Wädenswil

Die Stadt Wädenswil entwickelt sich – ein Rundgang

Wie sehr rauchende Kamine und ratternde Webstühle einst das Dorf- und Arbeitsleben von Wädenswil prägten, zeigt die historische Gesellschaft momentan in ihrer Ausstellung «Made in Wädenswil» in der Kulturgarage.

Text & Bilder: Ingrid Eva Liedtke

Im Rahmen dieser Ausstellung konnten sich am Sonntag, 3. März, Interessierte durch die Stadt führen lassen, um die architektonische Seite der industriellen Entwicklung zu betrachten. Industriebauten und Fabrikantenvillen sind Zeitzeugen, die von vergangenen industriellen Blütezeiten erzählen.
Im 19. Jahrhundert entstanden mehrere Tuchfabriken, eine Seidenweberei, drei Hutfabriken, eine Brauerei, eine Bürsten- und eine Metallwarenfabrik. Es sind Industriezweige, die sich entwickelten und eine Blüte erfahren haben, die sich auch architektonisch manifestierte.

Mitten durch die Stadt

Rebekka Stutz, eine der Kuratorinnen der Ausstellung in der Kulturgarage, führte an diesem Morgen eine ansehnliche Anzahl Teilnehmer und Teilnehmerinnen durch das Stadtzentrum. Die entfernteren Gebiete, wie der Giessen, wurden erwähnt, waren aber zu weit weg für diesen Rundgang zu Fuss.
Stutz begann ihre Führung mitten in der 200-jährigen Industrie-Geschichte und startete ihren Vortrag mit dem Landesstreik im Jahre 1918. Dieser habe sehr viel mit der Industrialisierung zu tun gehabt. Durch Preissteigerungen gerieten die Arbeiter in Not und organisierten sich. Man formierte sich in Verbänden und politischen Vereinen. Der Ton zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern hatte sich verschärft. Auch in Wädenswil kam es am 11. November 1918 zum Streik.

Das Volkshaus

Es gab eine starke Arbeiterschaft, die ihren Sparbatzen zusammenlegte und selber ein Restaurant mit Saal kaufte, weil ihnen aus politischen Gründen keine Versammlungsräume vermietet wurden. 1919, kurz nach dem Landesstreik, gründete Wädenswils Arbeiterschaft die Volksgenossenschaft und schuf sich so ein Zuhause im Volkshaus.
Das Volkshaus ist eines der Letzten seiner Art, das immer noch eine Genossenschaft ist.
Das Volkshaus zeigt die dem Zeitgeist entsprechende, verspielte Architektur von 1900.

Namen

Mit den Industrie-Gebäuden und Fabrikantenvillen der Stadt Wädenswil sind auch einige «illustre» Namen der Industriegeschichte Wädenswils verbunden. Sie sind mit den einzelnen Industriezweigen verwoben. Natürlich stecken dahinter ganze Familien, übrigens auch einige starke Frauenfiguren, die beim Tod ihrer Männer das Firmenzepter übernommen haben.
Namenlos blieben die vielen Arbeiterinnen und Arbeiter, die für den Erfolg dieser Firmen miterarbeiteten.

Felber

Die Hutfabrik Felber zum Beispiel begann ihre Produktion in einer Wohnung im Haus «Zur Reblaube» und bezog dann, als die bisherigen Räumlichkeiten zu knapp wurden, das dritte Stockwerk des Hauses Gerbe.
1911 dann war das dreigeschossige neue Fabrikgebäude an der Oberdorfstrasse 16 bezugsbereit. Es war ein Monumentalbau von Robert Maillard. Dieser hat auch im Giessen gebaut und ist für seine Brücken bekannt. Hier stellte man verschiedene Hutmodelle sowie Sportmützen her. 1954 wurde die Produktion eingestellt.
Das Gebäude wurde darauf vom Liftbauer Gebauer genutzt.
Schliesslich gab es Bemühungen aus dem Gebäude ein Kulturhaus zu machen. Diese sind gescheitert, jedoch entstand das Theater Ticino!
Das Gebäude selbst ist heute ein Geschäftshaus.
Die Wellingers waren auf dem Gebiet der Strumpf- und Handschuh-Herstellung seit 1869 in Wädenswil tätig. Die Firma Rütter stellte Korsette und Unterwäsche her.

Das Pfarrhaus und der Pfarrer Burch

Ein weiterer erster Halt galt dem Pfarrhaus der reformierten Kirche. Die Eingangstüre ist flankiert von zwei Grabplatten. Der Friedhof lag ursprünglich unter dem jetzigen Sportplatz. Eine Grabplatte ist die von Pfarrer Bruch. Er war ab 1800 reformierter Pfarrer in Wädenswil. Vorher war er in einem Textilunternehmen tätig als Hauslehrer der Unternehmertöchter, von denen er eine ehelichte. Er war an der Gründung der gemeinnützigen Donnerstagsgesellschaft beteiligt. Auf seine Initiative hin wurde ein Gehöft erworben, um die Seidenraupenzucht voranzutreiben. Der Hintergrund dafür war das Ansinnen die Armut zu bekämpfen und so eine Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten, ein übrigens sehr moderner Ansatz. Leider war diesem Projekt, wohl aus klimatischen Gründen, kein Erfolg beschieden.
Der umtriebige Pfarrer gründete auch eine Ersparniskasse – die heutige Clientis – und zeigte sich auf der Kanzel als sehr aktiver Prediger.

Hauser

Das andere Grab war das von Johannes Hauser (1776–1841), einem Gerber. In dieser Familie vererbte sich das Traditionshandwerk über mindestens sieben Generationen immer wieder vom Vater auf den Sohn.
Die Gerberfamilie Hauser besass zwar anscheinend nicht die älteste Gerberei auf dem Platze Wädenswil, sicher aber in späteren Jahren das Bedeutendste all dieser Unternehmen.
Hans Hauser ist wohl der Erbauer des prächtigen Bürgerhauses zum Talgarten, genauer gesagt des älteren, parallel zum Gerbebach verlaufenden Haupttraktes. Dieser Bau – ursprünglich ein Riegelhaus, das ums Jahr 1883 verputzt wurde – dokumentiert mit seinen wohlausgewogenen Formen und Proportionen noch heute den Wohlstand, aber auch den Kunstsinn der früheren Besitzer.

Die Gerberei war die grösste Gerberei im Kanton Zürich. Sie hatte über 70 Becken! Der Bach war damals an verschiedenen Stellen offen. Wasser war ein wichtiger Grundstoff, einerseits für die Energiegewinnung, und andererseits diente der Töbelibach dazu, das Abwasser weg – in den See – zu leiten.
Die Industrie sammelte sich immer um Gewässer.

Zinggeler und Gessner

Anfangs des 19. Jahrhunderts entwickelte sich in Wädenswil langsam eine Seidenindustrie. Da die Stoffqualität auch von gutem Garn abhing, spezialisierten sich die Brüder Zinggeler auf die Seidenzwirnerei. Sie haben den «Seidenhof» erbaut.
Ab 1853 spannen sie im Giessen und in Gebäuden rund ums heutige Central. Später dislozierten sie nach Richterswil.

Auch der «Rosenhof» repräsentiert den Anfang der Seidenweberei in Wädenswil.
Die Firma Blattmann & Kunz war ab 1839 im «Rosenhof» als Seidenweberei im Verlagssystem mit vielen Heimarbeitenden tätig. Die Seidengarne wurden gesponnen und dann in Heimarbeit gegeben. Frauen und Kinder haben zuhause gewoben.
1841 stieg August Gessner ein und führte die Weberei ab 1849 allein weiter. Man expandierte, hatte 90 Mitarbeiter und 740 Heimarbeiterinnen. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts exportierte man Seidenstoffe nach ganz Europa und Amerika.

Die zentralen Fabrikgebäude im Neuwiesenquartier wurden gebaut und in den 1880er Jahren stellte man auf mechanische Webstühle um. Die Weichen für die industrielle Seidenproduktion waren gestellt. Die Villa im Rosenmattpark, die im Stil des Historismus gebaut worden war, einem Stil, der sehr verspielt ist und verschiedene Stile in sich vereint, diente dem Wohnen der Fabrikantenfamilie Gessner. Der Park war der Privatgarten der Familie Gessner. Er wurde von Everit Mertens, einem bekannten Landschaftsarchitekten, geplant.

MEWA Blattmann

Gottfried Blattmann hatte 1839 eine Spenglerwerkstatt eröffnet. Seine Söhne bauten dann das Unternehmen aus. Seit 1911 produzierte man auch mit dem neuen Werkstoff Aluminium, ab 1913 produzierte man den Landistuhl, der in den 80er Jahren Kult-Status als Designobjekt erlangte. 1934 hatte man ein neues Fabrikgebäude für die riesigen Metallpressen an der Zugerstasse errichtet – auch an einem Bach!
Dieser soll bei dem neu geplanten Wohnprojekt wieder freigelegt werden.

Der Freihof

Der «Freihof», das heutige Stadthaus, war 1832 als Baumwollspinnerei gebaut worden. Diese kam aber nie zum Laufen und wurde dann als Schule genutzt, später als Weinhandlung. 1905 wurde das Haus zur Gemeindekanzlei.

Theilers und Treichlers im «Seidenhof»

Der «Seidenhof» wurde 1840 von Heinrich Theiler-Wirz gebaut, dann von Jakob Treichler gekauft, der darin eine Wollspinnerei betrieb. Diese wurde später zur Wolltuchfabrik Tuwag.

Der Park der Villa wurde auch von Everist Mertens gestaltet und ist, wie einige dieser romantisch barocken Gärten, mit exotischen Bäumen bepflanzt und hat eine Grotte.
Da sich Herr Treichler auch mit der neu aufkommenden Elektrizität beschäftigte, war der Seidenhof eines der ersten Häuser mit Strom.

Weber

Mit der Industrialisierung des Dorfes veränderte sich auch das Konsumverhalten der Bevölkerung. Güter wurden importiert, wie zum Beispiel Tabak und Gewürze, und es wurde Bier gebraut! 1856 übernahm Michael Weber, zusammen mit seinem Schwager, die Brauerei Wädenswil und baute sie aus. 1858 wurde der Felsenkeller gebaut, als Grundlage für Lagerbier.

1867 löste sich das Partnerschaftsverhältnis auf und Michael Weber führte den Betrieb bis zu seinem Tod 1885 unter dem Namen «Brauerei Wädenswil, Michael Weber» alleine weiter.

Nach dem Tod von Michael Weber führte seine Frau die Brauerei weiter, was in dieser Männerdomäne eine grosse Herausforderung darstellte.

Frauenberufe, Arbeiter­quartiere und die erste Kita

Die Frauen leisteten einen sehr grossen Beitrag, zuerst zuhause an den Webstühlen und später in den grossen Fabrikhallen. In der Seidenweberei waren bis zu 85% der Beschäftigten Frauen. Sie wurden meistens für die einfachen Arbeiten eingesetzt und waren so billige Arbeitskräfte. Auch wenn sie die anspruchsvolleren Positionen bekleideten, erhielten sie dafür weniger Lohn.

Nach dem 2. Weltkrieg holte man sich auch Arbeiterinnen und Arbeiter aus dem nahen Ausland (Italien, Spanien), und so entstanden Arbeiterquartiere mit Kosthäusern und geführten Wohnheimen für junge Arbeiterinnen, zum Beispiel an der Glärnischstrasse.
Die Seidenweberei Gessner betrieb eine der ersten Kinderkrippen im Kanton Zürich.

Das Stadtbild von Wädenswil ist architektonisch geprägt durch seine industrielle Geschichte. Viele dieser Wirtschaftszweige mussten ihre Produktion einstellen und sich neu orientieren. Die Produktionsstätten sind unterdessen geschlossen und die Gebäude sind umgenutzt worden.
Die Stadt entwickelt sich weiter.

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