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Altlastensanierung im Mülibachtobel auf gutem Weg

Nach zehn Jahren Vorarbeit konnte Ende Juli mit den ersten Schritten zur Sanierung von Kugelfang und ehemaliger Mülldeponie gestartet werden. Bereits hat sich Gemeinderat, Naturschutz und Forstamt Gedanken zur Aufforstung in besagtem Gebiet gemacht.

Text und Bilder: Reni Bircher

«Was lange währt, wird endlich gut», so sagt der Volksmund, und nachdem nun endlich alle Bewilligungen eingeholt, Zuschüsse von Bund und Kantonen zugesagt und keine Einsprachen erhoben wurden, konnte das Sanierungsprojekt in den Sommerferien endlich starten. Linkerhand des unteren Mülibachtobel-Einganges, wo sich Kleinsträucher und Grillstelle befanden, wurde eine alte Mülldeponie ausgehoben. «Von der haben vielleicht noch alt eingesessene Richterswiler gewusst*», meint Christian Stalder, Gemeinderat und Ressortvorsteher Werke. Ihm selber, der in Richterswil aufgewachsen ist, sei das nicht bewusst gewesen. Diese wurde aufgrund von Sondierungsarbeiten im Rahmen der vorgehenden Abklärungen entdeckt. Rechts vom Bach, also auf Wollerauer Seite (die Landparzelle selbst gehört jedoch der Gemeinde Richterswil), befand sich der Kugelfang der Schiessanlage, welche 1984 stillgelegt wurde. Bei der Bleiverschmutzung in diesem Gebiet dürfte es sich geschätzt um 18 Tonnen handeln.

Erosion verhindern

Der Boden bei der alten Mülldeponie wurde teilweise abgetragen und der Schadstoffgehalt in jeder Dumpingfuhr durch einen Geologen gemessen und vom Labor überprüft. So konnte immer ermittelt werden, wie stark das Erdreich belastet ist und in welcher Deponie es entsorgt werden muss. «Es muss genauestens dokumentiert werden, wie viele Tonnen von welchem Material abgeführt wurde», erläutert Philipp Kümin von den Werken, welchen die Bauherrschaft für dieses Projekt untersteht. Ein äusserst aufwändiges Unterfangen. Die Messwerte lieferten auch einen Eindruck davon, wieviel Material noch ausgebaggert werden muss. In diesem Bereich stiessen die Mitarbeiter der Eberhard Bau AG auf Pfannen und Töpfe, Holzöfen, Kochherde, Tierknochen, aber vor allem auf diverse Glasflaschen, in denen sich sogar noch Flüssigkeiten befanden, wie Kümin berichtet. Auch solche, die giftig sind. Nach dieser Teildekontamination wurden Buhnen** eingebaut und dem Ufer entlang eine Natursteinmauer mit hiesigen und Urner Blocksteinen angelegt. So kann kein belastetes Material mehr erodieren. Dass die Firma Eberhard Bau AG ins Boot geholt werden konnte, um die Sanierungsarbeiten auszuführen, ist laut Bauherr ein grosser Gewinn: «Er ist wohl der erfahrenste Unternehmer in der Deutschschweiz auf dem Gebiet Altlastensanierung und Wasserbau.»

Blei weitherum verteilt

Beim Kugelfang wird ein rund zehn Meter breiter Uferstreifen an kontaminiertem Material in ein Endlager abgeführt. Die derzeitige Belastung beträgt teilweise über 1000 mg pro Kilogramm Erde, und der Aushub wird erst gestoppt, wenn sich diese Zahl auf weniger als 50 mg reduziert hat im Bereich eines Zehn-Meter-Uferstreifens. «Die Gefahr eines Erdrutsches ist im Mülibachtobel gross, und wir müssen verhindern, dass verseuchte Erde ins Wasser und somit ins Trinkwasser gelangt», ist sich Philipp Kümin bewusst. Erstaunt hat das Auffinden von Blei im Flussuferbereich viel weiter hinten am Flussbett. «So schlecht konnte wohl keiner schiessen», meint Stalder lachend, sinniert aber, dass möglicherweise Kinder, welche vor der Sperrung des Gebietes auf Kügelchensuche gingen, damit gespielt und sie so weiter verteilt haben. Bei ersten Grabungen stiess man auf alte Eisenbahnschwellen; wofür diese genutzt worden waren, ist unbekannt.
Der Gemeinderat zeigt sich erleichtert über die negativen Testergebnisse weiter oben im Wald, denn wenn dort Bäume gefällt und Erde hätte abgetragen werden müssen, wäre wegen der Steillage ein Erdrutsch durchaus möglich gewesen. Auf Wollerauer Gebiet wurden an die zweihundert Proben durch einen Geologen ausgeführt.

Kompromisse und Zukunftsvisionen

Der Zeitpunkt der Rodung gab zu diskutieren, weil diese in die Brutschutzzeit fiel. «Ein Projekt wie dieses zeigt auf, wie wichtig eine Schnittstelle zwischen der Gemeinde und dem Naturschutz ist», sagt Regula Büchler, Vorstand Naturschutz Richterswil-Samstagern. Diese Schnittstelle wurde Ende 2019 aufgelöst. «Wir waren im Zugzwang, weil wir die Altlastensanierung dieses Jahr angehen und fertigstellen wollten», erklärt Philipp Kümin. Im Oktober beginnt bereits die Fischschonzeit und in diesem Spannungsfeld musste eine Entscheidung fallen. Deswegen wurde auf Empfehlung des Amts für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel) die Orniplan AG (Büro für Fachkompetenz für Natur- und Artenschutz, Ornithologie und Wildtierbiologie) aus Zürich, eingeladen, sich die Situation vor Ort anzuschauen und ein Urteil über mögliche Brutgeschäfte abzugeben. Deren Beurteilung machte den Arbeitsbeginn schliesslich zulässig. Da es sich um ein kantonsübergreifendes Projekt handelt, mussten auch mit Ämtern auf beiden Seiten verhandelt und Abklärungen getroffen werden. Bei den Beurteilungen der Situation sei einmal mehr aufgefallen, dass die Zürcher bedeutend mehr und strengere Auflagen haben als die Schwyzer. «Ich bin jetzt seit sechs Jahren in dieses Projekt involviert. Irgendwann ist die Geduldsgrenze erreicht, und wenn dann endlich alle Bewilligungen da sind, dann möchte man einfach loslegen», äussert sich Gemeinderat Christian Stalder.

Die Bäume, welche der Altlastensanierung zum Opfer fielen, werden ersetzt. «Bei der Aufforstung haben wir mehr Zeit und können ein gutes Konzept erarbeiten», sagt Christian Stalder. Da wolle man mit allen Beteiligten, wie dem Forstamt und Naturschutz, ein gutes Konzept ausarbeiten und heimische Bäume, Büsche und Kleinsträucher pflanzen.
Beide Kantone leisten finanzielle Hilfe, ebenso der Bund, welcher Gelder aus dem Vasa-Fond*** sprach: für jede Schiessscheibe zahlt er CHF 8000; in der ehemaligen Schiessanlage Richterswil waren es deren zwölf. Der Kanton Schwyz beteiligt sich mit 30% an den Sanierungskosten, somit muss die Gemeinde unter dem Strich nicht einmal die Hälfte der angeschlagenen 1,6 Millionen Franken selbst berappen. Auf die Erstellung eines Spielplatzes wird bewusst verzichtet. «Auch wenn ich immer sehr für Spielplätze bin, so soll dies einfach ein Waldeingang sein», erklärt Stalder. Der Mülitobelwald ist reine Erholungszone und soll der Renaturierung dienen.

  • Erinnerungen von Hans S. (78): «Zwischen Waldweg und Bach befand sich eine Grube, wo die Leute alles reingeschmissen haben. Manchmal fand man noch etwas, was sich verwenden liess und nahm es mit nach Hause. Zwischendurch wurde mal wieder etwas Erde drauf geschüttet und eine neue Abfallschicht begonnen. Das ging noch bis Anfang der 1960er-Jahre so. Umweltschutz war damals noch ein Fremdwort und man darf wohl zu Recht sagen, dass es sich damals eher um das ‹Müllbachtobel› handelte.»

** Buhnen: ein vom Flussufer im rechten Winkel errichteter Damm. Kommt ebenfalls im Meer dem Strandverlauf nach als Küstenschutz zum Einsatz.
Im Mülibachtobel werden vier Meter lange Stämme aus der Rodung benutzt und mit dem Wurzelwerk in leichter Aufwärts-Schräglage in Richtung zum Wasser gelegt und verankert. Die Buhnen werden in der Einbuchtung auf Richterswiler Seite angebracht, damit das Geschiebe nicht dort hängen bleibt. Der Wasserlauf und somit auch das Geschiebe geht im rechten Winkel von den Buhnen weg, wird in die Mitte des Gewässers geleitet und hält die Bachmitte frei und tief. Die Freiräume im Wurzelgeflecht dienen den Fischen als Unterschlupf.

*** Vasa-Fond: Erträge aus den Abgaben werden ausschliesslich für die Massnahmekosten von Untersuchung, Überwachung und Sanierung
von belasteten Standorten verwendet.

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