Wädenswil

Fabio Reichelt – Musik im Blut

Am Samstag, 22. November, gab Fabio Reichelt sein letztes Konzert mit den Sugarpuffs. Für die Band bedeutet das allerdings nicht das Ende und auch Fabio Reichelt wird sich weiterhin anderen Musikprojekten zuwenden.

Text: Ingrid Eva Liedtke
Bilder: zvg

Vor über dreissig Jahren hat ein Keyboarder aus dem Zürcher Oberland ein Engagement für ein Konzert angenommen und hatte zu diesem Zeitpunkt weder eine Band noch ein Repertoire. Schnell musste er eine Truppe zusammentrommeln. Diese gibt es noch immer und – gereift durch unzählige Auftritte an Konzerten und Parties – weiss die Band ihr Publikum mit unbändiger Leidenschaft und Spielfreude zu begeistern.
Zu den langjährigen Bandmitgliedern Bruno Kaufmann (Sax), Don Randolph (Tromb), Markus Alder (Guit) und Vali Magaro (Bass) kamen in den letzten Jahren Fabio Reichelt (Keyb) und die jungen Talente Michel Bühler (Dr) und Jacqueline Vetterli (Voc) hinzu.

Der musikalische Weg von Fabio Reichelt

Fabio Reichelt hatte seine Passion für Musik schon früh, nämlich in seiner Kindheit, entdeckt. Er erinnert sich: «Ich war noch sehr klein, drei oder vier Jahre alt. Wir wohnten damals in Thalwil. Ich hörte die Nachbarn Klavier spielen und fand das wunderschön. Irgendwann konnten wir dann deren altes Klavier übernehmen. An diesem Klavier sass ich oft und habe einfach darauf herumgeklimpert und versucht, Gehörtes nachzuspielen.» Er hat nie mehr damit aufgehört.
Musik war für den kleinen Jungen überall. Man kann wohl sagen: Wer sie sucht, der findet sie auch.
«Im Kindergarten hatten wir Lieder mit farbigen Punkten, und die Tasten des Klaviers waren mit denselben Farben markiert. So lernte ich Liedlein spielen. Meine Mutter spielte Flöte und hat uns beim Zubettgehen oft etwas vorgespielt. Ich habe auch immer gerne gesungen und erinnere mich an Weihnachten bei den Grosseltern, wo gesungen und musiziert wurde. Mein Onkel spielte Gitarre.»

Wie viele Kinder mit dem Wunsch, ein Instrument spielen zu lernen, begann Fabio Reichelt mit der Blockflöte. «Vielleicht war da die Absicht dahinter, dass man so leicht Notenlesen lernt», meint er. «Ich habe mir aber auch sehr viel über das Gehör angeeignet. Ich hörte etwas und habe versucht, die Melodie zweihändig auf dem Klavier zu spielen. Ich glaube, ich konnte das relativ schnell umsetzen. Mit 9 Jahren dann erhielt ich klassischen Klavierunterricht – 3 Jahre lang. Das hat mir überhaupt nicht gefallen, was mit der Klavierlehrerin zusammenhing. Ein Beispiel: Mein Grossvater, Fredy Reichelt, hat mir beigebracht, ein Stück von Bach, die 2-stimmige Invention in F-Dur, nach Gehör zu spielen. Voller Stolz spielte ich es meiner Klavierlehrerin vor, deren einzige Reaktion war, mich auf ein paar Fehler hinzuweisen. Ich war so enttäuscht und wütend, dass ich daraufhin nicht mehr zur Klavierstunde gegangen bin.»
Das musikalische Interesse, die Leidenschaft, konnte diese Klavierlehrerin zum Glück nicht zerstören. Fabio Reichelt wandte sich dann der Gitarre zu. «Ein anderer Onkel hat mir tolle Tricks auf der Gitarre gezeigt: Schrummen, Zupfen und verschiedene Griffmuster, Blues-Skalen. Und dann habe ich Gitarrenunterricht genommen. In der Oberstufe schliesslich hatten wir Singen bei einem Lehrer, der kein Begleitinstrument spielen konnte, also durften ich und ein Klassenkamerad diesen Part übernehmen. Ich brachte mir selbst bei, die Lieder auf der Gitarre zu begleiten und später auch auf dem Klavier, weil ich fand, dass gewisse Lieder auf dem Klavier schöner klingen. Der Singlehrer fand dies cool und ich auch.»

Sich weiterentwickeln

Der Drang, weiterzukommen, sich musikalisch weiterzuentwickeln, war immer latent.
Durch weitere Musiklehrer wie Andrew Bond, Zoltan Szalatnay und Ralf Peter konnte er stetig dazulernen, sein Klavierspiel verfeinern und sich auch die Improvisation erschliessen, womit er eigene Ideen umsetzen konnte.
«In der Lehre gründete ich dann mit ein paar Kollegen eine Band. Wir haben sogar mal eine CD herausgegeben. Diese Band hat sich wieder aufgelöst, und ich war dann in verschiedenen Bands unterwegs. Zudem habe ich die musikalische Leitung des Rockgottesdienstes in der Reformierten Kirche Wädenswil übernommen. Der Gitarrist, der da auch mitmachte, war bei den Sugarpuffs. Und als bei denen dann der Pianist aufhörte, bin ich eingestiegen – das war vor 12 Jahren.»

The Sugarpuffs – die Partyband

Die Sugarpuffs sind eine Tanz- und Partyband. Neben den Konzerten, die sie geben, kann die Band auch für Anlässe, Firmenfeste, Geburtstage und Hochzeiten engagiert werden.

Unterdessen sind die Bandmitglieder nicht mehr gar so jung und spielen gerne die Musik ihrer jungen Jahre, also Pop, Funk und Soul. Die Evergreens locken mehrheitlich ein Publikum Ü45 an, auch wenn immer wieder mal auch ein jüngeres Tanzgesicht im Publikum auszumachen ist. Die Band versteht es gut, eine ausgelassene Partystimmung zu kreieren und kann sich einer Menge treuer Fans erfreuen. An den Konzerten ist immer viel Publikum da, auch Fans, die der Band an ihre Konzerte, zum Beispiel in Wetzikon oder Zürich, nachreisen.
Fabio sagt: «Die meisten Bandmitglieder sind halt auch schon Ü60, und wir spielen die Musik, mit der wir gross geworden sind. Es ist dann schon so, dass die Leute voll abgehen, tanzen und mitsingen.»

Und das jüngere Publikum?

Das Alter des Publikums ist für den Musiker nicht so relevant. Die Musik sei ihm das Wichtigste und der Wunsch, die Absicht, damit Menschen zu berühren. «Ich möchte mit meiner Musik etwas geben, die Menschen bewegen, etwas in ihnen berühren. Man assoziiert Musik ja sehr oft mit Erlebnissen. Im besten Fall löst sie etwas Gutes aus. Wenn so viele tanzen, dann sind da viele gute Gefühle im Raum. Das ist schön!»

Musikstil

Fabio Reichelts Leidenschaft ist es, Musik zu machen. Er ist ein vielseitiges Musiktalent. Daher versteht es sich, dass er offen ist für viele Musikstilrichtungen. Es gibt nicht die eine, die er bevorzugt. Er hat schon Weihnachtsspiele und Musicals inszeniert, zum Beispiel zum Zwingli-
Jubiläum in der Reformierten Kirche Wädenswil, oder hat mit Schülerinnen und Schülern zu einem vorgegebenen Thema Lieder entwickelt und einstudiert, mit dem Schülerchor gearbeitet und Theater und Bands mitorganisiert.
Zukünftig aber will er mehr Musik im kleineren Rahmen machen. Das ist mit ein Grund, warum er nun bei den Sugarpuffs aufhört.
«Ich mag Pop schon, aber auch Folk, den Singer-Songwriter-Stil, worauf ich mich momentan vermehrt konzentrieren möchte.»

Projekte – schauen, wie es weitergeht

Die Frage nach neuen Projekten kann und will er noch nicht präzise beantworten. «Ich habe Ideen, habe schon ausprobiert, Konzerte in anderen Formationen zu geben. Ich bin noch auf der Suche, ob sich neue Gefässe öffnen, die diesen ‹Drang› oder ‹Wunsch› aufnehmen und mir Möglichkeiten zur Umsetzung bieten. Auf jeden Fall bin ich immer wieder in Kontakt mit anderen Musikern.»

Kirchenmusiker

Fabio Reichelt arbeitet auch als Kirchenmusiker, zeichnet für die musikalische Leitung des Rockgottesdienstes der Reformierten Kirche Wädenswil verantwortlich. Weil er so gerne Musik macht oder weil der religiöse Aspekt eine Rolle spielt?

Er überlegt eine Weile, bevor er antwortet: «Das Schwierigste, denke ich, ist den Grat zwischen Konzert und Gottesdienst zu gehen. Der Rockgottesdienst soll keinen Konzertcharakter haben. Ich beabsichtige, die Musik des Lebens, die Musik von der Strasse in die Kirche zu bringen. Die Musik, die wir in der Kirche machen, soll den Menschen nah sein, soll sie berühren, inhaltlich und musikalisch. Darum spielen wir in der Kirche mehrheitlich dieselben Stücke wie an Konzerten. Wichtig ist, dass die Stücke thematisch zum Gottesdienst passen.»
Fabio Reichelt gestaltet das gesamte Repertoire für solche Gottesdienste und bereitet es für die anderen Musiker auf. Die Band des Rockgottesdienstes besteht aus fünf Musikerinnen und Musikern: Sie spielen Piano, Bass, Gitarre, Schlagzeug und singen. Fabio singt neben dem Pianospiel auch.
«Ich singe eher im Hintergrund, wie bei den Sugarpuffs auch. Im Gottesdienst haben wir auch eine Leadsängerin.»

Mehr singen

Eines von Reichelts Anliegen für neue Projekte ist, dass er selber mehr singen kann. Er hat in den letzten zwei Jahren Gesangsunterricht genommen, um seine Stimme zu bilden. «Ich habe in den letzten Jahren gespürt, dass das Singen mir sehr gefällt und guttut. Es macht nochmals etwas Anderes mit mir, löst etwas in mir aus und – ich denke – bei den Zuhörerinnen und Zuhörern auch.»
Was denn? «Es holt meine Emotionen hervor und befreit. Ich bin eine eher verschlossene Person, trage mein Herz nicht immer auf der Zunge. Singen ist ein Kanal, um gewisse Gefühle herauszulassen und zu zeigen. Ich habe das Gefühl, wenn ich mich durch die Musik, respektive den Gesang, zeige, kann das bei den Menschen im Publikum auch eigene Gefühle auslösen. Das, so denke ich, ist die eigentliche Absicht von Musik, von Kunst, wenn man sie an die Öffentlichkeit trägt.»

Familie und letztes Konzert

Fabio Reichelt ist ein engagierter Familienvater, einer, der am Leben seiner Kinder teilhaben will. «Meine Kinder», so erklärt er, «haben nun am Wochenende vermehrt Verpflichtungen durch ihre Hobbys. Diese überschneiden sich oft mit meinen Verpflichtungen mit der Band, was mich schon öfters in das Dilemma führte, zwischen Familie und Band zu entscheiden. Meine Frau macht zudem eine fünfjährige Ausbildung, was auch Zeit beansprucht. Ich habe realisiert, dass es mir wichtiger ist, am Leben meiner Kinder teilzunehmen. … Und manchmal ist es auch Zeit, etwas aufzuhören, um eventuell – später – für etwas Neues Platz zu haben.»

Wehmut und Tränen?

«Das letzte Konzert war super toll. Als der letzte Ton verklang, war da schon Wehmut, und ich war auch ein wenig nervös, weil ich abschliessend noch etwas sagen wollte. Aber es war ein wirklich schöner Abschluss, gut und rund, auch mit diesem weinenden Auge des Abschieds», sagt Fabio Reichelt zufrieden.

Der Nachfolger

Fabio Reichelt ist froh darüber, dass die Sugarpuffs schon einen würdigen Nachfolger gefunden haben: Zoltan Szalatnay wird seinen Platz einnehmen. Er ist Musiklehrer an der Oberstufenschule Wädenswil und an der Pädagogischen Hochschule Zürich und hat schon ein paar spannende Musikprojekte mit seinen Schülern realisiert.
Während die Geschichte der Band Sugarpuffs mit Zoltan Szalatnay weitergeht, widmet sich Fabio Reichelt nun seinen Kindern, ist weiterhin Kirchenmusiker und beteiligt an Musikprojekten, betreibt, wenn es die Zeit erlaubt, seine Lieblingssportarten Biken und Langlaufen und sucht Ruhe und Inspiration in der Natur und beim Beobachten von Vögeln.

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