Wädenswil

Ashley Stutz – CEO und Mutter

Ashley Stutz ist CEO der Pomcanys Holding AG, wovon Stutz Medien AG in Wädenswil ein Teil ist, und sie ist zweifache Mutter. Kann Muttersein und das Führen eines Unternehmens in einem weiblichen Leben integriert werden? Welche Strukturen bräuchte eine Frau wie Ashley Stutz, um ihre Aufgaben in einem bestmöglichen Umfeld erfüllen zu können? Welche Strukturen brauchen zukunftsorientierte Unternehmen? Ein Nachdenken und ein Gespräch über Muster und Strukturen.
Text & Bild: Ingrid Eva Liedtke

Ashley Stutz hat keine fertigen Antworten parat. Im Gespräch mit ihr, das oft einem lauten Nachdenken gleichkommt, wird klar, dass sie neue Wege beschreitet und dabei versucht, ihre positiven Erfahrungen in so etwas wie neuen tragfähigen Mustern zu verankern.

Wer ist Ashley Stutz?

Auf die Frage, wer sie ist, legt Ashley Stutz nicht ihre Ausbildungen, nicht Diplome oder grossartige Berufserfahrungen auf den Tisch, obwohl es die gibt. Sie denkt zuerst eine Weile nach und sagt dann: «Ich habe keine klare Antwort auf diese Frage. Vieles in meinem Leben hat sich in den letzten Jahren verändert. Vor zwei Jahren hätte ich vielleicht schneller und genauer antworten können. Nun, da ich meine zwei Kinder bekommen habe (die zwei Mädchen sind 7 und 21 Monate alt) und dieses Thema des Kinderkriegens – wie ich glaube – abgeschlossen ist, bin ich wieder dabei, mich neu zu erfinden. Ich habe gerade viele verschiedene Hüte auf, mit denen ich jonglieren muss. Mein Haupthut ist, …», sie stockt, überlegt «… so glaube ich, die Führung dieses Familienunternehmens. Dann bin ich auch Mutter. Oder müsste ich jetzt korrekterweise zuerst mein Muttersein nennen? Eigentlich verschmilzt das alles miteinander.
Da ich momentan nicht so viel Zeit zur Verfügung habe, stellen sich mir zuerst die Fragen nach den wichtigsten Aufgaben und auch die nach den Dingen, die ich sein lassen kann. Aber wir Menschen haben auch immer unsere Gewohnheiten. Eine meiner Gewohnheiten ist, ein schönes Zuhause zu haben, eines, das schön gestaltet ist, gut riecht und aufgeräumt ist, ein Ort, der gemütlich ist, wo Blumen auf dem Tisch stehen und genug im Kühlschrank ist. An einem solchen Ort fühle ich mich wohl. Momentan ist das aber völlig illusorisch, und die Szenerie, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, oft eine andere: Spielsachen liegen über den Boden verstreut herum, Babyflaschen stehen auf dem Tisch, und die Kissen auf dem Sofa sind zerknautscht. Mein Partner schafft es – verständlicherweise – mit zwei kleinen Kindern momentan nicht, all diese Erwartungen zu erfüllen. Er nimmt das alles auch ziemlich gelassen, darum ist er wohl besser für diesen Job mit den Kindern geeignet. Trotzdem bleibt mir die Frage, was eigentlich meine Aufgaben sind, die ich zu Hause übernehmen sollte: Aufräumen? Mit den Kindern spielen? Noch E-Mails checken? Was hat Priorität? Womit würde ich mich wohlfühlen? Durch Kinder wird vieles über den Haufen geworfen. So ist das oft für uns Frauen. Nun muss ich herausfinden, wie ich Pausen im Chaos machen kann und auch, wie ich Chaos gut aushalten kann.»

Eine Zeit des Umbruchs

Die momentane Zeit bedeutet einen grossen Umbruch für die 35-Jährige. Sie hat sich in ihrer Mehrfachrolle noch nicht ganz eingerichtet. «Es kann sein, dass man diese Entwicklung nie ganz abgeschlossen hat», sinniert sie, «denn die Kinder, die Familie, der Job, die Firma – alles verändert sich immer wieder.»
Als Ashley Stutz und ihr Partner Bruno Lopes ihr erstes Kind bekamen, waren sie beide arbeitstätig, und Ashleys Vater hat seine erste Enkelin gehütet.
«Ich war damals schon zu hundert Prozent involviert, aber flexibel unterwegs, mal tagsüber zuhause, dann abends am Schreibtisch oder an einem Networking-Event. Als das zweite Kind unterwegs war, haben wir verschiedene Szenarien geprüft. Da mein Partner in seinem Job nicht besonders happy war, wollte er mal einen Versuch als Vollzeitvater machen. Es sind jetzt erst etwa drei Monate, seit mein Mutterschaftsurlaub beendet ist, darum können wir noch nicht von einer langen Erfahrung berichten. Bruno ist Portugiese. Seine Mutter kommt regelmässig zu Besuch und fängt gewisse Dinge in unserem Haushalt auf. Darüber bin ich froh. Sie ist sehr nett, liebt die Kinder, ist jung, modern und sehr zuvorkommend. Wir verstehen uns gut, und sie freut sich immer, ihre Enkelinnen zu sehen. Wenn sie da ist, dann ist oft schon gekocht und aufgeräumt, wenn ich nach Hause komme. Dadurch wird mein Nervensystem ein wenig beruhigt. Ich muss nun noch an meinem Portugiesisch schleifen.» Ashley Stutz lacht.

Wie schwierig ist es, Prägungen loszulassen und das Leben neu zu denken, als Familienmensch und als Berufsmensch? «Mein Partner kommt aus einem patriarchalen Umfeld. Sein Vater hat gearbeitet und nichts im Haushalt gemacht. Er kennt aber auch das portugiesische Modell der Grossfamilie, wo alle aufeinander schauen. In Portugal weiss jeder, wie man mit einem Kind umgeht. Trotzdem habe ich oft ein schlechtes Gewissen. Zum Beispiel kommt heute meine Schwiegermutter und ist abends bereits allein mit den Kindern. Mein Mann sagt immer: ‹Sie weiss, wie das geht. Sie macht das einfach, ohne überlegen zu müssen.› Ich glaube auch, dass sie es schön findet, mit ihren Enkelinnen zu sein, und ich kann noch von ihr lernen. Sie kann die Kinder manchmal besser beruhigen als ich. Das muss man dann auch annehmen können.»

Was braucht es, um als Mutter weiterhin eine Karriere verfolgen zu können? «Das A und O ist sicherlich das Support-System. Man braucht Personen, denen man vertrauen kann, die diesen Job zu Hause gerne tun. Man muss auch lernen zu vertrauen! Ich muss mich beim Arbeiten hier in der Firma konzentrieren können. Das wäre die Basis. Trotzdem fällt es mir manchmal schwer. Ich muss noch eine Technik finden, um mein Nervensystem zu beruhigen, um den Wechsel von der Mutter zur Unternehmerin zu handhaben. Das geht meistens Schlag auf Schlag, da ist kaum Zeit, um sich zu erden. Ich habe letzthin ein Seminar in ‹Breathwork› gemacht. Das ist vielleicht etwas, das mir helfen könnte. Meditieren ist eher schwierig. Da sich momentan jeder Tag anders gestaltet, ist es schwierig für mich irgendeine Routine zu etablieren.»
Ashley Stutz ist ein wenig übernächtigt. Sie ist schon seit vier Uhr in der Früh wach, weil eine ihrer Töchter zahnt.

Was wäre von Politik und Gesellschaft zu wünschen? «Ich habe oft das Gefühl, beweisen zu müssen, dass ich mit zwei Kindern alles im Griff habe. Das ist sicher gesellschaftlich bedingt. Gestern zum Beispiel besuchte mich mein Partner mit den Kindern im Geschäft. Ich habe ihm gesagt, dass er das jederzeit tun könne. Aber gestern hatte ich noch einen Termin, und Bruno wollte mit den Kindern mit mir heimfahren. Während meines Termins hatte ich immer im Kopf, dass sie da sind, hörte die Kinder im Hintergrund und machte mir Sorgen darüber, ob sie wohl meine Mitarbeitenden zu sehr ablenkten. Das stresste mich dann so, dass ich beschloss, früher heimzugehen, wobei ich mir dann auch noch Gedanken darüber machte, dass man nun meinen könnte, dass ich mir als Chefin einfach herausnehme, früher zu gehen. Ich hatte den Impuls, allen zu versichern, dass ich zu Hause weiterarbeiten würde.»
Oft realisiere sie, dass sie noch in diese alten Muster kippe, es allen recht machen zu wollen, und dann hoffe sie, dass sich ihre Kinder unauffällig benähmen, ja nicht unangenehm auffielen.
«Da wünsche ich mir auch von der Gesellschaft mehr Verständnis und eine offenere Kultur Familien gegenüber, Menschen, die mit mir und meinen Kindern interagieren – so, wie das in Portugal geht. In Portugal nimmt schnell jemand dein Kind auf den Arm. Das findet man nicht seltsam. Wenn man bedenkt, dass wir in Europa wieder mehr Bevölkerungswachstum brauchen, bräuchte es auch Anstösse, und es wäre sicher gut, wenn Kinder nicht überall störten. Kinder sollten ein selbstverständlicher Teil der Gesellschaft sein. So wäre alles viel entspannter, auch die Kinder. Vor allem muss ein gesellschaftlicher Wandel angestrebt werden. Das bedeutet, dass Männer und Frauen gleichermassen in die Wirtschaft integriert werden, sodass ihre Ressourcen wirtschaftlich von Nutzen sein können. Das würde bedeuten, unternehmerische Strukturen aufzubrechen und zu wandeln, sodass die Hürden der alten Schemata verschwinden. Leider habe ich auch keine allgemeingültige Idee. Auf jeden Fall haben wir momentan immer noch einen extremen Organisationsaufwand zu bewältigen. Das müsste man besser machen.»
Da der Trend momentan in Richtung mehr Teilzeitarbeit gehe, müsse ein Unternehmen noch flexibler werden, und der Organisationsaufwand werde noch grösser.

Wie machen es Stutz Medien?

«In unserem Unternehmen erarbeiten wir mit jedem Mitarbeiter, jeder Mitarbeiterin ein persönliches und adäquates Arrangement, soweit das möglich ist, damit er oder sie bestmöglich performen können. Das können wir als KMU leisten. Es ist in der Verantwortung meines CFO und HR-Verantwortlichen, Damian Winkler, dass mit jedem Mitarbeitenden jährlich aufs Neue der Arbeitseinsatz und Arbeitsplatz für das kommende Jahr angeschaut wird. Auch Menschen im Spektrum, Hochsensible wie auch sehr kommunikative Menschen sollen einen passenden Arbeitsplatz bekommen. Das ist im besten Fall eine Win-win-Situation, kann manchmal aber auch bedeuten, sich von einer Idee zu verabschieden. Das ist dann kein Abstieg, sondern nur eine Anpassung an neue Gegebenheiten. Ein Beispiel: Wenn eine Teamleiterin hauptsächlich Homeoffice machen möchte, muss sie sich eventuell von ihrer Funktion als Teamleiterin verabschieden, da sie dafür zu wenig vor Ort ist. Trotzdem ist sie und ihre Arbeit sehr wertvoll für uns. All dies erfordert viel Flexibilität auf allen Seiten.»
Bei diesem Modell, so Ashley Stutz, gehe es weniger um die Rollen von Mann oder Frau, sondern vielmehr darum, welche Rolle gerade zum Leben der Betreffenden und den Anforderungen des Unternehmens passe. Vom gewohnten Karriere- und Aufstiegsdenken möchte sie wegkommen. «Ist eine ‹Karriere› immer dringend? Passt sie zu dem angestrebten Leben?», fragt sie. «Für uns ist der Wert, den eine Person in unsere Firma einbringt, entscheidend.»

Eigenverantwortung

Einen Teil der Verantwortung für die Zufriedenheit am Arbeitsplatz und die Work-Life-Balance möchte Ashley Stutz dann auch in die Verantwortung jedes Individuums geben. «Manchmal», so sagt sie, «habe ich den Eindruck, wir Arbeitgeber müssten die eierlegende Wollmilchsau sein. Es wird viel auf das Unternehmen abgewälzt. Für den Sinn im Leben ist aber jeder Mensch auch noch selbst verantwortlich.» Die beste Lösung sieht sie in einem Geben und Nehmen, dem gemeinsamen Erarbeiten von funktionierenden Strukturen.
Wie geht die Firmengruppe mit Mutterschaft um? Ashley Stutz: «Wir haben viele junge Leute bei uns, die Eltern werden. Das ist für uns ‹Daily Business›. Und wir freuen uns, wenn sie sich wieder integrieren, und suchen individuelle Lösungen mit den Leuten. Wir können uns das erlauben mit unserer Grösse, mit 60 Angestellten in der ganzen Gruppe (30 bei Stutz Medien).»

Das Überwinden von patriarchalen Strukturen

Ashley Stutz hat die Leitung von Stutz Medien 2021 von ihrem Vater, Ruedi Stutz, übernommen. Er hat die Firma, die 1883 als Druckerei gegründet wurde, 2007 erworben und das Unternehmen weiterentwickelt – vom klassischen Produktionsbetrieb zu einer vielseitigen Partnerin für Marketing und Kommunikation. Ashley Stutz setzt den eingeschlagenen Weg konsequent fort, auch wenn es viele patriarchale Strukturen zu überwinden galt. «Mein Vater war noch ein Patron, der die wichtigen Entscheidungen selbst traf. Für mich war klar, dass ich nur übernehme, wenn mein Vater aus dem Geschäft aussteigt und ich eigene, neue Strukturen schaffen kann.» Mit Anerkennung in der Stimme sagt sie: «Er hat es geschafft, loszulassen. Er ist immer noch Inhaber der Pomcanys Holding und unterstützt mich in meinen Entscheidungen. Ich werde allerdings in näherer Zukunft das Aktienpaket übernehmen.»

Flache Hierarchien

Ihre Geschäftsleitung (Beat Schoch und Damian Winkler), so Ashley Stutz, habe schon lange auf Augenhöhe gearbeitet. «Darum fanden wir schnell einen neuen Modus, der dem heutigen Zeitgeist entspricht. Wir arbeiten in Teams mit Teamleiterinnen und Teamleitern. Es sind etwa gleich viele Männer wie Frauen. Diese flachen Hierarchien funktionieren wunderbar!»
«An der letzten Weihnachtsfeier sagte mir eine Mitarbeiterin, dass sie es schön und inspirierend findet, dass bei uns Familie und Arbeit vereinbar sind», erzählt Ashley Stutz. «Da ist mir sehr klar geworden, dass ich in meinen eigenen Rollen ein gutes Beispiel abgeben kann. Dabei liegt es mir fern, vormachen zu wollen, dass dies alles ein Spaziergang ist. Ich möchte ehrlich und ungeschminkt darüber sprechen können, wie es ist, wie schwierig es manchmal auch sein kann. Ich finde häufig, dass mein Mann tagsüber den härteren Job hat, dass Care-Arbeit strenger ist als CEO zu sein. Aber wenn man alles anschaut – privat und geschäftlich) –, also den ganzen Mental Load, die ganze Verantwortung, dann habe ich das schwerere Paket zu tragen. All dies muss thematisiert werden können. Und ich bin mir bewusst, dass ich persönlich auch viel Glück und gute Voraussetzungen habe.»

Weibliche Eigenschaften

Ashley Stutz denkt viel über Gemeinschaft nach, und dabei kommt die Frage auf, welche weiblichen Eigenschaften in unserer Gesellschaft und auch in Unternehmen zum Tragen kommen müssten. Es ist der wertschätzende Umgang, den sie als zentral erachtet. «Wir Frauen sind eher dem Understatement verpflichtet. Ich selbst sehe mich als Initiantin und entscheide nur sehr selten alleine. Meistens nähern wir uns an, und dann kann etwas Gutes entstehen. Wir haben ein gutes inneres Alarmsystem – die Intuition. So erarbeiten wir gemeinsam neue Ideen und Lösungen und befeuern uns gegenseitig. Aber ich bin froh, dass auch die Männer in meiner Firma ebenso gut zuhören und mit den Mitarbeitenden einen Konsens finden können. Wir sind alle wertschätzend, und so kann etwas Gutes entstehen. Das Zuhören und die Suche nach einem Konsens sind wichtig und benötigen ein wenig mehr Zeit, aber die Resultate sind mit Sicherheit besser, und alle fühlen sich wohler, was auch dem Unternehmen zugutekommt.»

Vision

Ashley Stutz’ Vision, wie sie ihr Unternehmen führen will, lässt sich einfach zusammenfassen, und damit lässt sich auch gleich die Frage nach ihrer grössten Freude beantworten: «Meine grösste Freude ist, wenn es meinem Umfeld gut geht. Wenn Harmonie herrscht und ich das beobachten kann, als stille Teilnehmerin. Das gibt mir Frieden.»
So löst sich auch ihr grösster Stress, es allen recht zu machen, auf, und die Unternehmerin findet darin auch noch eine gute Möglichkeit aufzutanken: beim Arbeiten in ihrer Firma, durch all die vielen Begegnungen und die tollen Projekte!

… und Träume?

Das Familienhaus in Erlenbach zu einem Mehrgenerationenhaus umbauen, wo auch ihr Bruder einzieht und die ganze Familie zusammenwohnen kann. Irgendwann ein kleines Zuhause in Portugal, wo man bei garstigem Wetter sein und auch arbeiten kann. «Und natürlich, dass mein Unternehmen gut läuft und sich weiterentwickelt!»n

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