergessen bleibt der Sommer 1999, als der Wädenswiler Künstler Jürg Theodor Bühler seine Werke hier zeigte. Zur Vernissage gab es eine Weindegustation, die Ausstellung zog zahlreiche Gäste an. «Das waren schöne Momente», erinnert sich Schmuckli. Ein Stück Wädenswiler Kulturgeschichte entstand in diesen Räumen.
Noch heute finden sich Spuren dieser Zeit. Viele Holzschnitte von Bühler stehen weiterhin in den Regalen. Und nun, da «alles raus muss», können Kunstliebhaber wahre Schnäppchen machen: Moderne Werke, feine Zeichnungen, klassische Impressionisten – vieles zu stark reduzierten Preisen. Wer vorbeikommt, entdeckt hochwertige Drucke und Einzelstücke, die sonst kaum mehr erhältlich sind.
Ausverkauf und Abschied
Einen Nachfolger gibt es nicht. «Das Geschäft ist für kleine Fachbetriebe extrem schwierig geworden», sagt Schmuckli. In den letzten Jahren habe er seinen Laden mehr als Hobby geführt. «Leben könnte man davon oft nicht mehr. Alles soll billig sein, vieles wird im Internet bestellt, echtes Handwerk ist kaum noch gefragt.»
Trotzdem blickt er gelassen in die Zukunft. Ein neuer Lebensabschnitt wartet, und Langeweile wird es sicher nicht geben. Er freut sich auf mehr Zeit mit seiner Partnerin, den Kindern, den sechs Enkelkindern, Kollegen und Kolleginnen. Rund um ihr Haus in einem kleinen Weiler fallen stets Arbeiten an. Vieles erledigt er selbst, nur den Garten überlässt er gerne seiner Lebensgefährtin.
Eine besondere Leidenschaft ist die Modelleisenbahn. Aufgewachsen am Bahnhof Wädenswil faszinierten ihn Züge schon von klein auf. Heute gilt seine Liebe der Rhätischen Bahn – detailverliebt, heimelig, klein. Hinzu kommen das Töfffahren, für das er früher oft zu wenig Zeit fand, sowie das 3D-Drucken: Damit stellt er Figuren und Bauteile für seine Modellbahn her, die er anschliessend mit viel Geduld und Sorgfalt bemalt.
Die letzten Schätze
Jetzt, kurz vor der Schliessung, gibt der Laden noch einmal alles her: Schachtelweise Bilderrahmen, hochwertige Kunstdrucke – darunter Werke von Monet, Kandinsky, Klimt sowie von Einheimischen wie Bühler und Scheidegger. Alles zu absoluten Bestpreisen – denn Kunst soll Freude machen, nicht im Keller verstauben.
Im Hinterzimmer lagern wahre Zeitzeugen: Gussformen für Rahmen, aufwendig verzierte Jugendstilbücher und viele Kunstbücher.
Ein letzter Blick in den Laden zeigt: Hier lebt nicht nur Handwerk, sondern auch Geschichte, Leidenschaft und Begegnung – und das noch bis zum 24. Dezember um 16 Uhr, da sich danach die Türen endgültig schliessen.